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Springer-Verlag:Diekmann lernte, was sich digital auf der Welt alles tut

Diekmann zog mit Verlagsleuten nach Palo Alto und lernte, was sich digital auf der Welt alles tut. Er scheint seitdem eine Mission zu haben, Journalismus mit Video, Smartphone und anderem an die Leute zu bringen; bei Twitter ist er ständig, dort folgen ihm mehr als 90 000 Menschen. Die Operation, die er anführt, läuft im Haus unter dem Stichwort "Tempel". Alles neu, alles anders. "Tempel" ist eine Abkürzung von Tempelhof, wo der Verlag mal hinziehen wollte. Daraus ist nichts geworden. Diekmann tourt durch die Welt. Heute Korea, morgen London, dann Los Angeles. Man weiß, wo er ist, wenn man seine Tweets liest. Im Tagesgeschäft ist das Dasein im Fern-Sein für einen Chefredakteur nicht einfach.

Er ließ sich ansonsten einen Vollbart wachsen, und die ganze Welt sollte an diesem Weltereignis teilhaben. Als ihm der Bart abrasiert wurde, war nur erstaunlich, dass das ohne Eilmeldung ging.

Die ihn mögen, meinen, es gebe den privaten Diekmann, der fürsorglich, verlässlich und anständig sei, und dann gebe es noch den Chefredakteur von Bild.

Kaum ein Journalist in der Republik ist seinem Förderer so treu geblieben

Er sorgt sich rührend um Helmut Kohl. Kaum ein Journalist in der Republik ist seinem Förderer so treu geblieben. Er ruft an, er fährt nach Oggersheim, er liest Kohl vor. Enge Kontakte hält er in die Türkei: Er macht jedes Jahr in Bodrum Urlaub und sorgt sich in Potsdam, wo er wohnt, um syrische Flüchtlinge. Das hätten früher Bild-Chefredakteure vermutlich nicht gemacht. Diekmann ist ein Katholik.

Kai Diekmann; Bild-Zeitung

Kai Diekmann hat eine Biografie über Helmut Kohl geschrieben. Noch heute besucht er den Altkanzler in Oggersheim.

(Foto: Hannelore Foerster/Getty Images)

Ein guter Sohn, ein Ehemann und Vater von vier Kindern im Alter von 13 bis sieben Jahren. Die Familie hat zwei Ziegen, zwanzig Hühner und acht Bienenvölker. Seine Frau, Katja Kessler, schreibt nimmermüde Bücher über das Familienleben. Sie stilisiert sich manchmal als eine Art Strohwitwe. Wenn sie das aufschreibt, ist er öfters in der Küche und kocht. Nichts rätselhafter als Diekmann.

Kaum jemand hat sich in seinem Leben so intensiv mit Bild beschäftigt wie der Enthüller Günter Wallraff. Er war als Reporter Hans Esser bei Bild und hat die Mechanismen des Blattes enthüllt. Vieles weiß man über den Betrieb von Bild, weil Wallraff da war. Die alten Springer-Leute haben ihn gehasst, ihn verfolgt, ihm nachgesetzt.

Wallraff kauft bis heute keine Bild-Zeitung

Wallraff ist alte Schule. Er kauft bis heute keine Bild-Zeitung, liest sie angeblich nur, wenn sie irgendwo rumliegt. Das haben der Bild-Kritiker Klaus Staeck oder auch der Literat Peter Rühmkorf genauso gemacht. Wallraff ist kein Überläufer. Und dennoch hat ihn Diekmann bezirzt. Der hat ihn, für Wallraff überraschend, manchmal angerufen und sich mit Hans Esser über die Welt ausgetauscht. Diekmann hat ihn in Köln besucht. Wallraff wollte wissen, wer ihn einst in der heißen Zeit, als er im Krieg mit Springer war, abgehört hatte. Diekmann hat das auch im eigenen Haus recherchiert. Wallraff meint bis heute, es müsse der BND gewesen sein. Diekmann ist sich ziemlich sicher, dass es der Verfassungsschutz war. Bei der Recherche soll Diekmann aber auch die dunkle Geschichte seines Hauses besser kennengelernt haben. Heißt es jedenfalls.

Wallraff fand das "beeindruckend". Im SZ-Magazin hat er neulich gemeint, er habe den Eindruck, dass dieser Diekmann etwas ändern wolle. Früher sei das Blatt mit Hetze gegen Ausländer, Linke und Minderheiten "durchtränkt" gewesen. Heute sei Bild "vorsichtiger" geworden. Da stünde sogar manchmal eine "einfühlsame Reportage" im Blatt. Bild online feierte das Ereignis, dass Wallraff Bild lobte. Das ist neu, aber kein Wandel.

Günter Wallraff "Die besten Träume sind die, in denen ich fliege"
SZ-Magazin
Günter Wallraff im Interview

"Die besten Träume sind die, in denen ich fliege"

Der berühmte Undercover-Reporter Günter Wallraff über Identitätsverlust, die Moral der Bild-Zeitung und seinen Versuch, sich dem IS auszuliefern

Das Fußballvolk machte nicht mit

Als Bild neulich, Diekmann voran, eine von Politikern unterstützte Kampagne zur Flüchtlingshilfe entwickelte und die Fußball-Bundesligavereine als Werbeträger einsetzen wollte, machte der FC St. Pauli, der Club des gelebten Multi-Kulti, als erster Verein nicht mit. Diekmann verstand die Welt nicht. Er wollte den Verein pfählen und tat so, als seien am Millerntor Flüchtlinge nicht willkommen. Der Weltreisende blickte überhaupt nicht durch. Diese Fehleinschätzung hat dem Boulevardblatt auf dem Platz, wo gespielt wird, richtig geschadet.

Bild-Zeitung Über die Spezialitäten der "Bild"
Interview
Umstrittene Kampagne "Wir helfen"

Über die Spezialitäten der "Bild"

Auf Twitter bekommt "Bild"-Chef Diekmann Ärger für seine Pöbelei gegen Fußballclub St. Pauli. Warum ihn das nicht kratzt - und es dem Boulevardblatt laut Wolfgang Storz sogar nützt.   Von Anja Perkuhn

Bild tut gern so, als schaue es dem Volk aufs Maul, aber das Fußballvolk machte nicht mit: Die Botschaft: " Bild not welcome" war in Fankurven zu lesen. Nürnberger Ultras plakatierten: "Brandstifter holen gerne selbst die Feuerwehr."

Also, Herr Diekmann, was bleibt, wenn Sie nicht mehr Chefredakteur sind?

Die Antwort hat er am Donnerstagmorgen in der Konferenz gegeben. Er gehe nicht, sagte er, sondern bleibe als Herausgeber ein "Satellit über euch". Er wolle aufpassen, dass alles anständig laufe.

Und im Notfall werde er Sachen "zur Sprengung bringen".