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US-Preisverleihung:Die Emmys führen das traditionelle Fernsehen vor

Stephen Colbert kann auch singen und tanzen. "Das Fernsehen ist besser als je zuvor", sagte der Late-Night-Moderator, der dieses Jahr durch die Emmy-Verleihung führte. Und er sagte es nicht nur, er sang es: "Probleme sind nicht so problematisch, wenn man sie in HD ansieht. Alles ist besser im Fernsehen", trällerte er und tanzte dabei durch Filmsets von Serien wie Stranger Things ("gar nicht so strange wie unsere Wirklichkeit"), Veep ("stell dir vor, dein Präsident wäre nicht beliebt bei Nazis") und The Handmaid's Tale ("Wenigstens ist eure Krankenversicherung kostenlos").

Und das Praktischste, sang er, sei doch, dass man inzwischen die besten Serien auf dem Smartphone schauen kann, während man auf dem Klo sitzt. Danke, Internetstreaming-Dienste.

Tatsächlich hat die Emmy-Preisverleihung etwas Ironisches. Einst wurde sie von der Fernsehindustrie als aufwendige Leistungsschau auch erfunden, um potenziellen Werbekunden das Umfeld für ihre Investitionen schmackhaft zu machen. Nun ist es aber so, dass das beste Fernsehen inzwischen kein traditionelles Fernsehen mehr ist und komplett ohne das Geld der Werbeindustrie auskommt. Pay-TV-Sender wie HBO oder Internetstreaming-Dienste wie Netflix, Hulu oder Amazon Prime Video finanzieren sich über die Abogebühren der Zuschauer.

Die Preise, die als wichtigste Fernsehpreise der Welt gelten, wurden in diesem Jahr zum 69. Mal vergeben. Und waren so politisch wie selten. Colberts Einstiegsmonolog war politisch. Die gesamte Emmy-Verleihung war politisch. Colbert ist Spezialist für Witze über Donald Trump in seiner Late-Night-Sendung, entsprechend legte er bei den Emmys nach. Der Präsident sei beleidigt, dass er mit seiner Reality-Fernsehsendung Celebrity Apprentice zwar nominiert war, den Fernsehpreis aber nie gewonnen hat. Im Grunde sei die Emmy-Jury Schuld an allem. "Ich wette, wenn er einen Emmy gewonnen hätte, wäre er nicht als Präsidentschaftskandidat angetreten."

Der große Gewinner dieses Jahres heißt The Handmaid's Tale. Die Serie von Hulu, die auf einer Romanvorlage von Margaret Atwood basiert, gewann insgesamt acht Preise, darunter die Auszeichnung für "Bestes Drama" und die beste Hauptdarstellerin, Elisabeth Moss. Es ist das erste Mal, dass der prestigeträchtigste der Emmys an einen Streamingdienst ging.

Neben all den Witzen auf Kosten der alten Fernsehsender hat das Ganze auch politische und kulturelle Konsequenzen: Netflix, Hulu, Amazon Prime Video und die anderen Online-Anbieter sind nicht von Einschaltquoten abhängig, die traditionelle Fernsehsender brauchen, um den Werbekunden zu beweisen, dass ihr Geld bei ihnen richtig investiert ist. Sie geben erst gar nicht bekannt, wie viele Zuschauer eine einzelne Serie anzieht. Deshalb können sich die Abo-Dienste erlauben, Sendungen zu produzieren, die nicht unbedingt jedem gefallen müssen. Lange galt zum Beispiel im amerikanischen Fernsehen, dass das Massenpublikum keine Serien über schwarze Figuren sehen will - mit wenigen Ausnahmen wie der Cosby-Show war das Fernsehen sehr weiß.

"Es war ein unglaubliches Jahr für Frauen"

Netflix und die anderen Dienste produzieren solche Serien nun einfach trotzdem, mit großem Erfolg. Dieses Jahr gewannen zum Beispiel Aziz Anzari und Lena Waithe einen Preis für das beste Drehbuch einer Episode Master of None, die Show läuft auf Netflix. "Danke, dass ihr einen kleinen indischen Junge aus South Carolina und ein queeres, schwarzes Mädchen von der South Side von Chicago ins Herz geschlossen habt", sagte Waithe, die erste schwarze Frau, die den Preis für das beste Drehbuch je gewonnen hat. "Queer" ist ein Sammelbegriff, den unter anderem Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender-Menschen für sich verwenden.

Der Erfolg von Sendungen im Internet inspiriert auch das traditionelle Fernsehen

Inzwischen gibt es etliche Serien mit schwarzen Protagonisten, allein in den vergangenen Jahren zum Beispiel Empire, Power, Black-ish, Scandal, Atlanta. Und Serien mit nichtheterosexuellen Charakteren wie Unbreakable Kimmy Schmidt oder Orange is the New Black. Zudem mehr und mehr Serien mit starken weiblichen, älteren Hauptfiguren, zum Beispiel mit Nicole Kidman und Michelle Pfeiffer. "Es war ein unglaubliches Jahr für Frauen im Fernsehen", sagte die Schauspielerin und Produzentin Reese Witherspoon, deren HBO-Serie Big Little Lies ebenfalls Emmys gewann. Auch asiatische Schauspieler, traditionell besonders selten vertreten, sieht man inzwischen mehr, zum Beispiel in Master of None. Über die Preisträger stimmen die etwa 22 000 Mitglieder der Academy for Television Arts & Sciences ab. Und die zeichneten dieses Jahr viele politische Sendungen aus.

Zum einen natürlich The Handmaid's Tale, zum anderen gewann Veep als beste Comedy-Serie, eine Sendung über eine peinlich-komische Politikerin und ihre Karriere im Weißen Haus. Gleich mehrere Preise heimste außerdem die Comedy-Sendung Saturday Night Life (SNL) ein, die sich im vergangenen Jahr in großer Regelmäßigkeit mit Trumps Verfehlungen auseinandersetzte. SNL-Star Kate McKinnon gewann als beste Comedy-Nebendarstellerin, sie parodiert unter anderem Hillary Clinton. Ihre Rolle bei SNL "war das Bedeutendste, was ich je machen werde, wahrscheinlich sollte ich jetzt einfach aufhören", sagte sie in ihrer Dankesrede. Alec Baldwin, ihr Co-Star bei SNL, der immer wieder Donald Trump darstellt, gewann ebenfalls als bester Comedy-Nebendarsteller.

Eine große Ausnahme, eine ernsthafte Blockbuster-Fernsehserie, war dieses Jahr übrigens nicht teilnahmeberechtigt: Game of Thrones von HBO. Um für einen Emmy des Jahres 2017 nominiert werden zu können, musste eine Serie zwischen dem 1. Juni 2016 und dem 31. Mai 2017 ausgestrahlt werden, die sechste Staffel der Serie kam zu spät.

Der Erfolg von Sendungen im Internet inspiriert das traditionelle Fernsehen, auch dort laufen inzwischen Serien mit vielfältigeren Themen und Darstellern. Sowohl in der Comedy- als auch in der Drama-Kategorie gewannen afroamerikanische Schauspieler die Auszeichnung: Donald Glover und Sterling Brown. Zum dritten Mal in Folge war die Emmy-Verleihung die mit der größten Diversität der Teilnehmer der Geschichte, sagte Colbert. Wobei der Comedian und Schauspieler Dave Chappelle das recht schnell aufs Korn nahm. "Ich bin ernsthaft begeistert, wie viele schwarze Menschen hier sind", sagte er bei seiner Vorstellung der Nominierten zu den Hunderten Menschen in Smoking und Abendkleid im Publikum. "Ich habe elf gezählt auf dem Bildschirm."

Wenn Einschaltquoten immer unwichtiger und Fernsehproduktionen immer vielfältiger werden, hat das noch eine weitere Konsequenz: Zuschauergruppen zerfasern, das Fernsehen verliert seine popkulturelle Kraft als gemeinsamer Nenner des gesamten Landes. Ob im konservativen Heartland oder an der Ost- oder Westküste: Das werbefinanzierte Fernsehen wollte alle ansprechen und hat darum allen gemeinsame Themen gegeben und so auch, gemeinsam mit dem Radio, die amerikanische Sprache und Kultur geformt.

Jedenfalls können die Menschen heute das Fernsehen schauen, das ihre Lebenswelt widerspiegelt und zu ihren Ansichten passt. Donald Trumps Wähler im Heartland vermuten - berechtigterweise - ohnehin, dass das Fernsehen tendenziell liberal und links und gegen ihren Präsidenten ist. Sie schauen ganz anderes Fernsehen als die liberalen Eliten mit ihren Master of None oder The Handmaid's Tale. Die Serie warnt vor einer sexistischen, autoritären Diktatur und kommt vielen Amerikanern sehr zeitgemäß vor.

Nun ist das Fernsehen also so vielfältig wie das Land - zumindest wird es immer vielfältiger. Und damit besser als je zuvor. Zurück zur Ironie: Die Emmys, einst erfunden, um die Werbeindustrie bei Laune zu halten, braucht es von Jahr zu Jahr weniger. Dafür hat das Fernsehen aber mehr Grund denn je, sich selbst zu feiern.

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