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Wahlempfehlung in US-Magazin:"Dass Trump Republikaner ist, ist zweitrangig"

US-Wahl 2020: Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Wisconsin

"Weil er Evidenz und Expertise ablehnt, sterben viele Menschen", sagt Laura Helmuth über Donald Trump, hier besteigt er die Air Force One nach einer Wahlkampfveranstaltung.

(Foto: AFP)

175 Jahre lang hat das älteste US-Wissenschaftsmagazin keine Wahlempfehlung abgegeben - bis jetzt. Chefredakteurin Laura Helmuth erklärt, wieso man mit der Tradition brechen musste.

Interview von Benjamin Ansari

175 Jahre der Neutralität: vorbei. Seit 1845 existiert das Wissenschaftsmagazin Scientific American (SciAm) - die älteste durchgängig erscheinende Monatszeitschrift der USA. Noch nie hat sie, anders als bei anderen Publikationen durchaus üblich, gegenüber ihren zehn Millionen Lesern eine Wahlempfehlung abgeben. Bis jetzt. In einem jüngst auf der Website und in der Oktoberausgabe veröffentlichten Leitartikel engagiert sich die Redaktion für Joe Biden. Chefredakteurin Laura Helmuth erklärt im Videogespräch, warum diese Entscheidung ihrer Meinung nach notwendig war. Man erreicht sie im Home-Office in Maryland, in einem Vorort von Washington, D.C.

SZ: Erstmals seit 175 Jahren unterstützt SciAm einen Präsidentschaftskandidaten. Wieso gerade jetzt?

Laura Helmuth: Natürlich gab es früher schon Präsidenten, die wissenschaftliche Erkenntnisse infrage gestellt haben. Donald Trump ist aber der Erste, der sie aktiv ablehnt, Experten anzweifelt, Fehlinformationen und Verschwörungsmythen verbreitet. Er ist ein Nationalist, der mit seinen Reiseverboten die internationale Zusammenarbeit behindert - dabei lebt Wissenschaft von Kooperation. Er will mit den USA aus dem Pariser Klimaabkommen und der Weltgesundheitsorganisation austreten. Und auch sein Management der Pandemie ist katastrophal: Weil er Evidenz und Expertise ablehnt, sterben viele Menschen.

SciAm engagiert sich also weniger für die Demokraten, als vielmehr gegen Trump?

Genau. Wir sprechen bewusst nicht von Demokraten oder Republikanern, weil wir unparteiisch bleiben wollen. Diese Wahl geht über die Parteien hinaus: Es geht darum, für Fakten einzustehen und sich gegen Fehlinformationen zu wenden. Dass Trump Republikaner ist, ist zweitrangig. Wir hoffen, dass viele traditionell republikanische Wähler das ähnlich sehen.

Scientific American Oktober Issue 2020 Cover

SciAm veröffentlichte die Wahlempfehlung auf der Website und in der Oktoberausgabe.

(Foto: Scientific American)

Haben Sie intern diskutiert, ob man Partei ergreifen sollte?

Oh ja. Alle Redakteure haben mitdiskutiert. Wir haben die Entscheidung sehr ernst genommen - und waren uns dann alle einig, dass gerade wir unsere Stimme erheben müssen: Wir Menschen, die sich viel mit Wissenschaft, Gesundheit, Forschung, Umwelt beschäftigen. Dafür hat unser leitender Redakteur Josh Fischman dann mit allen aus der Redaktion gesprochen, ihre Ideen und Anmerkungen gesammelt. Er hat den Leitartikel geschrieben, aber wir alle haben unsere Gedanken einfließen lassen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SciAm veröffentlichte den Artikel vergangene Woche, kurz zuvor hatte Trump den Klimawandel erneut öffentlich geleugnet. War Ihre Veröffentlichung eine Reaktion darauf?

Nein, der Termin stand schon lange fest. Aber Trump sagt ja mehrmals die Woche etwas, das der Forschung widerspricht. Im Grunde war es also egal, wann wir den Artikel veröffentlicht haben.

Wie reagierten Ihre Leser auf die Wahlempfehlung?

Es gab viel Unterstützung. Viele Leser haben sich bedankt: Unser Text habe ihnen gezeigt, wie schlecht das Kabinett Trump wirklich ist. Denn als faktenbasiertes Wissenschaftsmagazin sollten wir es eigentlich nicht nötig haben, eine Empfehlung auszusprechen. Wissenschaft sollte kein großes Wahlkampfthema sein. Historisch war sie das ja auch nie, doch dieses Mal muss sie es sein. Wir hoffen, dass wir nie wieder einen Präsidentschaftskandidaten unterstützen müssen - leider sehen wir uns jetzt aber dazu gezwungen.

Laura Helmuth

Seit April 2020 ist die Psychologin Laura Helmuth editor-in-chief beim US-Wissenschaftsmagazin "Scientific American".

(Foto: Laura Helmuth)

Für diese Entscheidung gab es auch Kritik. Der Psychologe Geoffrey Miller beschuldigte Sie auf Twitter des Verrats an 175 Jahren Objektivität, Integrität und Überparteilichkeit. Was entgegnen Sie?

SciAm hat sich immer schon positioniert, wenn es um soziale Fragen ging. Vor allem während des Kalten Krieges: Wir engagierten uns gegen das atomare Wettrüsten, die Entwicklung der Wasserstoffbombe, Ronald Reagans Raketenabwehrsystem Star Wars. Später unterstützten wir Stammzellenforschung und Evolutionslehre. 2016 äußerten wir in einem Leitartikel Zweifel an Trumps Eignung für das Präsidentenamt, warnten, dass er die Wissenschaft verachtet. Aber wir haben nie gesagt: "Wählt Hillary Clinton!" Nun mussten wir diesen letzten Schritt gehen. So schlimm und dringlich wie jetzt war es noch nie.

© SZ/biaz/tmh
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