bedeckt München
vgwortpixel

TV-Talk über "Angst vor Flüchtlingen":Maischberger: Ein Einzelfall ist ein Einzelfall ... oder?

Sandra Maischbeger mit ihren Gästen Alice Weidel, Ranga Yogeshwar und Gesine Schwan (Paul Ziemiak und Boris Palmer nicht im Bild)

(Foto: Maischberger)

Erst sind sich (fast) alle einig, dann haben alle unterschiedliche Fakten zur Hand. Die Sendung zum Mord in Freiburg zeigt, dass es in der Debatte um Flüchtlinge und Kriminalität dringend belastbare Zahlen braucht.

Können aus dem Verbrechen eines Einzelnen Aussagen über eine ganze Gruppe getroffen werden? Diese Frage verhandelt Deutschland gerade am Fall eines 17-jährigen Afghanen, der die Freiburger Studentin Maria L. vergewaltigt und getötet haben soll.

Die Debatte über die deutsche Flüchtlingspolitik ist wieder aufgeflammt, seit die Identität des mutmaßlichen Täters am vergangenen Samstag bekannt wurde. Und natürlich geht es mal wieder ums große Ganze, um aufnehmen oder ausweisen, Willkommens- oder Abschottungskultur, gute oder böse Flüchtlinge. Für Differenzierung ist da wenig Platz.

Bei Sandra Maischberger ist das am Mittwochabend glücklicherweise anders. Der plakative Titel der Sendung "Angst vor Flüchtlingen: Ablehnen, ausgrenzen, abschieben?" lässt zwar Schlimmes erwarten, in der Runde klingen dann aber Zwischentöne an, die sonst gerne überschrien werden.

Natürlich erst, nachdem der Anfangs-Aufreger verdaut ist, für den vorhersehbarerweise Alice Weidel von der AfD sorgt. Die wirft Angela Merkel vor, für den Mord in Freiburg "indirekt verantwortlich" zu sein. Ein Affront, den ihr Parteifreund Jörg Meuthen zuvor schon ganz ähnlich formuliert hat, der Paul Ziemiak aber trotzdem aus dem Sessel schrecken lässt. Der Bundesvorsitzende der Jungen Union zeigt sich entsetzt über die AfD-Frau, die "den Tod einer Studentin missbraucht, um daraus politisch Kapital zu schlagen".

Danach bleibt nicht nur Ziemiak recht farblos, der nach dem Erfolg des JU-Antrags zur Abschaffung des Doppelpasses eigentlich gut drauf sein müsste. Auch Weidel gelingt keine wirkliche Pointe mehr. Was am Journalisten Rangar Yogeshwar liegen könnte, der neben ihr auf dem Sofa sitzt und sie mit einer Art Charmeoffensive aus klugen Gedanken, treuherzigen Blicken und Lausbubenwitzen einzulullen versucht ("Es scheint eine große Angst zu geben, dass Männer, die so aussehen wie ich, über Frauen herfallen, die so aussehen wie Sie").

Oder daran, dass sie immerzu von Deutschlands "strukturellem Problem" spricht, dieses dann aber nicht klar benennt. (Am Ende kommt heraus, dass Deutschland für Weidel nicht nur zu viele Flüchtlinge hat, sondern auch noch die falschen).

Dafür ergibt sich ein recht interessantes Gespräch, das sich auf drei wesentliche Fragen herunterbrechen lässt:

1. Macht es einen Unterschied, ob ein Flüchtling einen Mord begeht oder ein Deutscher? Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon (Grüne) hat dies kürzlich mit einem klaren Nein beantwortet. Ein Mord werde nicht schlimmer, wenn er von einem Flüchtling begangen werde, sagte er im Interview mit dem Spiegel. Sein Tübinger Amtskollege und Parteifreund Boris Palmer kann die Menschen, die keine derart klare Antwort haben, ein Stück weit verstehen. "Wenn jemand Hilfe in einem Land begehrt und dann (...) in diesem Land so eine Tat begeht, dann ist da was falsch." Diese Haltung findet Palmer nachvollziehbar. Obwohl sie voraussetze, dass an Flüchtlinge dann höhere moralische Erwartungen gestellt werden als an Deutsche, wie Gesine Schwan einwirft. Die übrigens auch da ist, aber eher auf der Meta-Ebene diskutiert.

2. Werden Probleme im Zusammenhang mit Flüchtingen in Deutschland zu oft verschwiegen? Hier schlägt Boris Palmers große Stunde des "Ich habe es ja gesagt, aber niemand wollte auf mich hören". Tatsächlich hat sich Palmer in der Flüchtlingsdebatte ja häufiger exponiert und dafür innerhalb seiner Partei Kritik auf sich gezogen. Für seine Forderung nach einer ehrlichen Problemanalyse sei er "massiv angegangen worden, ich solle zur AfD wechseln".

Bei Maischberger stimmt er der AfD-Vertreterin nun insofern zu, als eine "Brisanz besteht", wenn eine Million Flüchtlinge nach Deutschland einreisen. Nur seine Schlussfolgerungen seien andere: Man müsse bestehende Problematiken beschreiben dürfen und Lösungen dafür finden. Eine Aussage, die an diesem Abend auch Gesine Schwan unterstützt.

3. Sind Flüchtlinge nun eigentlich krimineller als Deutsche oder nicht? Hier werfen alle Anwesenden, die Moderatorin eingeschlossen, mit unterschiedlichen Zahlen um sich und mit unterschiedlichen Auslegungen dieser Zahlen. Was besonders absurd ist, da sich alle auf die gleiche Quelle - die Polizeiliche Kriminalstatistik - berufen.

Hier liegt dann wohl auch die wichtigste Erkenntnis des Abends: Es braucht in der Debatte um Flüchtlinge und Kriminalität dringend belastbare Zahlen und es braucht eine kluge Einordnung dieser Zahlen. Um Probleme zu erkennen, wo Probleme sind - und um belegen zu können, wenn es sich bei einem Einzelfall um einen Einzelfall handelt.

Eines gelingt bei Maischberger übrigens nicht, auch wenn Rangar Yogeshwar immer wieder darauf dringt: Den Mord in Freiburg nicht als furchtbares Symptom einer größeren "Flüchtlingsproblematik" wirken zu lassen.

Eine neue Chance gibt es heute Abend, wenn Maybritt Illner zum gleichen Thema talkt. Dann mit dem Freiburger OB Salomon, einem afghanischen Flüchtling und dem stets krawalligen Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft.

Freiburg

Flüchtling - Reizwort auf beiden Seiten

Der Mord an einer Studentin in Freiburg hat heftige Diskussionen darüber hervorgerufen, ob man sagen dürfe oder sagen müsse, dass der mutmaßliche Mörder ein Flüchtling war. Auch die Leser der SZ streiten sich über diese Frage.