bedeckt München 11°

Satirezeitung:Deutsche "Charlie Hebdo"-Ausgabe wird eingestellt

Charlie Hebdo

Die "Humorkultur" von Charlie Hebdo, schreiben die Chefredakteure in der letzten Ausgabe, sei eine, die "seltsam, manchmal sogar verstörend erscheinen mag."

(Foto: dpa)
  • Die französische Satirezeitung hat sich in Deutschland nicht gut genug verkauft.
  • Für ihren provokanten Humor war Charlie Hebdo in einem Fall auch in Deutschland kritisiert worden.
  • Die deutsche Ausgabe wurde nach dem islamistischen Anschlag auf die Redaktion in Paris gegründet.

"Es reicht!" ruft die kleine Merkel-Karikatur auf der Titelseite. Sie rennt schockiert davon, in die rechte untere Ecke, Schweißtropfen fliegen von ihr weg. Wer hinter ihr her ist? Eine irr starrende, zusammengerollte Zeitung, die Charlie Hebdo. Mit diesem Bild verabschiedet sich die deutsche Ausgabe der französischen Satirezeitung nach nur einem Jahr von ihren Lesern. Am Donnerstag erscheint die vorerst letzte Ausgabe, wie die Redaktion in Paris mitteilte. Mit ihrem beißenden Humor und vielen Anspielungen auf die französische Politik verkaufte sich die Zeitung in Deutschland nicht gut genug. "1 Jahr lang belästigt" prangt auf der gelb gehaltenen Titelseite der Schluss-Ausgabe.

"Deutschland erschien uns wie ein Abenteuerspielplatz östlich des Rheins, mit ganz tollen neuen Wippen und Schaukeln, von denen wir meist gar nicht wussten, wie man sie benutzen muss", schreiben die verantwortlichen Redakteure Gérard Biard und Minka Schneider in ihrem Leitartikel. In dem Text räumen sie ein, dass die "Humorkultur" von Charlie Hebdo "seltsam, manchmal sogar verstörend erscheinen mag". Eine "kleine, treue Leserschaft in Deutschland wusste genau das zu schätzen", fügen sie hinzu. Ein Verlagssprecher sagte auf Anfrage, die Redaktion habe sich das Ziel von 10.000 Lesern gesetzt, um rentabel zu sein. Dies sei aber nicht erreicht worden. Genaue Verkaufszahlen nannte er nicht.

Die 1970 in Frankreich gegründete Satirezeitung ist bekannt für provokante und häufig derbe Karikaturen. Eine solche brachte Charlie Hebdo im Februar auch eine Beschwerde beim deutschen Presserat ein: Wegen eines Covers, auf dem Kanzlerin Merkel den abgeschnittenen Kopf von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in der Hand hält.

Ein Dutzend Übersetzer und Karikaturisten arbeitete an der deutschen Ausgabe mit

Auch in der letzten Ausgabe finden sich Texte und Zeichnungen, die gezielt für deutsche Leser entstanden sind. Zum Beispiel eine ratlose Merkel, die sich fragt: "Und wenn wir eine Koalition mit Charlie Hebdo schmieden?" Oder ein weinender SPD-Chef Schulz, der erkennt: "Die Deutschen waren nicht reif für Charlie Hebdo - für mich auch nicht." Zusätzlich zur französischen Stammbelegschaft arbeiteten nach Angaben aus der Redaktion rund ein Dutzend Übersetzer und Karikaturisten an der deutschen Ausgabe mit.

Im Januar 2015 war die Redaktion der französischen Zeitung in Paris Ziel eines islamistischen Anschlags mit zwölf Toten geworden, darunter waren auch der Zeitungschef und Zeichner Charb und einige der bekanntesten Karikaturisten Frankreichs. Charlie Hebdo hatte zuvor immer wieder Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlicht und damit die Wut von Muslimen auf sich gezogen. Noch heute arbeitet die Redaktion an einem geheimen, streng bewachten Ort.

Auf den Anschlag folgte eine beispiellose Solidaritätswelle unter dem Motto "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie). Sie brachte dem chronisch klammen Blatt zahlreiche Abonnements sowie Spenden ein. Die eine Woche nach dem Anschlag veröffentlichte sogenannte "Ausgabe der Überlebenden" verkaufte sich in Frankreich und im Ausland rund acht Millionen Mal - ein Rekord in der französischen Pressegeschichte. "In jedem Fall können wir uns auf die Fahnen schreiben, dass wir die wohl erste und einzige französische Zeitung sind, die sich ein Bein ausgerissen hat, um 24 Stunden nach der Originalausgabe in allen Farben und Formen auf Deutsch zu erscheinen", schließen Biard und Schneider in ihrem Abschieds-Artikel.

© SZ.de/AFP/khil/cag

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite