"The Circle" auf Netflix:Wer bist du - und wenn ja, ist das wichtig?

Lesezeit: 4 min

"The Circle" auf Netflix: Für die "Circle" Bewohner gehört Kochen zum Alltag, hier die pfannkuchenwendende Sophia Layne.

Für die "Circle" Bewohner gehört Kochen zum Alltag, hier die pfannkuchenwendende Sophia Layne.

(Foto: NETFLIX)

Mit "The Circle USA" gelingt Netflix ein kleines Wunder: Aus der verlogenen Künstlichkeit des Reality-TV erhebt sich rührende Wahrhaftigkeit.

Von Johannes Korsche

Der Aggressiv-Flirter Adam muss den Circle verlassen, da gibt es keine Gnade, ist ja immer noch Reality-TV. Doch davor darf er noch jemand im Circle-Haus besuchen. Natürlich: Adam will zu Rebecca, eine - wie er sie kennengelernt hat - schüchterne, bis zur Selbstaufgabe liebe Frau. Die beiden haben geflirtet, einander Treue geschworen und sich vertraut. Das alles so aufrichtig wie es diese Reality-Sendungen eben erlauben. Andere Formate hätten bereits Anschlussvermarktungen rund um Hochzeit, Nachwuchs und die unausweichliche Scheidung in Planung. Bei der Reality-TV-Sendung The Circle USA (Netflix) ist das ein bisschen anders, was vor allem mit einer Sache zusammenhängt: Wahrhaftig begegnet ist sich das Circle-Traumpaar noch nie. Sie haben nur miteinander in Gruppen- und Privatchats auf der namensgebenden Social-Media-Plattform geschrieben. Einer von mehreren Kunstgriffen, die The Circle aktuell zur vielleicht besten Reality-Sendung auf den Bildschirmen macht.

Jede Reality-Show hat ja eine Grundidee, die zu gruppendynamischen Feuerwerken führen soll: Das "Dschungelcamp" überlässt egozentrische Selbstdarsteller der Langeweile und dem Hunger, "Prominent getrennt" sperrt entzweite Promi-Pärchen miteinander ein - um nur zwei Ideen zu nennen. The Circle zündelt subtiler. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer leben isoliert in eigenen Apartments, ständig beobachtet von Kameras. Einziger Weg, um via Textnachrichten mit den anderen Teilnehmern zu kommunizieren, ist die sprachgesteuerte Social-Media-Plattform "The Circle". Am Ende jedes Tages ranken sich die Spieler dann gegenseitig, die beliebtesten zwei werden - ganz Social-Media-Sprech - "Influencer" und dürfen jemanden "blocken", der den Circle verlassen muss. Das beliebteste Profil am letzten Tag gewinnt 100 000 Dollar. So der Versuchsaufbau, der auf Netflix seit Januar 2020 zu sehen ist.

Der Clou dabei: Social-Media-Profil und tatsächlicher Circle-Bewohner müssen nicht identisch sein. Männer spielen mit Frauen-Profilen und andersrum. Es kommt zu einem herrlichen Geflecht aus (Schein-)Identitäten. Kostprobe: Hinter dem flirty Profil von Adam steckt eigentlich Alex, der - seit elf Jahren verheiratet - viel, aber kein Womanizer ist. Statt Waschbrettbauch und kurzer, zu enger Sporthose, wie auf Adams Profilbildern zu sehen ist, trägt Alex einen gemütlichen Bauchansatz unter Batik-Shirt und Latzhose durch die Gegend. Und, ja, auch Rebecca ist eine "besondere" Frau. Also, genau genommen ist sie keine Frau. Rebeccas Profil wird von Seaburn gespielt, der dafür die Fotos seiner festen Freundin Sami verwendet. Aufgeflogen sind die beiden Identitätsschwindler bis zu diesem Moment nicht, obwohl die Teilnehmer sich untereinander streng beäugen: Wer gibt hier vor, jemand anderes zu sein?

Zwischen Lügen und Hochstaplerei passiert das Unfassbare: Auf einmal geht es um Wahrhaftigkeit

Dabei geht es in The Circle aber nie um einen fernsehnaiven Wunsch nach Authentizität, die ja ohnehin selten vor Kameras zu finden ist. Diese Kluft zwischen öffentlicher und privater Identität, die das deutsche Reality-TV nur allzu gerne übersieht, baut The Circle auf intelligente Weise schon in das Sendungskonzept ein, indem das Circle-Profil immer durch die Bilder des Spielers dahinter geerdet wird. Dort das Glitzerfoto, hier das ungeschminkte Gesicht beim Zähneputzen. Ein Mal treffen sich die vier Männerprofile in einem Chat zu einem gemeinsamen Work-out. Drei davon denken gar nicht daran, ihren großen Worten ("First to 50 push-ups wins!") Taten folgen zu lassen. Alex-Adam liegt da zum Beispiel in der Badewanne.

In diesem Netz aus Lügen und vorgegaukelten Identitäten passiert aber etwas Überraschendes. Auf einmal geht es um Wahrhaftigkeit. Unabhängig von der tatsächlichen Identität der anderen stellt sich ja die Frage: Sind für echte, zwischenmenschliche Beziehungen so Nebensächlichkeiten wie Name, Aussehen, Geschlecht und sexuelle Orientierung nicht vollkommen egal? Es ist eine Frage, die so wunderbar in unsere identitätsbewegte Zeit passt. Und die Show gibt eine hoffnungsspendende Antwort, zum Beispiel beim ersten, realen Treffen von Adam-Alex und Rebecca-Seaburn. Die beiden könnten ja angesichts der Identitätslügerei richtig sauer sein, sich anfeinden. Von wegen. Fest und lange umarmen sie sich, lachen, wollen sich scheinbar gar nicht mehr loslassen. Als begrüßten sie einen alten, lange verschollenen Freund. Es ist derart herzlich, man ist gerührt.

Nun könnte The Circle es dabei belassen, die große, wuchtige Identitätsfrage unserer Zeit auf unterhaltsame Art zu beantworten. Durch einen historischen Zufall aber ist das Format sogar noch mehr: Zeitkapsel für die Corona-Lockdowns. Im Dezember 2019 verbreitete sich zum ersten Mal eine neue Lungenkrankheit mit Namen "Covid-19" in Wuhan. Am 1. Januar 2020 kam die erste Circle-Folge auf die Bildschirme. Nahezu prophetisch puzzeln, lesen, musizieren die ersten Circle-Bewohner gegen ihre Isolation an. Für so etwas Ähnliches wie menschlichen Kontakt sind sie darauf angewiesen, Gesellschaft auf Social Media zu simulieren. Sollte man in noch unvorstellbarer Zukunft einmal erklären müssen, wie das damals war, als Lockdowns die Welt lahmlegten oder man in Corona-Quarantäne musste, man könnte The-Circle-Folgen zeigen. "Ja, so war es, plus der Sorge, sich mit einem unbekannten Virus zu infizieren", wird man sagen.

Wer sein Reality-TV trashig, laut und mit Ekelprüfungen serviert mag, wird sich bei "The Circle" langweilen

Netflix scheint schnell begriffen zu haben, dass sie sich da eine besondere Show vom englischen Sender Channel 4 in die eigene Bibliothek gelegt haben. Innerhalb von zweieinhalb Jahren produzierte der Streamingdienst vier US-Staffeln, außerdem noch je eine mit französischen und eine mit brasilianischen Teilnehmern. Und zumindest für die amerikanische Variante gilt: Es wird mit zunehmender Dauer nicht langweilig. Hat die erste Staffel die unterhaltsamsten Momente, liefert die zweite Staffel die rührendste Geschichte hinter dem Gewinner-Profil. Die dritte Staffel präsentiert den mit Abstand besten, weil brillant kalkulierenden und manipulierenden Spieler - und für die vierte Staffel ziehen zwei Original-Spice-Girls ins Circle-Haus und spielen gemeinsam ein Fake-Profil.

Zugegeben, wer sein Reality-TV trashig, laut und mit Ekelprüfungen serviert mag, wird sich bei The Circle langweilen. Aber wer über die Beliebtheitssucht in sozialen Medien, Gruppendynamik und den Umgang mit Identitäten nachdenkt, findet in der Serie unterhaltsames, überraschend rührendes Gedankenfutter. Nicht nur weil gemein gute Cliffhanger dazu führen, dass die eine in die nächste Folge schwappt. Sondern vor allem, weil es derzeit keine gegenwärtigere Reality-Sendung auf den Bildschirmen gibt.

The Circle USA, auf Netflix.

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