bedeckt München 13°

Kritik an ARD und ZDF:"Krisen generieren neue Krisen"

ARD und ZDF

Corona als konstantes Bedrohungsszenario - dieses Narrativ stellten Gräf und Hennig in ihrer Studie über die öffentlich-rechtlichen Sondersendungen fest.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Eine Studie analysiert die Corona-Berichterstattung bei ARD und ZDF kritisch. Dann greifen die Reflexe aus Hohn und Dementi. Ein Anruf bei den Machern bringt Differenzierung.

Interview von Carolin Gasteiger

Die Literatur- und Medienwissenschaftler Dennis Gräf und Martin Hennig haben in den ersten Monaten der Corona-Krise analysiert, welches Weltbild öffentlich-rechtliche Sondersendungen transportieren. Dazu haben die beiden Wissenschaftler der Universität Passau von Mitte März bis Mitte Mai 93 Ausgaben der Sondersendungen ARD extra und ZDF Spezial untersucht. Das Preprint ihrer Studie, die in einigen Wochen im Magazin des DFG-Graduiertenkollegs Privatheit und Digitalisierung erscheint, legt den Schluss nahe, dass der Journalismus differenzierter hätte sein müssen und stattdessen die Krise als konstantes Bedrohungsszenario geschildert wurde.

SZ: Ihre Studie haben Sie mit "Die Verengung der Welt" überschrieben. Was meinen Sie damit?

Martin Hennig: Insgesamt wurde die Krisenhaftigkeit zur zentralen Perspektive der Wahrnehmung. Das liegt allein schon an der hohen Anzahl der beiden Formate. Sondersendungen werden bei einem gesellschaftlich außergewöhnlichen Ereignis ausgestrahlt. Aber im Untersuchungszeitraum waren die Sondersendungen zu Corona omnipräsent und damit wurde das Besondere zum Normalfall.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Dennis Gräf: Sondersendungen ergeben qua Existenz nur Sinn, wenn es etwas Besonderes zu berichten gibt. Aber wenn es keine neuen Inhalte gibt und das Immergleiche gezeigt wird, dann muss man das Format der Sondersendung zumindest infrage stellen.

Ihr Untersuchungszeitraum umfasst die härteste Phase des Lockdowns. Das könnte man durchaus als außergewöhnliches Ereignis auffassen.

Hennig: Natürlich muss in der Corona-Krise über Corona berichtet werden. Aber die Krise war nicht nur das Thema, sondern bildete auch die zentrale Rhetorik der Sendungen. Häufig problematisierten Einzelbeiträge nacheinander genau Gegenteiliges. Erst geht es darum, wie geschlossene Schulen Familien herausfordern, dann kommen geöffnete Bildungseinrichtungen und deren Probleme. Wenn alles problematisiert wird, suggeriert das eine gewisse Ausweglosigkeit. Dann führen Maßnahmen gegen medizinische Krisen zu ökonomischen Krisen, diese wiederum zur Staatsverschuldung, was dann wieder als gesellschaftliche Krise bezeichnet wird. Wir haben versucht offenzulegen, welches Weltbild in diesen Sendungen transportiert wird: Krisen generieren neue Krisen, und das ist etwas, was nicht in der Sachlage selbst begründet liegt, sondern in der Rhetorik der Sendungen.

Martin Hennig Universität Passau

Dr. Martin Hennig

Vieles war jedoch besonders in der Anfangsphase noch nicht klar. Da galt es doch schlicht, die Zuschauer darüber zu informieren, was man wusste - und was nicht.

Gräf: Es geht um die Redundanz. Natürlich ist es legitim, gespenstisch leere Fußgängerzonen zu zeigen. Aber das jeden Abend wieder zu tun, generiert ein Bedrohungsszenario.

Dennis Gräf Universität Passau

PD Dr. Dennis Gräf

(Foto: Hans Grimm)

Sie haben bewusst diese zwei Sendungen herausgegriffen. Warum diese beiden? Und wie sind Sie methodisch genau vorgegangen?

Gräf: Wir haben diese Sendungen ausgesucht, weil sie auf einem sehr prominenten Sendeplatz liegen. Wir sind Philologen und begreifen eine einzelne Sendung als abgeschlossenes Weltmodell, in dem es implizite Regularitäten gibt.

Hennig: Es handelt sich um eine qualitative Analyse. Uns geht es grundsätzlich darum, zu schauen, was für Elemente gibt es und welche nicht und wie fügen sich diese Elemente zu einer Rhetorik, zu einer Ordnung, zu einem Weltbild zusammen.

Ein Weltbild, das, so werfen Ihnen viele nun vor, die Arbeit von ARD und ZDF kritisiert.

Gräf: Die, wie es viele nennen, "vernichtende Kritik" an den beiden Sendern war nie unser Anliegen. Wir wollten die textuellen Strukturen sichtbar machen.

Hennig: Uns geht es aus einem kulturwissenschaftlichen Interesse darum, wie sich die Gesellschaft selbst konstituiert in diesen Formaten. In den untersuchten Beiträgen ging es nie darum, was die Menschen zu Hause in der Kurzarbeit machen, ob das eventuell gewonnene Familienzeit ist. Vielmehr wurde der defizitäre Aspekt betont, dass die Menschen ihren, vor allem beruflichen, Ansprüchen vor Corona nicht mehr gerecht werden.

Es wurde eher die Krise als Status quo in den Mittelpunkt gestellt statt irgendeiner positiven Entwicklung?

Gräf: Das ist einer unserer zentralen Punkte, genau. Und der zweite, dass wir nachweisen können, dass teilweise mit Ästhetiken gearbeitet wurde, die dem fiktionalen Genre entsprechen. Etwa Sirenengeheul, das man aus Katastrophenfilmen kennt.

Hennig: Diese Fiktionalisierungsstrategien tragen zu einer Aura der Unausweichlichkeit und des Zeitdrucks bei. Wir wollen das nicht bewerten, aber mit diesen Mitteln wurde gearbeitet.

Im Preprint Ihrer Studie gehen Sie auch darauf ein, wie Kritik geäußert wird.

Hennig: Die Kritik war auf einer Ebene angesiedelt, die eine grundsätzliche Akzeptanz der staatlichen Reglementierungen voraussetzt. Es ging eher um Fragen wie: "Wer ist von Regelungen betroffen?" oder "Wie werden Regelungen umgesetzt?". Vor allem bei ARD extra ist diese Struktur so angelegt, dass die Kritik im abschließenden Interview immer mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Wohl ausgehebelt wird. Nach dem Motto: Natürlich haben einzelne Gesellschaftsteile Probleme, aber um das Virus zu bekämpfen, brauchen wir bestimmte Maßnahmen.

Die Sender wiesen Ihre Analyse als Kritik zurück. Fühlen Sie sich in der Wahrnehmung missverstanden?

Gräf: Es geht uns nicht darum, den Medien irgendetwas zu empfehlen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk muss unabhängig bleiben. Aber wir können das, was er macht, analysieren und interpretieren. Und dann wäre es wünschenswert, dass die Verantwortlichen unseren Beitrag erst mal lesen.

Hennig: Momentan beschränkt sich der Diskurs darauf, dass jemand vermeintlich Kritik übt, und die wird als Ganzes umgehend zurückgewiesen. Es wäre aber schön, wenn unsere Erkenntnisse in weitere Diskurse eingehen.

© SZ/biaz
Fragen und Antworten / Coronavirus

Falschmeldungen über Corona
:Zehn Tipps gegen die Lügen

Die Corona-Krise hat eine Flut von Falschmeldungen in soziale Netzwerke gespült. Aber jeder kann sich dem widersetzen. Eine Anleitung.

Von Dirk von Gehlen und Klaus Ott

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite