bedeckt München 22°

Belarus:"Ich war plötzlich allein"

Jo Angerer

Seit 2019 in Moskau, nun in Belarus: Korrespondent Jo Angerer.

(Foto: Annika Fußwinkel/WDR)

Jo Angerer berichtet als einer der wenigen deutschen Fernsehkorrespondenten für die ARD aus Minsk. Ein Gespräch über Mut, die Verhaftung seines Kamerateams - und eintöniges Hotelfrühstück.

Interview von Harald Hordych

Jo Angerer ist seit 2019 ARD-Korrespondent in Moskau. Als einer der wenigen deutschen Fernsehkorrespondenten berichtet der 64-Jährige seit dem Beginn der Demonstrationen fast durchgehend aus Minsk. Bevor Angerer seine Arbeit in Moskau aufnahm, war er viele Jahre als Filmautor und Redakteur für den WDR im Einsatz. Ein Interview über das Arbeiten unter schwierigen Bedingungen.

SZ: Herr Angerer, es hat Aufsehen erregt, als Sie vor einigen Wochen aus Belarus ausgereist sind und dann gleich wieder eingereist - was genau war passiert?

Jo Angerer: Am Ende meines ersten Aufenthalts ist mein Kamerateam festgenommen worden, bei Routinedreharbeiten. Für mich völlig unverständlich, warum. Das waren russische Kollegen aus dem ARD-Studio in Moskau, die hatten selbstverständlich gültige Akkreditierungen. Sie sind erst mehrere Stunden in einem Polizeirevier festgehalten worden, und dann sind die Akkreditierungen ungültig gemacht worden. Sie hatten eineinhalb Stunden Zeit, das Land zu verlassen, und sind jetzt mit einer fünfjährigen Einreisesperre für Belarus belegt worden. Den Producer aus Belarus erwartet jetzt ein Strafverfahren, unter dem Vorwurf, illegal an einer Demonstration teilgenommen zu haben. Auch er hatte eine gültige Akkreditierung.

Man hatte Sie praktisch kaltgestellt, als man Ihnen das Team weggenommen hat.

Wenn man so will, ja. Ich war plötzlich allein und hatte keinerlei Produktionsmöglichkeiten mehr. Ich konnte noch Live-Schaltungen über Skype machen. Deswegen habe ich beschlossen, dass ich nach München, meine Heimatstadt, zurückgehe, und dann haben wir uns dort zusammengesetzt und schnellstmöglich ein neues Team aufgebaut.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Warum sind Sie nicht nach Moskau zurückgegangen, wo Sie eigentlich sitzen?

Das war ganz einfach coronabedingt. Es gibt sehr wenige Reisemöglichkeiten von Belarus nach Moskau zurück. Man muss über Deutschland reisen, wenn man wieder nach Moskau will. Das ist aber nur ein Mal möglich. Deswegen habe ich in Deutschland mein neues Team zusammengestellt. Und bin relativ flott zurück nach Minsk.

Was hat denn Ihre Familie gesagt, als Sie nach Minsk zurückgegangen sind?

Meine Frau, die mit mir in Moskau ist, hat mich sehr unterstützt. Sie hat gesagt: Du musst dahin gehen, wo dein Berufsstand hingehört, wo dein Job stattfindet.

Warum gibt es dann nicht mehr Fernsehkorrespondenten in Belarus?

Das liegt einfach daran, dass ich sehr früh, nämlich Ende letzten Jahres, eine Akkreditierung beantragt hatte. Viele meiner Kollegen haben kurz vor der Wahl noch eine Akkreditierung angefragt, aber zu diesem Zeitpunkt haben die belarussischen Behörden keine mehr ausgestellt. Viele Kolleginnen und Kollegen, die auch in Moskau arbeiten, haben es versucht, aber die Akkreditierung ist ihnen schlichtweg verweigert worden. Und die ist zwingend nötig für eine Berichterstattung. Hier zu sein, erfordert keinen besonderen Mut.

Hatten Sie denn nicht manchmal Angst?

Nein, hatte ich nicht. Es ist zum Teil erschreckend, wenn man in unmittelbarer Nähe erlebt, wie die Polizei Verhaftungen vornimmt, teilweise mit äußerster Brutalität. Aber ich fühle mich sehr sicher mit meinem Team, wir schützen uns gegenseitig und achten aufeinander. Das lernt man übrigens auch bei Sicherheitstrainings für den Korrespondentenjob, die einen auf solche Situationen vorbereiten sollen.

Auch nicht bedroht gefühlt bei den massiven Polizeieinsätzen?

Ich habe in meinen früheren Berufsjahren Filme in vielen Ländern der Welt gemacht. In Afrika beispielsweise waren die persönlichen Bedrohungslagen viel größer, als sie es hier sind.

Und wie sind für Sie die Arbeitsbedingungen nach der Rückkehr?

Mal abgesehen von chronischem Schlafmangel und eintönigem Hotelfrühstück geht es mir gut. Die Behörden gehen sehr formell mit uns um, aber auch höflich, wir mussten bei einer Demonstration unsere Akkreditierung vorzeigen. Das ist mir bislang nicht passiert hier. Wir haben dann allerdings keine Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten und der Berichterstattung gehabt.

Wie reagieren denn die Menschen, wenn sie merken, dass Sie ausländischer Reporter sind?

Eigentlich ganz witzig. Wir sind als German Television Team gekennzeichnet, aber das Logo der ARD ist dem Logo des ersten russischen Staatssenders sehr ähnlich. Also ist da oft erst mal Skepsis da, aber wenn der Producer ihnen dann erklärt, dass wir vom deutschen Fernsehen sind, freuen sie sich, dass wir da sind.

© SZ/ebri

Protestbewegung in Belarus
:Die Großmutter, die sich gegen Lukaschenkos Polizisten stellt

Nina Baginskaja ist 73 und nimmt es auf den Straßen von Minsk mit vermummten Männern auf, die mit Waffen und Schlagstöcken bewaffnet sind.

Porträt von Frank Nienhuysen

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite