Böhmermann-Ausstellung Jan Böhmermanns feinste vulgäre Kunst

Erkannt? Jan Böhmermann und sein Sidekick William Cohn stellen das legendäre Foto nach, das im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen entstand, als ein Asylbewerberheim in Brand gesetzt wurde.

(Foto: Philipp Käßbohrer/btf)

Der Fernsehkomiker zeigt bei seiner Ausstellung in Düsseldorf einmal mehr, wie Satire geht. Wann eigentlich holt ihn das ZDF endlich aus der Nische?

Von Jens-Christian Rabe

Der amerikanische Comedian George Carlin hat auf die Frage, ob Comedy eigentlich eine Kunst sei, einmal geantwortet: "Es ist keine schöne Kunst, aber es ist eine Kunst. Eine vulgäre Kunst." Man dachte mal wieder daran, als man am Mittwochabend in der Aufzeichnung von Jan Böhmermanns ZDF-Comedy-Show "Neo Magazin Royale" saß.

Der Gastgeber hantierte da gerade mit dem eher gröberen Besteck und führte einen auf offiziellen Fotos wirklich spektakulär bubihaft grinsenden jungen CDU-Parlamentarier Philipp Amthor vor, indem er sich durch dessen Social-Media-Profil-Bilder und einige unbeholfene Vorstellungsvideos klickte: "Wie hat er dieses Gesicht bloß über die Schulzeit gerettet?" Das war nicht die feine Art. Der 25-jährige Hinterbänkler wurde gerade zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. Es war aber fein beobachtet und als Blick auf den CDU-Nachwuchs in diesen Tagen der Merkeldämmerung eine Nummer auf den Punkt.

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Noch mehr auf den Punkt ist eigentlich nur noch, dass Jan Böhmermann am Donnerstagabend gemeinsam mit seiner Kölner Produktionsfirma btf auch seine erste Museumsausstellung eröffnete, im NRW-Forum in Düsseldorf: "Deuscthland". Also genauso verstolpert geschrieben: Deuscthland. Die laufenden Ereignisse könnten nicht besser passen zur leitenden Frage der Schau in blitzsauberem Twitterdeutsch: "wenn das alles echt und kein quatsch ist in was für eine zeit & land & welt leben wir überhaupt?"

Tatsächlich lässt sich diese Frage über die Bande Böhmermann wirklich gerade sehr, sehr gut beantworten. Und die Ausstellung verdichtet diesen Eindruck kongenial. Da steht dann zum Beispiel ein hellbrauner Sessel mit einer Deutschlandfahne über der Lehne an der Wand. Genau auf so einem Sessel saß 2015 der rechtsradikale AfD-Politiker Björn Höcke in der Talkshow von Günther Jauch, als er die Fahne herausholte. Notiz an der weißen Museumswand dazu: "Leihgabe, Haus der Geschichte Bonn".

Fast jedes Exponat steckt hier so voller ebenso kluger wie bitterer doppelter Böden

Oder der große bunte, voll funktionstüchtige "Hetzkeks-Automat". Man holt aus ihm mit zwei 50-Cent-Stücken nicht die bröseligen chinesischen Glückskekse heraus, in die kleine Zettel mit positiven Allerweltsweisheiten eingebacken wurden, sondern eben in goldenes Glitzerpapier gewickelte Hetzkekse mit Twitter-Kommentaren von AfD-Galionsfiguren wie Beatrix von Storch: "Ehemänner müssen jetzt beim Sex die Ohren spitzen: Ein überhörtes 'Nein' kann sie zum Vergewaltiger machen."

Fast jedes Exponat steckt hier so voller ebenso kluger wie bitterer doppelter Böden. In einer Ecke steht zum Beispiel ein lebensgroßer Pappaufsteller, auf dem ein Mann im Anzug zu sehen ist, der sich an einem Fahrrad festhält. Aufschrift: "Generation Fahrrad". Der Mann ist wirklich der Kölner Anwalt Mustafa Kaplan, der den türkischen Staatspräsidenten Erdoğan im Prozess gegen Böhmermann vertritt. Und kaum eine Bewegung ist so symbolisch aufgeladen: Bei welchem anderen Sport muss man schon so automatisch nach oben buckeln und nach unten treten. In der "Nationalgalerie" steht man auf einem roten Teppich hinter einer offiziösen grünen Kordel vor Bildern, auf denen Merkel und Steinmeier vergnügt im Kreise der ranghöchsten Vertreter des Springer-Verlags zu sehen sind. Es sind aber keine Fotos, sondern detailversessene moderne Ölschinken.

Ach ja, der Erdoğan-Prozess taucht auch noch mal auf, im "Rechtsfreien Raum". Dafür, dass man die Rede, in der der CDU-Abgeordnete Detlef Seif im Mai 2016 im Bundestag Teile des strittigen Schmähgedichts zitierte, auf einem Computer-Bildschirm aus dem Internet laden kann, kann Böhmermann allerdings nichts. Das bekannteste Gerichtsverfahren der deutschen Gegenwart neben dem NSU-Prozess läuft noch. Im Februar geht es weiter. Von Böhmermann selbst gibt's dazu nur hinter einer roten Kordel-Absperrung und unter dem Titel "Juristisches Proseminar: Schmähkritik" eine gerahmte Fernsehmoderation als "Limitierten Letterndruck", also eine schwarze Fläche mit ein paar weißen Streifen, deren Verhältnis dem Ausgang des Verfahrens angepasst werden kann. Hehe.

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Der eigentliche Höhepunkt der Ausstellung ist jedoch der "Diskursautomat". Das sind vier eilig hingezimmerte Wahlkabinen, in denen es jeweils zwei große gelbe Knöpfe gibt. Mit denen wählt man, indem man sich je nach Kabine entweder zwischen Osten oder Westen entscheidet, zwischen schuldig oder unschuldig, Familie oder Karriere, Israel oder Palästina. Weil das allein aber doch noch langweilige Mitmachkunst wäre, ist es damit natürlich nicht getan. Mit dem Knopfdruck fotografiert sich jeder Wähler selbst und übermittelt sein Bild und seine Entscheidung auch gleich noch den potenziellen Internetnutzern zur Ansicht, die Böhmermann auf den sozialen Netzwerken folgen. Das sind rund vier Millionen Menschen. So geht das. Beinharte Zeitdiagnostik, die nicht selbstgerecht ihr Kritischsein zelebriert, sondern auch gleich alle mitverstrickt, die sich mit einem Besuch in dieser Ausstellung eigentlich bequem auf der guten Seite wähnen.

Böhmermann mit einem Freitagnachtgrab im Hauptprogramm abzuspeisen, wirkt längst wie ein schlechter Witz

Satire-Ausstellungen haben normalerweise das Problem, dass ihnen die Ruhe zur Reflexion, die sich in einem weißen Museumsraum bleischwer um sie herumlegt, nicht so gut bekommt und jeder einst so zündende Gag still verendet. Hier nicht. Und so ist die Ausstellung in Düsseldorf fast so etwas wie eine manifeste Bewerbung zu Höherem, zu noch mehr Netzpräsenz und zu einer Late-Night-Show, die sich den Irrsinn im Land nicht bloß einmal, sondern klassischerweise vier- bis fünfmal in der Woche vorknöpft. Zeit wär es mal wieder. Für Böhmermann sowieso. Ihn im ZDF-Jugend-Biotop Neo zu parken und mit einem Freitagnachtgrab im Hauptprogramm abzuspeisen, wirkt längst wie ein schlechter Witz. Mal sehen, was seine Vertragsverlängerung mit der Ankündigung des ZDF, man wolle mehr mit ihm machen, bringt.

Er ist inzwischen ja auch schon 36 Jahre alt und nicht mehr nur der talentierteste Late-Night-Host des Landes (da ist die Konkurrenz zugegebenermaßen auch nicht allzu groß), sondern vor allem eine der wenigen deutschen Fernsehnasen, die wissen, dass man im Jahr 2017 nicht mehr so tun kann, als wüsste südlich der Nordsee niemand, wie brillant Comedy in den USA oder Großbritannien sein kann (nur seine Interviewtechnik ist noch immer ein so krampfiges Grauen wie in allen anderen deutschen Talkshows). Abgesehen davon, dass er oft genug bewiesen hat, wie man's macht. Wie viele ernste diplomatische Krisen muss ein Satiriker mit seinen Späßen hierzulande eigentlich auslösen, bis man ihn mal wirklich vor dem großen Publikum machen lässt und vorbehaltlos großzügig unterstützt?

Harald Schmidt war 38, als die "Harald Schmidt Show" zum ersten Mal gesendet wurde, David Letterman 35, als "Late Night with David Letterman" startete. Womöglich ist die Republik noch nicht bereit für eine solche Sendung und das öffentlich-rechtliche Fernsehen alles andere als die perfekte Plattform. Was soll's. Warum nicht mit einem Bruchteil der Gebührenmilliarden mal etwas wirklich Gutes machen? Allerhand echten Quatsch zum Beispiel. Oder feinste vulgäre Kunst.

DEUSCTHLAND: Eine Ausstellung von Jan Böhmermann und btf. NRW-Forum, Düsseldorf. Bis 4. Februar. www.nrw-forum.de.

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