Sexualverbrechen Weglassen der Freiburg-Meldung: "Tagesschau" spielt den Falschen in die Hände

Über Baden-Württemberg hinaus nicht relevant genug. So begründete die Redaktion ihre Entscheidung, nicht über die ermordete Studentin zu berichten.

(Foto: dpa)

Gerade in Zeiten der "fake news" bleibt Glaubwürdigkeit der Markenkern des Formats. Den hat die Redaktion aufs Spiel gesetzt, als sie sich entschloss, über den Mordfall von Freiburg nicht zu berichten.

Kommentar von Joachim Käppner

Normalerweise kann es die ARD wie jedes andere seriöse Medium kaltlassen, wenn ihr die üblichen Netz-Querulanten und Verschwörungstheoretiker Lügen und Unterdrückung der Wahrheit vorwerfen. Wenn in der Flüchtlingsfrage Linksradikale "die Medien" als Handlanger des Rassismus schmähen und Rechte dieselben Medien anpöbeln, weil diese das Vaterland durch Islamisierung verderben wollten, kann eine inhaltliche Auseinandersetzung mit derlei Kritik nicht weit führen. Gegen solch überzogene Attacken helfen nur professionelles Selbstbewusstsein und Handeln.

Daran scheint es der ARD an diesem Wochenende aber gefehlt zu haben. Im Internet ist der Zorn groß auf die "Tagesschau" im Ersten, weil die bundesweite Nachrichtensendung nicht über die Festnahme eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings in Freiburg berichtete. Er ist verdächtig, eine Studentin vergewaltigt und ermordet zu haben; ein weiterer Sexualmord an einer Joggerin nahe der Stadt ist ungeklärt. Warum hat die "Tagesschau" die Geschichte nicht gebracht?

Ein Lehrbeispiel für üble Krisenkommunikation

Es braucht schon einigen guten Willen, um die Behauptung der Redaktion überzeugend zu finden: Man habe die Nachricht keinesfalls aus politischen Gründen unterlassen, also nicht etwa deshalb, weil der Verdächtige ein afghanischer Flüchtling ist und man keine Vorurteile schüren wollte. Die Geschichte sei nur beim Regionalprogramm im Südwesten geblieben, weil sie über Baden-Württemberg hinaus nicht relevant genug sei.

Zudem müsse man die Rechte Minderjähriger achten. Dieser Erklärungsversuch ist im besten Falle ein Lehrbeispiel für üble Krisenkommunikation, von der nur jene Rechtspopulisten profitieren, welche "den Medien" Manipulation vorwerfen. Nur regionale Bedeutung? Die beiden Morde erzeugten Panik weit über den Oberrhein hinaus und versetzten Hunderttausende Frauen in Angst, denn sie geschahen mitten im Alltag, auf einem Radweg, beim Joggen. Zahlreiche überregionale und internationale Medien haben darüber berichtet, auch die SZ. Die Rechte des Minderjährigen? Die Polizei hat dessen Identität gar nicht preisgegeben; nach ARD-Logik dürfte man dann überhaupt nicht mehr groß über minderjährige Mordverdächtige berichten, egal ob über Flüchtlinge oder Skinheads.

Die "Tagesschau" ist neben "Heute" im ZDF die wichtigste deutsche Nachrichtensendung. Sie sollte sich nicht einmal dem Hauch des Verdachts aussetzen, unerwünschte Fakten lieber zu verschweigen; das spielt nur den Falschen in die Hände wie der AfD, die sich nun die Hände reibt. Spätestens seit der Kölner Silvesternacht müsste die Sensibilität dafür groß genug sein. Die gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sender betonen gern und zu Recht, dass ihr Markenkern gerade in Zeiten der "fake news" die Glaubwürdigkeit bleibt. Vielleicht hat die Redaktion die Bedeutung des Mordfalls einfach falsch eingeschätzt. Dann wäre es aber besser, die ARD würde jetzt schlicht bekennen: Sorry, auch wir machen mal Fehler.

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