"Tatort" aus Frankfurt:Caligulas Insulin

Tatort: Wer zögert, ist tot

Frederick Seibold (Helgi Schmid, M.) wird von Menschen in Hundemasken entführt.

(Foto: HR/Degeto/Bettina Müller)

Der erste "Tatort" nach der Sommerpause kommt aus Frankfurt - und hält jenseits von Hundeköpfen wenig Originelles bereit.

Von Holger Gertz

Eine hübsche Miniatur steht ganz am Anfang dieses Tatorts vom HR: Da trauern Menschen, die Hundemasken tragen, um einen am Boden liegenden Menschen, der ebenfalls eine Hundemaske übergestülpt hat. Klingt zwar albern, tatsächlich aber sind in der Geschichte des deutschen Sonntagabendkrimis kondolierende Köter nie würdevoller in Szene gesetzt worden als in dieser Sequenz, in der Tragik und Komik ausbalanciert werden.

Jenseits der Hundeköpfe hält "Wer zögert, ist tot" von Petra Lüschow nicht viel Originelles bereit, dafür jede Menge Erwartbares. Jemand wird von den Maskierten entführt, das Lösegeld soll der (im Tatort zu oft gesehene und natürlich komplett überzeichnete) großkotzige Unternehmer-Vater aufbringen. Ein Mann, der Katzen mag und Nachbarshunde und deren Besitzerinnen verachtet: "Hören Sie doch endlich auf, Ihre dumme Töle zu anthropomorphisieren." Bei den Ermittlungen hilft ein im Tatort inzwischen auch zu oft strapazierter nerdiger Experte, und natürlich treibt das Handy-Display die Handlung voran. Wenn nichts mehr weitergeht, leuchtet dann auch schon mal ein fürs Publikum bestens sichtbarer Name auf, so verräterisch wie platt. Dass die Identität der Maskierten in einem Kampfsportverein geklärt wird, gab es im Tatort "Drei Schlingen" vor 44 Jahren auch schon mal, damals war der Ort der Erkenntnis ein Judoklub, diesmal ist es, zeitgemäßer, ein Studio für Frauenselbstverteidigungskurse.

Aber sogar der im Tatort - und nicht nur im Tatort - so gern präsentierte Parcours durch unterirdische Labyrinthe fördert hier nicht den Spannungsaufbau, anders als zuletzt in Münster, wo der Rechtsmediziner Boerne sich in den albtraumhaft langen Fluren der liebevollst ausstaffierten Vorhölle verlor. In Frankfurt bleibt diesmal sogar das innere und äußere Irren der Personen ohne Wirkung auf das Publikum. Zazie de Paris tapert als auffälligste Undercover-Ermittlerin aller Zeiten durchs Panorama und ist dabei so blass wie im gesamten Abenteuer das Ermittlerteam Janneke/Brix (Margarita Broich und Wolfram Koch). Und wie das komplette Personal, tolle Leute, aber die Figuren packen einen so wenig wie eine Geschichte, die sich zieht und zieht.

So bleibt der allerschönste Satz in diesem Tatort jener von der Assistentin des Großkotz-Unternehmers, dem sein zuckerkranker Kater wichtiger ist als alles andere: "Haben Sie Caligula heute schon sein Insulin gespritzt?"

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr

© SZ/cag
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