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Ukraine:Singen und tanzen vor Spezialeinheiten

Communal workers tend a flowerbed, beside a logo of the Eurovision Song Contest 2017 in central Kiev

Hübsch gemacht: Die ukrainische Hauptstadt will sich in den kommenden Tagen von ihrer friedlichen, europäischen Seite zeigen.

(Foto: Gleb Garanich/Reuters)

Zum Eurovision Song Contest bemüht sich die Ukraine, nicht als Kriegs- und Pleiteland dazustehen. Aber allein der Konflikt mit Russland macht die Veranstaltung so politisch wie nie.

Kiew hat sich schön gemacht für den Eurovision Song Contest, was um diese Jahreszeit nicht schwer ist. Tausende Kastanien blühen, Cafébetreiber stellen ihre Stühle aufs Kopfsteinpflaster und ans sandige Dnepr-Ufer, die goldenen Kuppeln von Sophienkathedrale, St.-Michael-Kloster, St.-Andreas-Kirche und Höhlenkloster leuchten in der Frühlingssonne. Die Hauptschlagader der Stadt, der Kreschtschatik, ist vom Maidan bis fast zum Bessarabischen Basar für eine Fan-Meile gesperrt, überall geben Hobby-Musiker kleine Konzerte, und vor der Sophienkathedrale feiern Hunderte Fans schon eine Woche, bevor es am 9. Mai richtig losgeht, ihre tägliche ESC-Party. Am 13. Mai findet dann das Finale statt; 2016 sahen mehr als 200 Millionen TV-Zuschauer zu.

Das klingt wie Werbung aus einem Reiseprospekt, produziert von der Stadt und ihrem Bürgermeister Vitali Klitschko, finanziert von der European Broadcasting Union (EBU), der Veranstalterin des ESC. Es ist aber nur die eine Seite dieser Groß-Veranstaltung mit Tausenden Besuchern, mit Delegationen aus 42 Ländern und Dutzenden Künstlern, die man in der Ukraine gefürchtet und herbeigesehnt hat. Man will nicht immer nur als Kriegsland (die Front ist 500 Kilometer entfernt) und als korrupter Pleitestaat gesehen werden, sondern sich als europäische Metropole mit dem bröckelnden, warmen Charme von, sagen wir mal, Lissabon präsentieren.

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Die andere Seite sieht so aus: Weil die Regierung vor dem Finale einen großflächigen Angriff von Separatistenkräften in der Ostukraine, vor allem aber eine Imageschaden durch Anschläge von Nationalisten oder russischen Provokateuren in der Hauptstadt fürchtet, sichern 10 000 Polizisten die Stadt, alle Polizeikräfte, Nationalgarde und Spezialeinheiten sind in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt. 7000 Videokameras sind installiert; besonders im Visier ist das International Exhibition Center auf der linken Flussseite, in dem der ESC produziert wird. 900 Volontäre sind unterwegs, um zu sichern, zu übersetzen, zu erklären. Es gibt Apps auf Englisch und bunte Werbung mit einer Kernbotschaft: Es ist friedlich hier. Und wir sind Europa. Quer über das Gewerkschaftshaus am Maidan, das bei den Kämpfen im Februar 2014 ausbrannte und seither renoviert wird, spannt sich demonstrativ ein riesiges, neues Plakat: "Unsere Religion ist Freiheit".

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Im Messezentrum am linken Dnepr-Ufer geht es derweil sehr viel prosaischer zu. Täglich finden Durchläufe auf der gigantischen, weit in den Zuschauerraum hineinragenden Bühne statt, die, wie fast jedes Jahr, auch diesmal vom deutschen Designer Florian Wieder entworfen wurde. Der Aufnahmeleiter, ein schwedischer Hüne mit wehenden blonden Haaren, taktet die Proben im Stundenrhythmus: Albania, please. Aserbaidschan, please. Australia, please. "Stay back for the music, five, four, three ...". Auf der LED-Wand zieht ein computergeneriertes Kunstwerk nach dem anderen vorüber, nach jedem Auftritt joggt eine gut choreografierte Putztruppe mit Schrubbern auf die Bühne, um den Schweiß von Tänzern und Sängern aufzuwischen. In der Halle zieht es wie Hechtsuppe, Kameramänner lästern laut über die dicken Beine einer Künstlerin. Lachen und Kommandos vermischen sich zu einem babylonischen Sprachgewirr, das in seiner Heiterkeit symbolisch wirken könnte. Wenn der ESC nur eine unpolitische Veranstaltung wäre. Und wenn es nur um den diesjährigen Claim ginge: "Celebrate Diversity", wir feiern die Unterschiedlichkeit.

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