"Tatort" aus Stuttgart Gelungenes Spiel mit der Perspektive

Im Stuttgarter "Tatort" wird ein Finanzberater tot in seiner Villa aufgefunden.

(Foto: SWR/Alexander Kluge)

"Der Mann, der lügt" erzählt aus Sicht der Hauptfigur und lässt die Kommissare Lannert und Bootz zu Nebenfiguren in ihrem Film werden - ein hübsches Experiment zum zehnjährigen Dienstjubiläum.

Von Katharina Riehl

Wenn sonntagabends gegen 20.30 Uhr in Deutschland der Kurznachrichtendienst Twitter heiß läuft, dann geht es dort ein paar Stunden lang nicht um Horst Seehofer oder die Armbanduhren von SPD-Politikern, sondern wahlweise um eine dieser beiden wirklich entscheidenden Fragen: Wann kommt endlich mal wieder ein Tatort, der nicht so schrecklich normal ist? ODER: Wann kommt endlich mal wieder ein ganz normaler Tatort?

Nicht nur in der Politik stehen sich die Lager oft recht unversöhnlich gegenüber. Am vergangenen Sonntag wurde in Bremen ein Vampir gejagt, der Kommissar selbst wurde gebissen und wähnte sich untot. Das war mal wieder kein Film für Anhänger des klassischen Currywurstkrimis und für all jene, die kürzlich erleichtert zur Kenntnis nahmen, dass die ARD die Zahl der experimentellen Tatort-Episoden auf zwei im Jahr beschränken will. Mehr Normalität wagen.

Ob diese Quote eingehalten wird, liegt natürlich vor allem daran, wie großzügig man den Begriff "Experiment" auslegt, denn im Grunde ist auch der Tatort von dieser Woche eines, und wird dennoch auch dem vampirskeptischen Publikum gefallen. "Der Mann, der lügt" (Buch: Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler, auch Regie) ist ein erzählerisches Experiment, ein Spiel mit der Perspektive, das die Stuttgarter Kommissare Lannert und Bootz zu Nebenfiguren in ihrem Film werden lässt, obwohl sie oft im Bild sind.

Der Tatort beginnt im Haus der Familie Gregorowicz am Morgen, nachdem ein Finanzberater tot in seiner Villa gefunden wurde. Herr Gregorowicz wird später in seinem Büro von den Kommissaren als Zeuge vernommen, sein Name stand im Terminkalender des Toten. Alles, was dann geschieht, wird aus der Perspektive von Jakob Gregorowicz (Manuel Rubey) erzählt. Es gibt in diesem Film deshalb keine einzige Szene, in der die Kommissare sich zu zweit unterhalten, also auch keine Erklärsequenzen, in der sie sich gegenseitig auf den Stand der Ermittlungen bringen. Der Zuschauer erfährt nur, was auch Jakob Gregorowicz erfährt.

Mit dieser Episode feiern Lannert und Bootz (Richy Müller und Felix Klare) ihr zehntes Dienstjubiläum. Es ist nach der tollen Episode aus dem Herbst 2017, die komplett in einem Verkehrsstau spielte, schon der zweite Stuttgarter Film in kurzer Zeit, der die Lager bei Twitter versöhnen könnte.

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