"Bild"-Chef Kai Diekmann im Gespräch "Ich bin harmoniesüchtig"

Kai Diekmann, Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, über Qualitätsjournalismus, die Kachelmann-Berichterstattung und sein Leben als Kontrollfreak.

Interview: Hans Leyendecker und Marc Felix Serrao

Kai Diekmann, 46, leitet Europas größte Boulevardzeitung, Bild, seit Januar 2001. Am kommenden Montag, 13. September, wird er nach Angaben des Axel Springer Verlags der dienstälteste Bild-Chefredakteur. Er lässt damit auch Vorgänger wie Peter Boenisch oder Günter Prinz hinter sich.

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SZ: Herr Diekmann, Sie sind länger als alle Ihre Vorgänger Bild-Chefredakteur. Wie lange halten Sie das noch aus?

Kai Diekmann: Solange ich solchen Spaß dabei habe. Das ist ja das Großartige an Bild: Man kann sich so kreativ austoben wie sonst nirgends. Mal ist man klassischer Boulevard, mal Süddeutsche Zeitung.

SZ: Wann ist Bild denn die Süddeutsche Zeitung?

Diekmann: Große Stücke über vorgezogene Neuwahlen in der Republik Moldau schaffen es bei uns tatsächlich selten ins Blatt. Aber als wir Ende 2009 die Kunduz-Affäre aufgedeckt haben, waren wir mehr SZ als Ihnen lieb sein kann. Oder mit dem Vorabdruck von Thilo Sarrazins Buch auf mehr als 200 Zeilen.

SZ: So lang sind unsere Texte nicht. Im Übrigen ist es falsch, wie Sie immer behaupten, dass Bild die Kunduz-Affäre aufgedeckt habe. Die SZ wurde für ihre Kunduz-Berichterstattung ausgezeichnet, nicht Bild. Entspricht eigentlich das Lebensjahr eines Bild-Chefredakteurs einem Kalenderjahr? Oder haben Sie da auch Ihre eigene Wahrnehmung?

Diekmann: Wenn ich jetzt behaupte, Bild sei ausschließlich ein Jungbrunnen, dann würden Sie mir das eh nicht glauben. Also: Von Bild wird immer das Außergewöhnliche erwartet, da gibt es keine Routine. Deshalb verabschiedet man sich als Chefredakteur auch nicht einfach ins Wochenende. Die Zeitung ist immer bei einem.

SZ: Immerzu?

Diekmann: Es gibt Leute, die sagen, ich sei ein Kontrollfreak. Und ja, ich will wissen, was in der Zeitung passiert, auch wenn ich nicht in der Redaktion bin. Es hat in meinen fast zehn Jahren bei Bild keinen Tag gegeben, an dem ich nicht wusste, was Schlagzeile ist. Sie können ja mal bei meiner Frau nachfragen, was in den Kreißsälen los war, als unsere Kinder geboren wurden.

SZ: Sie sind 46 Jahre alt. Was kommt für Sie nach Bild? Ein Vorstandsposten?

Diekmann: Papperlapapp, so viel Freiheit wie als Chefredakteur der größten Zeitung Europas haben Sie auf keinem Vorstandsposten. Mein Spaßfaktor ist, ehrlicherweise, höher als der von Mathias Döpfner (Anm. d. Red.: dem Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG). Ohne Verpflichtungen, die...

SZ: ... Sie sind dem Erfolg des Produkts verpflichtet.

Diekmann: Das stimmt. Und es würde weniger Spaß machen, wenn wir weniger erfolgreich, wenn die Zeitung nicht kerngesund wäre.

SZ: Sie haben seltsame Vorstellungen von Gesundheit: Als Sie Bild-Chefredakteur wurden, lag die Auflage bei 4,5 Millionen. Heute liegt sie noch knapp über drei Millionen. Sieht so Erfolg aus?

Diekmann: Wenn Auflage der wichtigste Maßstab für ökonomischen Erfolg wäre, dann hätte die SZ mit ihrer stabilen Auflage im vergangenen Jahr wohl kaum neun Millionen Euro Verlust gemacht. Bild hingegen erzielt Jahr für Jahr Rekordergebnisse - und wir müssten in diesem Jahr wirklich noch alles falsch machen, um zu verhindern, dass auch 2010 wieder das beste Jahr der Bild-Geschichte wird.

SZ: Die neun Millionen sind eine Behauptung von Ihnen, die im Übrigen nicht stimmt. Fest steht: Ihre Auflage sinkt und sinkt.

Diekmann: Der Tageszeitungsmarkt ist insgesamt rückläufig, die Auflage fast aller Zeitungen geht zurück. In diesem Umfeld verdienen wir mit Bild soviel wie noch nie. Wir haben mit mehr als zwölf Millionen Lesern die höchste Reichweite und im Einzelverkauf den größten Marktanteil unserer Geschichte. Fast jede zweite Zeitung, die in Deutschland über den Ladentisch geht, heißt Bild (Zeitungsabonnements sind in dieser Rechnung nicht berücksichtigt, d.R.). Und Bild wächst weiter, auch online sind wir Marktführer. Und wir haben uns getraut, den Verkaufspreis von umgerechnet 35 Cent im Jahr 2000 auf heute 60 Cent zu erhöhen. Bild ist ökonomisch wie publizistisch ein Riesenerfolg.

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