Literatur "Ich glaube, die Leute wären schnell dazu bereit, einander an die Kehle zu gehen"

So sei das eben mit dem launenhaften Literaturbetrieb, sagt Virginie Despentes: Erst werde man als pornografische Krawallfeministin abgestempelt, dann als Frankreichs Krisenorakel gehandelt.

(Foto: Leemage/imago)

Eigentlich wollte Virginie Despentes einen "kleinen, schmutzigen Abstiegsroman" schreiben. Es wurde eine Trilogie über die kollektive Depression der französischen Gesellschaft.

Porträt von Alex Rühle

Einer dieser Pariser Sommernachmittage, an denen draußen auf den Straßen der Teer zu fließen beginnt. Im Café de l'Industrie im elften Arrondissement stehen alle Fenster und Türen offen, die Leute hängen apathisch in der Hitze rum, als plötzlich ein Aufmerksamkeitszittern durch den Raum läuft. Das ist deshalb bemerkenswert, weil die Pariser eigentlich sehr souverän im Umgang mit Prominenten sind, indem sie einfach so tun, als würden sie sie nicht erkennen. Virginie Despentes aber muss erst mal durch ein Spalier derart penetrant bewundernder Blicke, dass sie irritiert an sich herabsieht, ob alles mit ihrer Garderobe stimmt.

Im Verlauf der nächsten Stunde kommen drei Frauen an den Tisch und fragen nach Autogrammen. Irgendwann steht sogar die Café-Besitzerin da, mit ihrer Ausgabe des dritten Bandes von "Vernon Subutex". Ob Despentes einen Satz reinschreiben könne, ihr Sohn lese schon lange nicht mehr, die Videospiele, das Handy, Sie wissen schon, aber das hier, das wolle sie ihm zum 18. schenken, da sei nun mal "unsere ganze Zeit in kondensierter Form drin".

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Unsere ganze Zeit. Par bleu ... Man sollte vorsichtig sein mit zeitdiagnostischen Weihen. Man sollte auch skeptisch werden, wenn die Pariser Feuilletons eine Trilogie mit Balzacs 91-bändiger Comédie humaine vergleichen. Virginie Despentes lässt all solche olympischen Vergleiche mit ironischer Skepsis an sich abgleiten. So sei das eben mit dem launenhaften Literaturbetrieb, erst werde man als pornografische Krawallfeministin abgestempelt, jetzt als Frankreichs Krisenorakel gehandelt. Was sie selbst viel mehr erstaunt, das ist die eigenständige Kraft von literarischen Texten. "Ich wollte einen kleinen, schmutzigen Abstiegsroman schreiben. Was soll einem arbeitslosen Plattenverkäufer schon groß passieren. Als ich es dann aneinandergehängt habe, hatte ich ein Monster im Rechner. Weit über 1000 Seiten." Sie wollte kürzen, ihr Lektor sagte, auf keinen Fall, das ist eine Trilogie - et voilà. In Frankreich erschien diesen Sommer der dritte Teil, auf Deutsch ist seit dieser Woche der erste Teil erhältlich (Das Leben des Vernon Subutex. Deutsch von Claudia Steinitz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 400 Seiten, 22 Euro. E-Book 18,99 Euro.).

Im Napster-Tsunami geht, in Sekunden, auch Vernons Plattenladen "Revolver" unter

Vernon Subutex hatte mal einen Plattenladen. Seinerzeit, in den fernen Neunzigerjahren, war das "Revolver" einer der angesagtesten Orte in Paris. Bis das Internet kam. "Vernon saß zwar an der richtigen Stelle, um das Ausmaß des Napster-Tsunamis zu erfassen, aber er hätte sich nie vorgestellt, dass in Sekunden das ganze Schiff untergeht", heißt es auf einer der ersten Seiten. Subutex muss seinen Laden schließen und kann die erste Zeit noch mit Gelegenheitsjobs und Ebay-Verkäufen seiner Sammlung überleben. Dann stirbt Alex Bleach, ein Rockmusiker, der auf Gainsbourg für Teenies machte und der dem Freund aus alten Tagen heimlich die Miete zahlte. Subutex fliegt aus seiner Wohnung. Er, der sich seit dem Verlust seines Ladens in einer Einsamkeit vergraben hat, die unmerklich nach alter Wäsche zu muffeln begann, ist gezwungen, über Facebook Kontakte zu vergessenen Freunden, Stammkunden, Exgeliebten aufzunehmen. So beginnt eine Odyssee über die Sofas von Paris und damit quer durch die französische Gesellschaft.

Es ist diese Grundkonstruktion eines Helden, der durch alle Schichten und Milieus driftet, die so viele französische Leser an die Comédie humaine denken lässt. Balzac wollte seinerzeit "eine Naturgeschichte unserer Gesellschaft zeichnen". All die Personen, die er erfand, sollten "dem innersten Wesen ihres Jahrhunderts abgelauscht" sein. Despentes hört sich den Balzacvergleich mit einer Miene an, als habe man ihr einen Lorbeerkranz aus Plastik rübergereicht. Dann sagt sie mit ihrer raspelrauen Stimme, die nach viel Nikotin klingt, aber vielleicht auch aus den Zeiten stammt, als sie selbst tagsüber in einem Plattenladen jobbte und abends mit einer Rap-Band unterwegs war, sie hätte das alles nicht irgendeinem innersten Wesen, sondern Facebook abgelauscht. "Vor zehn Jahren hatte ich keine Ahnung, was Islamisten oder Anhänger des Front National denken. Heute kann ich es permanent lesen. Dass man täglich bombardiert wird mit Meinungen, die man nicht ansatzweise teilt, ist verstörend. Ich wollte all dieses Chaos in einem Buch bündeln."