TV-Kritik: Maybrit Illner Skandalöse Einigkeit der Rabauken

Maybrit Illner hatte sich viel Mühe gegeben, aus ihrer ZDF-Talkshow eine Abrechnung mit Verteidigungsminister Guttenberg und den Bundeswehr-Skandalen zu machen. Aber dann wollte niemand mitspielen - außer einer Prinzessin.

Eine kleine Nachtkritik von Michael König

Nicht mal Rudolf Scharping konnte die Sendung noch retten. Was denn für einen Verteidigungsminister besser sei, fragte Maybrit Illner und blickte flehentlich in die Runde: "Wenn er mit seiner Frau im Pool badet oder mit ihr nach Afghanistan fliegt?" Von den fünf Gästen mochte niemand darauf eingehen. Die plumpe Anspielung auf die Fotos des damaligen SPD-Verteidigungsministers Scharping samt Gattin im Schwimmbecken, die maßgeblich zu seinem Abgang von der politischen Bühne beigetragen hatten, verhallte im Berliner Studio. Wie so vieles an diesem Abend.

"Guttenberg Superstar - hat der 'Baron' die Truppe noch im Griff?", fragt ZDF-Moderatorin Maybrit Illner ihre Gäste, unter anderem Alice Schwarzer, Philipp Mißfelder und Gregor Gysi.

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Illner hatte sich für die aktuelle Ausgabe ihrer ZDF-Talkrunde die Frage "Guttenberg Superstar - hat der 'Baron' die Truppe noch im Griff?" ausgedacht. Das waren gleich zwei Provokationen auf einmal: Die Leier vom zukünftigen Bundeskanzler Karl-Theodor zu Guttenberg geht selbst seinen Parteifreunden in der Union auf die Nerven. Und die scheinbar aus der Kontrolle geratene "Truppe" füllt seit Tagen die Gazetten.

Brisanz schien garantiert, und um ganz sicher einen Schlagabtausch zu erleben, hatte Illner die Sendung gewissenhaft vorbereitet. Nur dumm, dass selbst die Gewohnheitsrabauken diesmal nicht mitspielen wollten.

Als möglichen Ausgangspunkt von Attacken hatte die Moderatorin das ewige Talent der CDU eingeladen: den Junge-Union-Vorsitzenden Philipp Mißfelder, außenpolitischen Sprecher seiner Fraktion und einen Mann, dessen Karriere von einem schwierigen Verhältnis zu Parteichefin Angela Merkel überschattet wird.

Da musste doch ein bisschen Neid auf Guttenberg herauszukitzeln sein? Zumal ihm Illner den Linken-Fraktionschef Gregor Gysi an die Seite gesetzt hatte, als rhetorischer Großmeister ein Fleisch gewordenes Ärgernis für konservative Politiker.

Und dann der zweite Aspekt: die Bundeswehr. Ein Sündenpfuhl sondergleichen, diesen Eindruck konnte man angesichts der Enthüllungen der vergangenen Tage gewinnen: der Tod eines Soldaten in Afghanistan, mutmaßlich durch eine Spielerei mit scharfen Waffen, die geöffneten Briefe in der Feldpost und die Zustände auf dem Segelschulschiff Gorch Fock.

Es waren wenige Minuten Sendezeit vergangen, da hatte Illner die Wörter "Sauhaufen" und "Ekelprüfungen" so selbstverständlich in den Mund genommen, als ginge es um das RTL-Dschungelcamp. Später kamen noch hinzu: Wasserfolter, Scheinhinrichtungen, sadistische Rituale, Alkoholexzesse, tödliche Waffenspiele.

Derartige Dinge soll es in der Bundeswehr geben, das haben die Enthüllungen der vergangenen Tage klar gemacht. Auch der Wehrbeauftragte hatte nicht mit Kritik gespart. Zur Bekräftigung erzählten zu Beginn der Illner-Talkshow zwei ehemalige Besatzungsmitglieder der wegen brutaler Drillmethoden in Verruf geratenen Gorch Fock von ihren Erlebnissen.

"Die Bügelfalten sind dort wichtiger als die Aufklärung von Verbrechen", sagte Jan von der Bank, der seine Erinnerungen in Form eines Marine-Thrillers veröffentlichen will. Sein Sitznachbar Toni Krause berichtete, wie übel es ihm erging, als er sich nach dem tödlichen Unfall eines Kameraden an Bord weigerte, weiterhin in die Takelage zu klettern.

Es waren realistische Schilderungen, man hätte sich mehr davon gewünscht. Dazu vielleicht eine Stimme vom Bundeswehrverband oder die Expertise eines Psychologen. Dann hätte die Sendung einen Informationsgehalt gehabt, der ihre Produktion gerechtfertigt hätte. Illner setzte aber auf die Karte Unterhaltung, sprich: Verbalkrawall.

Es waren sich jedoch alle Gäste in der Runde darüber einig, dass die beschriebenen Zustände "kritikwürdig" bis "abstoßend" seien. Mißfelder sagte, angesichts der gestiegenen Anforderungen an die Bundeswehr - Stichwort Auslandseinsätze - seien die Ausbilder besonders gefordert. Gysi erklärte, man müsse sich besser um traumatisierte Soldaten kümmern. Selbst bei der Frage, ob Verteidigungsminister Guttenberg vorschnell gehandelt habe, als er den Kommandeur der Gorch Fock suspendierte, waren sich beide einig.

"Es war im Sinne des Soldaten, dass ihn Guttenberg aus der Schusslinie der Medien genommen hat", sagte Mißfelder. Gysi sekundierte, er finde die Suspendierung "völlig richtig". Nur eines ärgere ihn: "Dass er das erst gemacht hat, als die Bild-Zeitung drüber geschrieben hat. Da herrscht eine Abhängigkeit, die ich gar nicht leiden kann."

Gysi guckte bei dieser Aussage ärgerlich zur Seite, wo eine Redakteurin der Bild am Sonntag saß: Prinzessin Anna von Bayern, Journalistin und Autorin einer Guttenberg-Biografie. Die Dame mit dem dauerhaft durchgestreckten Rücken und pinken Pumps brachte zumindest einen Hauch von Spannung in die Sendung.

Wort- und gestenreich verteidigte die Prinzessin beide Seiten: Der Verteidungsminister sei eben ein Mann der Tat, deshalb habe er schnell gehandelt. "Wenn dem etwas gegen den Strich geht, dann reagiert er halt", sagte von Bayern mit leicht schwärmerischen Tonfall. Die Bild sei nicht das Haus- und Hofblatt des Ministers, im Gegenteil: "Die Enthüllungen, die ihn in Bedrängnis gebracht haben", seien aus ihrer Redaktion gekommen.

Der Adeligen gegenüber saß der ehemalige Chefredakteur der Bild am Sonntag und Berater von Edmund Stoiber im Kanzlerschaftswahlkampf 2002, Michael Spreng. Das führte zu absurden Dialogen: "Das war keine Enthüllung, sondern eine Geschichte über eine Karnevalsfeier an Bord", ätzte der in die Jahre gekommene Boulevard-Profi in Richtung der Prinzessin. Die keifte zurück: "Herr Spreng sollte Herrn Guttenberg beraten, dann würde der natürlich alles richtig machen."

So zankten sich Bild-Veteran und Bild-Nachwuchs, und Illner lehnte sich für einen Moment zurück. Um die übrigen Gäste auch zu animieren - neben Mißfelder, Gysi, Spreng und von Bayern saß auch die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer im Studio, die immerhin einmal für Bild geworben hat und derzeit für das Blatt den Kachelmann-Prozess verfolgt -, warf Illner noch die Stichwörter "Abu-Ghraib", "Kundus" und den plantschenden Scharping in die Runde.

Es nützte nichts: die Einigkeit war nicht zu brechen. Am Ende leitete Illner an den nächsten ZDF-Moderator über: Markus Lanz talkte im Anschluss. Bei ihm zu Gast: Franz-Josef Wagner, seines Zeichens Bild-Kolumnist.