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Osthoff bei Beckmann:Seelenschau für die Nation

Susanne Osthoff steht unter starkem Rechtfertigungsdruck. Das hat sie ins Talkstudio zu Reinhold Beckmann geführt. Der freut sich über die Traumquote und schlachtet die Sendung ganz nach den Bedürfnissen der sensationsgierigen Öffentlichkeit aus.

Von Paul Katzenberger

Der Auftritt von Susanne Osthoff in der ARD-Talkshow "Beckmann" kann als Versuch der Archäologin betrachtet werden, ihren Ruf wiederherzustellen. Nach ihren kürzlichen Interview-Unfällen gegenüber dem arabischen Nachrichtensender El-Dschasira und dem ZDF war ihr das ganz offensichtlich ein Anliegen.

Susanne Osthoff mit Moderator Reinhold Beckmann.

(Foto: Foto: NDR/Tjaberg/face to face/ddp)

Die Rehabilitation dürfte Susanne Osthoff zum Teil tatsächlich gelungen sein, zum Teil bestätigte die arabophile Deutsche allerdings auch das schräge Bild von ihr, das sie kürzlich selbst in deutsche Wohnzimmer getragen hatte: Nahezu vollständig verhüllt mit einer arabischen Burkha hatte sie der ZDF-Moderatorin Marietta Slomka ein Interview gegeben, das viele Zuschauer ratlos zurückgelassen hatte.

Bei ihrem neuerlichen Fernsehauftritt konnte die 43-Jährige nun zumindest den Eindruck ausmerzen, sie sei nicht mehr ganz bei Trost, wie es etwa die Bild-Zeitung nach dem ZDF-Interview nahe gelegt hatte. Im Gegensatz zum Slomka-Gespräch waren ihre Antworten logisch aufgebaut - der Zuschauer konnte jederzeit folgen. Sie blieb inhaltlich bei den gestellten Fragen und vermengte nicht mehr die verschiedensten Themen zu einem unverständlichen Antwortbrei. Das ging so weit, dass sie an einigen Stellen des Gesprächs sogar Beckmann einbremste und Gesichtspunkte vertiefte, die ihr wichtig waren, als der Star-Moderator schon zum nächsten Thema hüpfen wollte.

Wesentlich gefasster

Doch der Frau, die vor wenigen Tagen noch einer unmenschlichen Extremsituation ausgesetzt war, dürfte die angestrebte Rehabilitation des Rufes nicht vollständig gelungen sein. Auch wenn sie wesentlich gefasster wirkte als bei Slomka, waren ihre Fahrigkeit und ihre wiederkehrenden Belehrungen nicht unbedingt dazu angetan, die Zuschauer für sie einzunehmen.

Erneut traten außerdem Widersprüche zu Tage: Gerade bei der von der deutschen Öffentlichkeit geradezu inquisitorisch gestellten Frage, ob sie denn in den Irak zurückkehren wolle, schien Osthoff am Anfang des Gesprächs etwas anderes zu sagen (nein) als gegen Ende des Interviews (ja).

Wer sich in Widersprüche verwickelt, wirkt nicht unbedingt glaubwürdig. Ein vorschnelles Urteil sollten sich die deutschen Wohlstandsbürger in ihren warmen Wohnzimmern dennoch verkneifen. Stattdessen müssen sie sich viel eher die Frage gefallen lassen, warum Frau Osthoff so unbedingt meint, sich vor ihnen rechtfertigen zu müssen.

Gerade erst herausgeeist

Es ist zwar richtig, dass die Archäologin vom deutschen Staat gerade erst mit einigem Aufwand aus einer lebensbedrohlichen Situation herausgeeist wurde und ihr bei einer Rückkehr ins Zweistromland daher möglicherweise Leichtfertigkeit unterstellt werden könnte.

Andererseits ist dem ein oder anderen selbsternannten Richter wohl entgangen, dass Susanne Osthoff eine Muslimin ist, der mit dem geforderten Einreiseverbot in den Irak die selbstgewählte Heimat vorenthalten würde. Das Recht zur freien Selbstbestimmung, das ansonsten jeder Bürger hierzulande selbstredend für sich in Anspruch nimmt, gilt selbstverständlich auch für Susanne Osthoff.

Die Frage nach der Rückkehr der 43-Jährigen in den Irak stellt sich also auch im Lichte unserer so gern zitierten Grundwerte differenzierter dar, als sie zuletzt in der Öffentlichkeit diskutiert wurde.

Unangemessene Fragen

Gänzlich verbieten sich all die anderen Fragen, die zuletzt von der sensationsgierigen Allgemeinheit an die Adresse der ehemaligen Geisel gestellt wurden. Es geht Außenstehende schlicht nichts an, wie gut sich Susanne Osthoff um ihre Tochter kümmert, wie das Verhältnis zu ihrer Mutter und ihren Geschwistern ist, wie stark sie raucht, oder wie medientauglich sie ist. Völlig deplaciert - weil womöglich gefährlich - ist eine öffentliche Diskussion über ihr Verhältnis zum Bundesnachrichtendienst.

Reinhold Beckmann muss sich vor diesem Hintergrund die Frage gefallen lassen, warum er all diese Nebensächlichkeiten in seiner Sendung eine volle Sendezeit lang thematisiert hat.

Um als Einzelgast bei ihm geladen zu werden, reicht ein Ministeramt in der Regel nicht aus. Da müsste sich schon die Kanzlerin oder ein ähnliches Kaliber die Ehre geben. Im Gegensatz zu der Irak-Expertin ist die Kanzlerin allerdings seit Jahrzehnten im Umgang mit den Medien geschult. Susanne Osthoff hingegen war bis vor wenigen Wochen ein Mensch, dem die Medien keinerlei Beachtung schenkten. All die wohlfeilen Kritiker der gebürtigen Bayerin sollten sich daher die ehrliche Frage stellen, wie glatt und geschmeidig sie wohl bei einem jähen Auftritt in einer 75-Minuten-Sendung mit der ungewöhnlich hohen Quote von 22,5 Prozent rüberkämen.

Fürsorge sieht anders aus

Reinhold Beckman wird die Archäologin zu dem Auftritt zwar nicht gezwungen haben, doch bei echter Fürsorge hätte der Medienprofi die Situation wohl anders gehandhabt. Er hätte dann dem Bedürfnis Osthoffs Rechnung getragen, die verunglückten Statements in ihren Interviews gegenüber El-Dschasira und dem ZDF gerade zu rücken. Dafür hätte das bei ihm übliche 15-Minuten-Gespräch vollkommen ausgereicht. Möglicherweise hätte Susanne Osthoff dann die Chance gehabt, dass sich die Aufregung um ihre Person langsam legt.

Doch die Prioritäten des Reinhold Beckmann waren offensichtlich anders gelagert. Das vorranige Ziel des Fernsehmanns lautete wohl, Teilhaber zu werden an der medialen Inszenierung, zu der der Entführungsfall Osthoff inzwischen verkommen ist. Diese Gelegenheit wollte er sich bei aller echten oder unechten Einfühlsamkeit nicht entgehen lassen.

© sueddeutsche.de
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