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"Welcome to Sweden" im NDR:Hitler kann man hassen. Zimtschnecken nicht

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Familienidylle mal anders: In "Welcome to Sweden" treffen zwar schräge, aber auch liebevolle Charaktere aufeinander.

(Foto: Linus Hallsenius/NBC)

Alle Zelte abbrechen und der Liebe nach Schweden folgen: Was romantisch klingt, entpuppt sich für Bruce Evans als ungeahnte Herausforderung. Denn das Sehnsuchtsland ist nicht die perfekte Idylle.

Stellen Sie sich vor, Sie sind gerade zwanzig Stunden über den Atlantik geflogen. Sie kommen in ein Land, dessen Sprache Sie nicht mal ansatzweise beherrschen. Sie werden trotz ihrer Seekrankheit mit dem Boot zum Zielort gebracht. Dort angekommen, will die Familie ihrer Freundin ständig mit Ihnen Schnaps trinken, allen voran der verschroben bis bedrohlich wirkende Bruder ihrer Liebsten.

Im Zustand vollkommener körperlicher und geistiger Ermattung müssen Sie mit nackten Männern, die ihnen wenige Stunden zuvor noch völlig unbekannt waren, in der Sauna schwitzen. Dann positioniert sich auch noch der Vater Ihrer besseren Hälfte in seiner ganzen entblößten Manneskraft vor Ihnen, um Sie in der Familie willkommen zu heißen.

Wie würden Sie da reagieren? Bruce Evans kippt einfach um.

Ausblick auf das Serienjahr 2015

Wir sind die Neuen

Das ist die irre Auftaktepisode der US-Serie Welcome to Sweden, die der NDR von heute an donnerstags in Doppelfolgen ausstrahlt. Die Komödie ist eine Gemeinschaftsarbeit: Amy Poehler (die zuletzt zum dritten Mal in Folge die Golden Globes moderierte) ist die Produzentin und ab und an in einer Gastrolle zu sehen. Ihr Bruder Greg Poehler schrieb das Drehbuch und spielt die männliche Hauptrolle.

Neustart mit Hindernissen

Die Geschichte ist schnell erzählt: Bruce Evans ist erfolgreicher Steuerberater in New York. Zu seinen Kunden gehören Prominente wie Gene Simmons von der Band Kiss und Schauspieler Will Ferrell. Er verdient damit eine Menge Geld - und lässt doch all das hinter sich: für seine große Liebe Emma Wiik (Josephine Bornebusch), die er in ihr Heimatland Schweden begleitet, um auch beruflich völlig von vorn anzufangen.

Klingt romantisch? Ist es auch. Dumm nur, dass sonst kaum jemand die Entscheidung nachvollziehen kann. Das fängt beim Mann vom schwedischen Zoll an und hört bei Emmas Eltern nicht auf. Schnell muss Auswanderer Bruce erkennen: Auch in Skandinavien zählen Gefühle eher wenig, wenn es um das liebe Geld geht.

Der Ansatz der Serie ist einfach: Sie bricht mit der Erwartungshaltung, Schweden sei ein idyllischer Sehnsuchtsort, an dem jeder frei von gesellschaftlichen Zwängen seinen Träumen nachhängen kann. Denn Bürokratie und Stress gibt es überall. So gerät der erhoffte Neustart zwischen Einbürgerungsamt und Wohnungssuche zuweilen zum Belastungstest für das junge Paar.

Es geht nicht um Ikea und Elche

Im Zentrum von Welcome to Sweden stehen aber all die kleinen und großen kulturellen Unterschiede, mit denen ein Mensch in einem fremden Land umzugehen lernen muss. So stellt Allergiker Bruce fest, dass Zimtschnecken seiner Neu-Familie heilig sind. Seine heftige, wenn auch medizinisch begründete Ablehnung lässt Emmas Mutter Viveka (Lena Olin) verstört zurück ("Wie kann man Zimtschnecken hassen? Hitler kann man hassen. Aber doch keine Zimtschnecken.").

Angenehm: Die Poehlers kommen ohne die ganz großen Klischeekeulen aus. Es geht nicht um Ikea und Elche. Sicher, es gibt auch hier die Bilder von klassischen Holzbauten in Falunrot, die pittoresk am See gelegen sind. Doch so etwas muss ja auch nicht künstlich wegretuschiert werden: Jeder, der bereits im Norden Europas unterwegs war, kennt die Schönheit des Landes.

Die Handlung und das Drumherum wirken authentisch. Was daran liegen mag, dass Greg Poehler seine eigene Geschichte aufarbeitet. Er selbst war früher Anwalt (statt Steuerberater) und blieb es auch noch eine ganze Weile, nachdem er mit seiner heutigen Ehefrau Charlotta nach Schweden kam. Davon abgesehen sind Bruce Evans und Greg Poehler aber quasi ein und dieselbe Person.

Tolle Optik und schrullige Charaktere

Ein weiterer großer Pluspunkt des Formats sind die liebevoll schrulligen Charaktere. Da wäre der sympathisch erfolglose Gustaf, Emmas Bruder, dessen neueste Idee es ist, in Stockholm einen Reggae-Club zu eröffnen. Patriarch Birger Wiik ist ein großer ruhiger Ex-Kapitän, der immer dann tapsig dazwischen funkt, wenn Bruce und Emma einen Moment der Intimität suchen. Und sogar der verzweifelte Mitarbeiter im Arbeitslosenamt, der Bruce endlich vermitteln will, trägt zum stimmigen Gesamtbild bei.

Deutlich weniger unterhaltsam wird es, wenn das Paar nur allzu bekannte Konflikte ausficht. Dann wird der Rahmen austauschbar und Welcome to Sweden hat plötzlich Längen. Trotzdem ist die Serie nicht nur wegen der durchschnittlich zwanzig Minuten Episodenlänge ein kurzweiliges Vergnügen, das Fernweh lindert. Oder erst hervorruft?

Welcome to Sweden, NDR, donnerstags 23.30 Uhr.