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"Sisi" in Film und Serien:Kaiserliche Entkitschung

Elisabeth von Österreich-Ungarn (Sissi), 1865

"Man könnte sagen, es war einfach, sie zu lieben, aber schwer, mit ihr auszukommen", kommentiert Sisis Ururenkel Leopold Altenburg.

(Foto: Franz Xaver Winterhalter/gemeinfrei)
  • Die Sissi-Trilogie gehört längst zum traditionellen Weihnachts-Kitschfernsehen - auch wenn sie historisch alles andere als treffend ist.
  • Ein Dokudrama, eine Serie und ein Film wollen nun versuchen, den komplexen Charakter von Kaiserin Elisabeth anders zu beleuchten, als man es von den Heimatfilmen gewöhnt ist. Höchste Zeit.

Mit dem überflüssigen "s" fangen die Missverständnisse schon an. Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern und spätere Kaiserin von Österreich-Ungarn, wurde von ihrem Ehemann Franz Joseph I. "Sisi" genannt. Aber seit den berühmten Filmen mit Romy Schneider aus den Fünfzigern ist der Kosename der Kaiserin mit zwei s geblieben.

Ernst Marischkas Sissi-Trilogie aus den Jahren 1955 bis 1957 gehört fest ins Weihnachtsprogramm, und Generationen von Fernsehzuschauern haben im Lauf der Jahre immer und immer wieder verfolgt, wie sich Elisabeth widerwillig an das Wiener Hofzeremoniell gewöhnen muss und schlussendlich mit ihrer Großherzigkeit Kaiser und Volk versöhnt.

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Von Historikern kritisiert, ist die Sissi-Trilogie Heimatfernsehen fürs Herz, das sollte Nachkriegsdeutschland wieder aufrichten. Inzwischen gehört sie zum traditionellen Kitschfernsehen: die österreichische Kaiserin - volksnah, naiv und vor allem warmherzig. Aber Elisabeths komplexem Charakter werden die Marischka-Filme nicht gerecht.

Sisis Pech: sie lebte schlicht in einer falschen Epoche

Kaiserin Elisabeth war ein gebildeter, liberaler Geist und hatte neben dem Status als Kaiserin auch ein Leben als Mutter und Frau. Später wurde sie Fitnessfanatikerin, ließ sich vom 30. Lebensjahr an nicht mehr fotografieren, weil sie in der Öffentlichkeit das Bild der jungen, schönen Sisi erhalten wollte. Sie sprach mehrere Sprachen, reiste gern, war passionierte Reiterin und schrieb Gedichte. Aber sie fand in all dem kaum Erfüllung, war rastlos. Das brachte ihr den Ruf einer Rebellin ein, die sich für andere eher wenig interessierte.

Sisis Pech war, dass sie schlicht in der falschen Epoche lebte, ein Jahrhundert zu früh. Leopold Altenburg, Ururenkel Elisabeths formuliert es in dem neuen Dokudrama Sissi - die Getriebene so: "Würde sie heute leben, mit ihren Fähigkeiten und mit ihrem Talent, könnte sie vielleicht viel mehr Achtung erlangen als damals."

Der Film, der am Samstagabend auf Arte läuft, will die österreichische Kaiserin von einer anderen, unbekannteren Seite zeigen, was der Untertitel "die Getriebene" schon andeutet. Sunnyi Melles spielt Elisabeth, die sich vom Hof löst und zunehmend ihren eigenen Weg geht. An ihrem Lieblingsort, auf der Insel Korfu, will sie ihren Traum verwirklichen, einem romantischen Palast am Ionischen Meer. Melles' Sisi ist nicht nur älter als die, die Romy Schneider in den Fünfzigern spielte, sie ist erfahren, abgebrüht, egoistisch. "Man könnte sagen, es war einfach, sie zu lieben, aber schwer, mit ihr auszukommen", kommentiert Ururenkel Altenburg.

Nach Dokudrama kommen auch noch Serie und Kinofilm - eine überfällige Renaissance

Frauke Finsterwalder (Finsterworld) will diese komplizierte Persönlichkeit enthüllen und ihr Leben aus der Perspektive ihrer Hofdame schildern. Zusammen mit ihrem Ehemann Christian Kracht arbeitet Finsterwalder an einem Kinofilm über die Monarchin, der bewusst Sisi heißen soll. "Ich will zeigen, dass Kaiserin Elisabeth eine radikale, intelligente und moderne Frau war, weit mehr, als die Sissi mit Doppel-S, die wir alle kennen."

Auch in Serie soll Sisi gehen. Story House Pictures und die österreichische Satel Film wollen im kommenden Jahr bereits sechs Episoden über Sisi produzieren. Dorothee Schön und Sabine Thor Wiedemann sind für die Bücher verantwortlich. Sie wollen eine "empfindsame und widerständige Frau" porträtieren, die "ihrer Zeit weit voraus war". Auch ein deutscher Sender soll beteiligt sein. In den USA arbeitet Amy Jenkins, Autorin der Netflix-Serie The Crown, an einer Sisi-Adaption. Die Verfilmung soll auf den Romanen The Accidental Empress und Sisi, Empress on Her Own der amerikanischen Autorin Allison Pataki basieren.

Mit so vielen parallelen Projekten erfährt Sisi mehr als sechzig Jahre nach der Marischka-Trilogie eine überfällige Renaissance. Passt deren kantiger Charakter doch viel besser in unsere Zeit als das süße "Mäderl", als das Romy Schneider durch die Wiener Hofburg wirbelt. Man darf gespannt sein auf alles, was in den nächsten Jahren über Sisi kommt. Und an Weihnachten trotzdem wieder mit einem Auge Sissi ansehen. Die mit zu viel "s".

Sissi - die Getriebene, Samstag, Arte, 20.15 Uhr.

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