Sitcom "Lerchenberg" im ZDF Muss ich lachen, oder darf ich mich schämen?

Das ZDF will sich in seiner Sitcom "Lerchenberg" zusammen mit dem nicht mehr blonden Sascha Hehn über sich selbst lustig machen. Doch die Gags sind ungefähr so gut versteckt wie Ostereier.

Von Harald Hordych

Sascha Hehn ist nicht mehr blond. Er ist jetzt dunkeldunkelblond. Und er sieht immer noch sehr gut aus. Nur nicht mehr wie der Sascha Hehn, den man von früher kennt. Sascha Hehn sieht jetzt aus wie ein seriöser 58-Jähriger, der irgendwo in Oberbayern ein Geschäft gefunden hat, das ihm erlaubt, viel Zeit an der frischen Luft zu verbringen. So ein Typ hätte früher blendend aussehende Stewards oder blendend aussehende Ärzte spielen können. Aber jetzt hat er mit der fixen Idee, er wäre deshalb ein guter Schauspieler, abgeschlossen.

Hat Sascha Hehn aber nicht. Er spielt jetzt Sascha Hehn, der ein guter Schauspieler sein will, aber keine Rollen bekommt. Was ja nicht stimmt, er ist gerade zum Kapitän vom Traumschiff aufgestiegen, was sicher schön für ihn ist. Aber in der neuen ZDF-Sitcom Lerchenberg ist er eine traurige Figur. Da verwischen sich Realität und Fiktion zum ersten Mal auf eine nicht wirklich gute Weise, Hehn hat vor dem Traumschiff lange keine tollen Rollen mehr gefunden, so dass man sagen könnte, Mensch Sascha, hör auf zu kokettieren, du bist eben der ewige Traumschiff-Boy. Gibt Schlimmeres. Arbeitslosigkeit, Dschungelcamp, Superstar-Jury - ach lassen wir das.

So ist die Ausgangslage für Lerchenberg, die nach dem Ort in Mainz benannt ist, wo das ZDF seine Sendezentrale hat. Und so unwohl man sich fühlt, wenn man das erzählt, ungefähr so unwohl fühlt man sich als Zuschauer dieser Serie. Man fragt sich die ganze Zeit, warum tut der Mann das? Sicher, das ist selbstironisch, das ist viel Mut zur Lächerlichkeit, auf jeden Fall. Aber man denkt auch: Muss ich jetzt lachen, oder darf ich mich schämen? Doch leider kann man sich nicht so sehr schämen, dass man vor lauter Peinlichkeit nicht mehr aus dem Lachen rauskommt, siehe Stromberg, Bürotyrann, größtes Eierplätzchen in der Abteilung.

Da helfen ihm auch keine Drehbücher

Es fängt damit an, dass der frühe Hehn auf einer Bewerbungs-DVD auftaucht und eine junge Frau sich über diesen Bravo-Starschnitt aus wehendem Blondhaar, Steward-Anzug und Locker-ins-Cabriolet-Hüpferei kaputtlacht und die DVD in den Papierkorb wirft. Diese junge Frau wird dann zu ihrer Chefin gerufen. Die will ihren einstigen Geliebten unbedingt im Sender unterbringen. Wie einen Sozialfall. Dieser Sozialfall ist aber immer noch davon überzeugt, der größte Schauspieler aller Zeiten zu sein. Ständig sagt er Sätze wie: Sascha Hehn spielt keine Nebenrollen. Oder: Sascha Hehn entschuldigt sich niemals. Hehn ist ein Star, der sagen muss: Hilfe, holt mich hier rein! Auf seinem T-Shirt steht: Als Gott mich schuf, wollte er angeben.

Dieser Hehn ist ein aufgeblasener Idiot, wie nur Männer aufgeblasene Idioten sein können; und um den muss sich in den vorerst abgedrehten vier Folgen Billie (Eva Löbau) kümmern. Immer neue Rollen muss sie sich ausdenken, und dann stellt sich noch raus, dass der wichtigste Unterhaltungsabteilungsleiter Sascha Hehn hasst, weil der sich früher, als er sich das noch leisten konnte, wie ein fieser, dauergeiler Wichtigtuer aufgespielt hat. Eine Leidenstour für Billie, aber eine, bei der man tendenziell eher mitleidet als mitlacht. Komisch geht eigentlich anders.

Wir wünschen dem ZDF noch 500 Jahre

Seid umarmt, Senioren

Wenn Schauspieler wie der begnadet komische Aufgeblasenheitskünstler Heinz Baumann so etwas spielen, könnte man sich vor Lachen in jede Ecke der bizarr langweiligen ZDF-Verwaltungstrakte werfen. Aber das ist Hehn nicht. Hehn ist Hehn, da helfen ihm auch keine Drehbücher, die nicht an erklärte Vorbilder wie die amerikanische TV-Serie Curb Your Enthusiasm heranreichen, die vor Sarkasmus und Schlagfertigkeit strotzen. Hehn ist einfach ein sympathischer Typ, der immer noch nett lächelt und mit gutturaler Stimme redet wie ein Schwiegersohn der Nation, der zum Schwiegervater der Nation wurde. Wenn so jemand sich als Ekelpaket entpuppt, ohne eine komödiantische Fallhöhe zu entwickeln, dann wird die Mini-Sitcom leider zu einem traurigen Vorabend-Bürodrama, mit, tja, klar, lauter Büromenschen, die sich zufällig in einer wie die Arbeitsamtszentrale in den Siebzigern aussehende furnierholzversiegelte Gebäudeinnenwelt aneinander psychologisch abarbeiten.

Lerchenberg, eine Produktion des anspruchsvollen Kleinen Fernsehspiels des ZDF, soll nicht albern sein, es soll nicht plump sein, es soll sich eine feine Situationskomik entwickeln, die man zwischen Regalen und Schreibtischen selbst entdecken soll. Wenn Hehn zum Beispiel dem Regisseur von Krimi-Allerweltskost mit Leidensmiene sagt, "es ist nicht einfach, wenn man in Mainz anspruchsvoll sein will", dann soll das komisch sein, weil ausgerechnet der ZDF-Oberquotenkönig in einer ZDF-Serie über das ZDF so was sagt. Der jetzt aber gar kein Traumschiff-Kapitän mehr ist. Moment - im wirklichen Leben aber doch. Kompliziert. Das ist Rätselwitzekomik, die sich so hintergründig um drei Ecken windet, dass Lerchenberg eher eine Dokuserie ist, bei der die Gags wie Ostereier versteckt sind.

Lerchenberg, ZDF Neo, 22.45 Uhr; ZDF, von 5.4. an.

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