Tatort aus Bremen Ausgesaugte Tote, ausgelaugter Rechtsmedizinier

Als Vampir Nora ist Lilith Stangenberg (mit Cornelius Obonya als ihr Vater) toll. Auch, weil sie kein Vampir ist.

(Foto: Radio Bremen/Christine Schröder)
  • Die Bremer Tatortfolge "Blut" kommt pünktlich zu Halloween und handelt von einer Vampirin.
  • Der Film versetzt die Leute - ganz untypisch für den Tatort - dann und wann tatsächlich fast in Angst und Schrecken.
Von Holger Gertz

Folge 30/2018

Kommissar*innen: Lürsen/Stedefreund

Seit ein paar Jahren existiert im Rahmen der Reihe Tatort das Untergenre Horrortatort. Es wird ja am Sonntagabend gern mal experimentiert, allerdings setzt gerade der Sonntagabend jedem Abenteuer auch Grenzen, das muss schließlich am Ende alles familientauglich sein. Weshalb die Horrortatorte bisher Horror-Parodien waren, die Zombies sahen aus wie Zombies aus dem Faschingsladen, die Vampire wie verhaltensauffällige Geschwister von Graf Zahl (Sesamstraße).

Diese Bremer Episode von Regisseur Philip Koch (auch Buch, mit Holger Joos) zieht es diesmal, pünktlich zu Halloween, konsequenter und, um im Thema zu bleiben, waghalsiger durch. Die Vampirin beißt derart entschlossen in die Hälse ihrer Opfer, dass ausgesaugte Tote zurückbleiben und ein ausgelaugter Rechtsmediziner. "Es werden ganze Fetzen von Haut und Muskelgewebe rausgerissen, fast tierisch", sagt der Mann, der schon "abgebissene Nasen, Finger, Penisse" in der Praxis hatte, aber so was wie diesmal noch nie. Konsequenterweise heißt die Folge "Blut" und ist für Kinder, Tatort-Traditionalisten und Menschen mit Hämatophobie weniger geeignet. Blut im Gesicht der Vampirin. Rinderblut, in der Mikrowelle aufgewärmt. Blutrot ist der Vorhang am Fenster der Vampirwohnung, blutrot auch der Schirm an der hellen Fassade des Bremer Hauses.

Es ist also alles mit viel Aufwand und Zugewandtheit arrangiert worden, jedes Detail und auch das große Ganze. Die Dunkelheit, der Albtraum, das flackernde Licht, das Knarzen der Tür, das Schmatzen der Vampirin. Mal ist der Zuschauer überrascht, mal kennt er das Verhängnis schon vor dem Protagonisten. Klassische Horror-Elemente werden souverän eingebaut, der Film versetzt die Leute dann und wann tatsächlich fast in Angst und Schecken, das ist tatortuntypisch. Tatorttypisch dagegen die hölzerne Rollenverteilung der Ermittler, Kommissar 1 geht anders an den Fall ran als Kommissar 2, das soll dann symbolisch stehen für den ambivalenten Blick der Gemeinde da draußen auf ein Phänomen. Es wirkt allerdings aufgesetzt, wie Hauptkommissarin Lürsen (Sabine Postel) komplett cool bleibt, während Kollege Stedefreund (Oliver Mommsen) sich in den Mythen des Vampirwesens verstrickt - und dabei ein Vampirismus-Lehrbuch zur Hilfe nehmen muss, in dem er mit neongelbem Textmarker das anstreicht, was ihm besonders gruselig vorkommt.

Im Ganzen aber ein ganz gelungenes Genre-Experiment, Lilith Stangenberg als Vampirin ist toll, vor allem, weil sie keine Vampirin ist, jedenfalls keine, deren Biss ihr Opfer auch zum Vampir machen würde. Jemand, der eigentlich Gefährten sucht, wird also immer einsamer. Das ist die Geschichte hinter der Geschichte.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

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