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Neue Sendung von Olli Dittrich:Das gefälschte Polarzebra

Olli Dittrich TV-Zyklus

Einer der Promis, die sich aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen haben, aber im Frust-Magazin reden: Ex-Boxchampion Butsche Roni (Olli Dittrich).

(Foto: Beba Lindhorst/WDR/beckground tv)
  • Olli Dittrich hat eine neue Satiresendung, die sich Promis widmet, für die es schonmal besser gelaufen ist. Natürlich sind es Dittrich-Charaktere, die in Frust auftreten.
  • In Frust macht sich Olli Dittrich nicht nur über die Relotius-Affäre lustig, sondern auch über emotional aufgeladene Historienproduktionen - wie immer beängstigend real und präzise.

Kurz vor der Endabnahme sitzen immer alle im Studio vor großen Bildschirmen, dann fallen auch die allerletzten Rumpler auf. Und tatsächlich entdeckt Olli Dittrich im Schneideraum in Hamburg, Hoheluftchaussee, eine Winzigkeit im Abspann, die da nicht hingehört. Gefeilt wird an Frust - Das Magazin, der zehnten Folge von Dittrichs TV-Persiflagen. Eine Art Jubiläum. Frust ist ein TV-Format, das sich jenen Promis und Halbpromis widmet, für die es schon mal besser gelaufen ist - deshalb der Name, Frust.

Drehbuch, Autor, Kamera sind im Abspann also an der richtigen Stelle, dann aber steht da "Kleine Lücke". Und auch, wenn dem Komödianten Dittrich zuzutrauen wäre, der Kleinen Lücke ein Gesicht und eine Stimme zu geben - es geht hier um etwas anderes. "Das war nur ein Hinweis, dass da im Schriftbild eine kleine Lücke bleiben soll", sagt Dittrich, der Cutter macht sich gleich ran, während Dittrich eine dazu passende Geschichte von früher erzählt. "Damals hat ein guter Freund von mir für ein sehr aufwendiges LP-Projekt die Texte geschrieben. Er hat sie bei den Produzenten abgeliefert, aber um klarzumachen, dass man über alles auch noch reden kann, hat er noch einen Satz daruntergeschrieben: Dieser Text ist als Diskussionsgrundlage gedacht. Irgendwann kam die Platte raus, die Texte waren auf der Hülle abgedruckt, und am Ende stand, auch schön gedruckt: Dieser Text ist als Diskussionsgrundlage gedacht."

Wenn man lange genug dabei ist, hat man ja alles irgendwie schon mal erlebt.

Wahrhaftige Fans, die als Zuschauer der TV-Persiflagen von Oliver Michael Dittrich auch schon lange genug dabei sind, werden am Donnerstagabend viel Neues sehen, sie werden aber auch Älteres wiederentdecken. Den Boxer Butsche Roni ("Killer von Farmsen"), der beim IOC den Antrag gestellt hat, die Disziplin "Sitzboxen" endlich ins olympische Programm aufzunehmen. Den Songwriter Platzhirsch (2014er-Hit: "Chillin' Con Carne"), der inzwischen als Bademeister in Bad Oeynhausen arbeitet. Der Absturz kam, nachdem er ("Basta mit Pasta") über die zu weichen Spaghetti seines Mentors Marius Müller-Westernhagen gesungen hatte. Und natürlich Deutschlands bekanntesten Tierfilmer Andreas Baesecke. Weil Dittrich in jeder Folge alle Personen selbst gespielt hat, hatte er schnell eine Familie an selbstgeschaffenen Charakteren zusammen, inzwischen ist es fast ein kleines Dorf, dessen Bewohner sich, je nach Bedarf, in neuen Episoden erstmals begegnen oder wiedersehen können. Und wenn sie 2014 im Talkgespräch dabei waren, einer Grimme-nominierten Persiflage auf das Gebrauchstalkshow-Wesen, dann kann Dittrich jetzt Sequenzen aus dieser alten Talkshow einspielen, das Material ist ja da.

Baesecke hat alles gefakt, auch seinen Mützenbärenkalender

Bei der Gelegenheit erkennt man dann, welch Präzisionsarbeiter der Menschendarsteller Dittrich immer noch ist, er achtet sogar darauf, dass sein Tierfilmer Baesecke im Jahr 2019 glaubhaft älter rüberkommt als im Jahr 2014. Baeseckes rotes Lockenhaar ist graurot inzwischen, der Mann sieht müde und mürbe aus, er hat ja auch viel mitgemacht. Damals in der Talkshow hatte er seine DVD Das Wunder im Eis vorgestellt und von einem Tier erzählt, das er gerade in der Arktis entdeckt hatte: das Polarzebra. Das Polarzebra ernährt sich von den Fischen, die altersschwachen nordeuropäischen Geiersittichen aus dem Schnabel gerutscht sind. Da kommt natürlich nicht viel Fischzeug zusammen, aber das Polarzebra frisst ja auch nur einmal im Jahr. Niemand außer Baesecke hatte das Polarzebra je gesehen, was auch daran liegt, dass man es nicht sehen kann, denn das Polarzebra hat weiße Streifen, wenn es hell ist im arktischen Sommer. Im Winter, wenn es dunkel ist, sind die Streifen dunkel. Baesecke wurde ein Star, seine DVDs (Und ewig wühlt der Wombat) verkauften sich bestens. Aber dann ist Baesecke aufgeflogen, darum geht es jetzt im Frust-Magazin: Es gibt kein Polarzebra, er hat es mit digitaler Technik entstehen lassen. Er hat auch seinen Mützenbärenkalender gefakt. Acht Fotos von Mützenbären hatte er, aber für einen Jahreskalender braucht man nun mal zwölf Bilder . Da hat er dann halt die fehlenden vier Bilder mit Photoshop selber zusammengeklöppelt. Fiel ja erst mal niemandem auf. Der Mützenbär, Fans des Fußballs und der SPD erkennen es, sieht frisurentechnisch ungefähr so aus wie David Alaba aus jener Phase, in der er frisurentechnisch ungefähr so aussah wie Gesine Schwan.

Die Idee für die Geschichte vom Fälscher Baesecke war schon früh da, sagt Olli Dittrich: "Nachdem wir wussten, wir machen ein Magazin, in dem wir von Verlierern erzählen, von Leuten, die keine Erfolgsgeschichten anzubieten haben - da haben wir uns gefragt: Was können wir tun, welche Figuren erfinden wir, nehmen wir alte, die wir neu inszenieren? Da sind wir bei Baesecke gelandet. Ich dachte: Warum erzählen wir jetzt nicht die Geschichte, dass der Typ entlarvt wird - und benutzen unsere eigenen Bilder, um zu zeigen, wie wir das gemacht haben. Und natürlich kam uns dann auch die Aktualität zu Hilfe."

Die Aktualität mit Namen Relotius. Der echte Faker Claas Relotius, Reporter beim Spiegel, ist erst einmal in der Deckung geblieben, der gefakte Faker Baesecke dagegen äußert sich im Magazin Frust: "Mir tut das alles wirklich, wirklich leid." Seine Reue rettet ihn natürlich auch nicht vor der nachträglichen Vernichtung durch den Medienbetrieb. "Von nun an wurden Baeseckes Publikationen immer spektakulärer. Zu spektakulär, wie wir jetzt wissen", sagt eine Stimme aus dem Off, während Baesecke kraftlos vor sich hinstolpert. Es ist exakt dieser routinierte Klang von Leuten, die man auch nach Relotius so oft gehört hat. Und die so getan haben, als hätten sie es eigentlich alle schon vorher gewusst, dass da was nicht stimmen kann mit diesen hochgetunten Abenteuern. Dittrich weiß ja, wie das läuft im Journalismus, sein Vater war politischer Journalist.

Letzter, goldener Satz im Stück über den gefallenen Tierfilmer: "Um seine Schulden abzahlen zu können, arbeitet Baesecke jetzt auf einem Erlebnisbauernhof - mit Tieren, die es wirklich gibt."

Die Kunst von Dittrich - und die Absicherung gegen Flachheit - ist der Beiklang seiner Geschichten. Bei seinen Komödien schimmert oft die Tragödie durch, so gesehen ist das Fake-Magazin Frust beängtigend real und präzise in der Art, wie es den aktuellen Umgang der Menschen im öffentlichen Raum beschreibt.

"Meine größte Leidenschaft ist, mit der Parodie zu täuschen", sagt Dittrich

Ganz am Ende steht kalt und glatt der Moderator Sören Lorenz (Olli Dittrich) mit der Social-Media-Expertin Tanja (nicht Olli Dittrich) vor der Kamera, sie beschäftigen sich mit den Zuschauerreaktionen, die unter dem Hashtag #Frust eingetroffen sind. Die Gelegenheit zum Zuschauerdialog wird auch im Echtfernsehen angeboten, weil man schließlich das Publikum mitnehmen muss, weil man es abholen muss, wie das heute heißt. Führt aber oft ins Nirgendwo, weil wesentliche Teile des Publikums nur abkotzen wollen aufs Lügenfernsehen und auf die Lügengesellschaft. Für den Dialog zwischen Empfänger und Sender gilt oft das, was der ehemalige ZDF-Fernsehspiel-Chef Hans Janke formuliert hat: "Man redet, weil man sich versteht, und nicht, damit man sich versteht."

Großer Satz, fulminant dargestellt beim Verlesen der Zuschauerkommentare am Ende von Frust. Zuschauerin Gabriele K. schreibt: "Toll, dass Platzhirsch trotz des fehlenden Erfolgs auf dem Boden geblieben ist." Renate P. aus Göttingen liefert einen umfassenden themenübergreifenden Kommentar: "Schuld sind immer die anderen. Nach dem Motto: Wo gehobelt wird, fallen Späne. Man kann nur hoffen, dass die Politik den Ernst der Lage endlich erkennt. Schuster, bleib bei deinem Leisten. Hinterher ist man immer schlauer - ein Schelm, der Böses dabei denkt."

Sagt die Social-Media-Redakteurin Tanja: "Damit ist eigentlich auch alles gesagt." Sagt Sören Lorenz: "Wie wahr, wie wahr." Dann Abspann, ohne Kleine Lücke.

So was verstecken sie dann im Programm kurz vor Mitternacht

Dittrich erzählt in Frust auch die Lebensgeschichte von Winfried Fischer, der Ende des 19. Jahrhunderts das Wlan erfunden hat, er starb 1913 verarmt, nur sein Namenskürzel WiFi erinnert bis heute an ihn.

Was für ein grandioser Irrsinn. Olli Dittrich sagt: "Ich hab besonderen Gefallen daran, so historische Filmszenen nachzustellen, im Zeitalter von Babylon Berlin oder Die Luftbrücke, diesen großen Historiendramen. Da dann jemanden abzufeiern, der zur Jahrhundertwende das Wlan erfunden hat - das bringt total Spaß. Meine größte Leidenschaft ist, mit der Parodie zu täuschen, also die Mittel des Originals zu nehmen und zu nutzen."

So was verstecken sie dann im Programm kurz vor Mitternacht, aber das Fernsehen ist da eh nicht mehr zu retten.

Er bringt einen noch zum Zug in seinem Smart, es ist schon dunkel, unterwegs leuchtet das Schild vom Musikclub LOGO rüber, und Olli Dittrich sagt: "Da hab ich als Schüler immer mit der Abbey Tavern Skiffle Company zum Frühschoppen gespielt." Da war er 17, so fing das an, jetzt ist er 63 und macht einfach weiter.

Mal umfassend themenübergreifend gesagt: Vielleicht ist ja doch noch nicht alles verloren.

Frust - Das Magazin, Das Erste, 23.45 Uhr.

© SZ vom 19.12.2019/tmh
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