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Tod des früheren Außenministers:Genschman rettet die Welt

Genschman Hans-Dietrich Genscher Titanic

Von wem kam nun die Idee zum "Genschman-Comic"?

(Foto: Titanic)

Als Superheld mit riesigen Ohren machte die Satirezeitschrift "Titanic" Hans-Dietrich Genscher zu einer Comicfigur. Kam die Idee dazu wirklich direkt aus dem Auswärtigen Amt?

Natürlich war Hans-Dietrich Genschers Aussehen - vor allem die leicht unproportional großen Ohren - eine Steilvorlage für Karikaturisten. Als guter Liberaler wird er das hingenommen haben ohne zu klagen. Dass er sich aber einmal richtig darüber freuen würde, das hatte er wohl selbst nicht erwartet.

Doch genauso kam es. 1989 erschien in der Satirezeitschrift Titanic der erste Genschman-Comic. Der Außenminister rettete darin als merkwürdig unförmige Version von Batman die Welt. Sein hautenger Superhelden-Anzug war schwarzgelb, die Farben der Koalition im Bundestag. Über dem Gürtel schwabbelte ein ordentlicher Politikerbauch. Und zum Fliegen brauchte er keinen technischen Schnickschnack: Er flog mit seinen gewaltigen Ohrenlappen. Genschman sah aus wie eine depressive, dicke Mickymaus mit Cape. Seine Gegner: "die Kröte" Franz Josef Strauß und - an Stelle des Jokers - "der Waigel".

Schrumpliger Genscherkopf mit großen schwarzen Flugohren

Die ersten Folgen des Comics fielen in eine historische Phase bundesrepublikanischer Geschichte, die der echte Genscher mit hochdramatischen Auftritten und Zwischenfällen mitprägte: Am 30. September 1989 hatte der Minister sich gerade von einem Herzinfarkt erholt, da stand er schon in der Prager Botschaft auf dem Balkon und verkündete, kaum hörbar unter dem lauten Beifall der 4000 wartenden DDR-Bürger, dass ihre Ausreise in den Westen genehmigt sei. Ein Gänsehautmoment. Und eine wichtige Etappe auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung.

Zum Tod von Hans-Dietrich Genscher

"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise..."

"Damals kam gerade der erste Batman-Film in die Kinos. Für die damalige Zeit hatte der einen unglaublichen Werbeauftritt", sagt Hans Zippert, damals Chefredakteur der Titanic. "Es war dann keine besonders große Leistung mehr, diese beiden Dinge zusammenzubasteln." Kurz darauf prangte das schwarzgelbe Batman-Logo auf dem Cover der Titanic - in der Mitte nicht die schnittige Fledermaus, sondern ein schrumpliger Genscherkopf mit großen schwarzen Flugohren. Achim Greser vom Karikaturisten-Duo Greser und Lenz hatte ihn gezeichnet.

"Nachdem zwei bis drei Folgen erschienen waren, kam ein Anruf aus dem Auswärtigen Amt", erzählt Hans Zippert. Der damalige Pressesprecher des Ministeriums, Reinhard Bettzuege, habe sich über die Comics gefreut, eines aber bemängelt: Dass Genschmans Gegner allesamt CSU-Politiker waren, also Koalitionspartner der FDP, das sei so nicht im Sinne von Herrn Genscher.

Doch das ist nicht die einzige Version der Geschichte. In einem Aufsatz, der 2003 im Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung erschienen ist, deutet der Politikwissenschaftler Wolfram Kaiser an, die Idee zu dem Comic sei nicht aus der Titanic-Redaktion gekommen, sondern direkt aus dem Auswärtigen Amt. Pressesprecher Reinhard Bettzuege, habe die Serie mit der Titanic "vereinbart". Als Teil der Medienstrategie, mit der Genscher seine Allgegenwart in Presse, Radio und Fernsehen zementierte.

Genscher sprang gern auf den Genschman-Zug auf

Hans Zippert verwehrt sich vehement dagegen. "Natürlich nimmt die Titanic keine Weisungen aus einem Ministerium entgegen. Wir waren zuerst da." Aber was, wenn eine richtig gute Idee aus dem Auswärtigen Amt käme, so wie der Genschman zweifellos eine gewesen ist? Würde nicht auch die Titanic die dann gern annehmen und dann eben selbst weiterentwickeln? "Nein", sagt Hans Zippert, das würde sie nicht. "Da müsste man auch die allerschönste Idee sausen lassen."

Wie die verschiedenen Versionen dieser satirischen Ideen-Genese zustande kamen, ist schwer nachzuprüfen. Agnes von Bressensdorf forscht am Institut für Zeitgeschichte in München und hat ihre Dissertation über Hans-Dietrich Genscher verfasst: "Es gibt keine Nachweise zu dieser Geschichte. Keine der Seiten lässt sich aus den zugänglichen Akten des Auswärtigen Amts heraus bestätigen."

Hans-Dietrich Genscher als Genschman

Hans-Dietrich Genscher setzt sich sichtlich amüsiert eine mit übergroßen Ohren ausgestattete "Genschman-Maske" auf.

(Foto: dpa)

Am wahrscheinlichsten findet von Bressensdorf, dass die Idee von der Titanic kam, aber Genschers Pressestab sich sehr darüber freute. Denn eines sei offensichtlich, sagt die Forscherin: Hans-Dietrich Genscher sprang gern auf den Genschman-Zug auf. Als Titanic-Redakteure 1989 ihm auf einer Pressekonferenz 1989 eine selbstgebastelte Genschman-Maske überreichten, setzte der Außenminister sie fröhlich auf und ließ sich fotografieren. Batman war ein großes Thema in jenen Tagen, der Hype um den Satire-Superhelden ließ den Medienprofi Genscher offenbar die Gelegenheit wittern, ein junges Publikum für sich zu interessieren.

Bis 1991 lief die Comicserie in der Titanic, bei ihrem nächsten Wahlkampf druckte die FDP das Genschman-Emblem auf T-Shirts und Plakate. Nur Genscher selbst hielt sich nach der Masken-Übergabe dann doch wieder zurück mit dem Reden über sein Superhelden-Alter-Ego. Doch Batman spricht schließlich auch nicht über sein Doppelleben.

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Der frühere Bundesminister und FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Wie erinnern Sie sich an den langjährigen Vize-Kanzler?

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Textes stand, dass Hans-Dietrich Genscher die Genschman-Maske auf einem Treffen des Genschman-Fanclubs überreicht worden sei. Das trifft nicht zu.