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Wahlkampfrede vor Historikern:Liebt euer Land gefälligst

Trump delivers remarks at the White House Conference on American History in Washington

Manchmal kann er sich nicht entscheiden, wer im Bürgerkrieg nun eigentlich die Guten waren, die Nord- oder die Südstaaten: Donald Trump.

(Foto: REUTERS)

Donald Trump hat von der Geschichte seines Landes wenig Ahnung, aber er hat eine klare Meinung dazu, was Geschichtsunterricht leisten soll: Er soll die Amerikaner patriotischer machen.

Von Hubert Wetzel

Donald Trump ist ein studierter Betriebswirt, kein Historiker. Aber er ist der Präsident der Vereinigten Staaten, und deswegen darf er eine Rede halten, wenn das Weiße Haus eine "Konferenz zur amerikanischen Geschichte" veranstaltet. Er darf sogar, weil er Donald Trump ist, die einzige Rede bei dieser Konferenz halten. Das tat Trump am Donnerstag, und er suchte sich dafür eine prächtige Kulisse aus: die National Archives in Washington, wo unter dickem Schutzglas die Gründungsdokumente der USA aufbewahrt werden - die Unabhängigkeitserklärung, die Verfassung und die Bill of Rights.

Doch Donald Trump sprach natürlich nicht über Geschichte. Er weiß nicht viel über die Vergangenheit seines Landes. Er kennt ein paar Namen von anderen Präsidenten, mit denen er sich gerne vergleicht. Aber er tut sich zum Beispiel schon damit schwer, einen Unterschied zwischen dem Indianerschlächter Andrew Jackson und dem Sklavenbefreier Abraham Lincoln zu erkennen. Er glaubt, Wyatt Earp sei eine bedeutende historische Persönlichkeit, und manchmal kann er sich nicht entscheiden, wer im Bürgerkrieg nun eigentlich die Guten waren, die Nord- oder die Südstaaten.

Der Präsident will das "Netz von Lügen aus unseren Schulen und Klassenzimmern fegen"

Statt dessen hielt Trump eine Wahlkampfrede, in der er sich darüber beklagte, dass der Geschichtsunterricht an amerikanischen Schulen nicht patriotisch genug sei. Anstatt zu lernen, ihr Land zu lieben, das schönste und beste in der Welt, würde den Kindern beigebracht, Amerika zu hassen, weil es rassistisch, gewalttätig und ungerecht sei. Die Köpfe der Schüler würden mit linker, antiamerikanischer Propaganda und marxistischer Doktrin vollgestopft, wetterte der Präsident. Das könnten "patriotische Mamas und Papas" und "amerikanische Eltern" nicht länger dulden: "Wir müssen das verdrehte Netz von Lügen aus unseren Schulen und Klassenzimmern fegen und unseren Kindern die wunderbare Wahrheit über dieses Land erzählen."

Der Zorn des Präsidenten traf vor allem das sogenannte "1619 Project" der New York Times. Das Magazin der linksliberalen Zeitung hatte voriges Jahr eine Reihe von Artikeln und Essays veröffentlicht, um an die Ankunft der ersten afrikanischen Sklaven in der damals noch britischen Kolonie Virginia vor 400 Jahren zu erinnern. In einem der Stücke wurde die durchaus umstrittene These aufgestellt, die amerikanischen Kolonialisten hätten sich 1776 nur deswegen von England losgesagt, weil sie die Sklaverei hätten behalten wollen. Die Gründungsidee der Vereinigten Staaten sei mithin nicht die Freiheit und Gleichheit aller Menschen, sondern rassistische Unterdrückung.

Darüber kann man streiten, was Historiker in den USA seither auch fleißig tun. Aber für Donald Trump ist dieser Streit nur aus wahltaktischer Sicht interessant. Er hatte bei seiner Rede die vielen konservativen weißen Wähler im Auge, denen die ganze "Black Lives Matter"-Sache inzwischen "zu weit" geht, die überall die Politkommissare der Cancel Culture am Werk sehen und die gerne übersehen, dass die Geschichte der USA nicht nur helle, sondern eben auch einige sehr finstere Kapitel enthält.

© SZ vom 19.09.2020/tmh
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