bedeckt München 21°
vgwortpixel

US-Preisverleihung:Die Emmys führen das traditionelle Fernsehen vor

69th Annual Primetime Emmy Awards - Press Room

Die Crew von The Handmaid's Tale, dem großen Gewinner der diesjährigen Emmy Awards.

(Foto: AFP)

Stephen Colbert kann auch singen und tanzen. "Das Fernsehen ist besser als je zuvor", sagte der Late-Night-Moderator, der dieses Jahr durch die Emmy-Verleihung führte. Und er sagte es nicht nur, er sang es: "Probleme sind nicht so problematisch, wenn man sie in HD ansieht. Alles ist besser im Fernsehen", trällerte er und tanzte dabei durch Filmsets von Serien wie Stranger Things ("gar nicht so strange wie unsere Wirklichkeit"), Veep ("stell dir vor, dein Präsident wäre nicht beliebt bei Nazis") und The Handmaid's Tale ("Wenigstens ist eure Krankenversicherung kostenlos").

Und das Praktischste, sang er, sei doch, dass man inzwischen die besten Serien auf dem Smartphone schauen kann, während man auf dem Klo sitzt. Danke, Internetstreaming-Dienste.

Tatsächlich hat die Emmy-Preisverleihung etwas Ironisches. Einst wurde sie von der Fernsehindustrie als aufwendige Leistungsschau auch erfunden, um potenziellen Werbekunden das Umfeld für ihre Investitionen schmackhaft zu machen. Nun ist es aber so, dass das beste Fernsehen inzwischen kein traditionelles Fernsehen mehr ist und komplett ohne das Geld der Werbeindustrie auskommt. Pay-TV-Sender wie HBO oder Internetstreaming-Dienste wie Netflix, Hulu oder Amazon Prime Video finanzieren sich über die Abogebühren der Zuschauer.

Die Preise, die als wichtigste Fernsehpreise der Welt gelten, wurden in diesem Jahr zum 69. Mal vergeben. Und waren so politisch wie selten. Colberts Einstiegsmonolog war politisch. Die gesamte Emmy-Verleihung war politisch. Colbert ist Spezialist für Witze über Donald Trump in seiner Late-Night-Sendung, entsprechend legte er bei den Emmys nach. Der Präsident sei beleidigt, dass er mit seiner Reality-Fernsehsendung Celebrity Apprentice zwar nominiert war, den Fernsehpreis aber nie gewonnen hat. Im Grunde sei die Emmy-Jury Schuld an allem. "Ich wette, wenn er einen Emmy gewonnen hätte, wäre er nicht als Präsidentschaftskandidat angetreten."

Fernsehen Donald Trump, der größte TV-Star Bilder
Die besten Pointen der Emmy Awards

Donald Trump, der größte TV-Star

Selten war eine Preisverleihung so politisch wie die diesjährigen Emmys - das lag nicht nur an Moderator Stephen Colbert. Eine Sammlung an Pointen.

Der große Gewinner dieses Jahres heißt The Handmaid's Tale. Die Serie von Hulu, die auf einer Romanvorlage von Margaret Atwood basiert, gewann insgesamt acht Preise, darunter die Auszeichnung für "Bestes Drama" und die beste Hauptdarstellerin, Elisabeth Moss. Es ist das erste Mal, dass der prestigeträchtigste der Emmys an einen Streamingdienst ging.

Neben all den Witzen auf Kosten der alten Fernsehsender hat das Ganze auch politische und kulturelle Konsequenzen: Netflix, Hulu, Amazon Prime Video und die anderen Online-Anbieter sind nicht von Einschaltquoten abhängig, die traditionelle Fernsehsender brauchen, um den Werbekunden zu beweisen, dass ihr Geld bei ihnen richtig investiert ist. Sie geben erst gar nicht bekannt, wie viele Zuschauer eine einzelne Serie anzieht. Deshalb können sich die Abo-Dienste erlauben, Sendungen zu produzieren, die nicht unbedingt jedem gefallen müssen. Lange galt zum Beispiel im amerikanischen Fernsehen, dass das Massenpublikum keine Serien über schwarze Figuren sehen will - mit wenigen Ausnahmen wie der Cosby-Show war das Fernsehen sehr weiß.