Neue Sendung von Guido Knopp:Kein Kampfgeist, dafür Gründerzeitdekos

Seit Marcel Reich-Ranicki 1988 höchst ungern in den FAZ-Ruhestand ging, fällt Ruheständlern, denen gar nichts mehr einfällt, ein, sie könnten irgendwo ein Quartett machen. Eine wilde erste Geige, eine bedächtige zweite Geige, ein brummender Bass und eine freche Bratsche - irgendwie so müsste es funktionieren, und bei Reich-Ranicki hat es funktioniert. Bei Knopp hat es nicht funktioniert.

Vielleicht, weil zwar an diesem Sonntag live gesendet wurde aus Clärchens Ballhaus in Berlin, aber ohne Publikum. Es kam kein Kampfgeist auf. Eigentlich sah man eine abgefilmte Radiostudio-Sendung mit gelegentlichen Kameraschwenks zu gruftig beleuchteten Gründerzeitdekors. History findet bei gedimmtem Licht statt, da bleibt Knopp sich treu

Mittagsschlaf der Geschichte

Das Interessanteste der Sendung war der Einspieler, ein Lehrfilm für amerikanische Soldaten 1945, der vor den Deutschen warnte und Fraternisierung verbot. Wie da bestes Nazi-Propaganda-Material gegen die Urheber, die möglicherweise nur scheinbar geschlagene Herrenrasse, gewendet wurde, das war beeindruckend. Denn es zeigte die andere Möglichkeit, die nach dem Zweiten Weltkrieg von vielen immer noch erwartet wurde: ein Deutschland, das unbelehrbar bleibt und auf Dauer niedergehalten werden muss.

Dass und warum es anders kam, wurde dann vom aufmunternd über die Halbbrille blickenden Knopp und seiner kleinen Seminargruppe überraschungsarm abgearbeitet: Eiserner Vorhang, Fräuleinwunder, Kalter Krieg, Luftbrücke nach Berlin, Mauerbau, Mauerfall, Wiedervereinigung, dann der tiefe Einbruch im Irak-Krieg von 2003.

Dass dieses deutsch-amerikanische Verhältnis interessanter sein könne als eine im Wesentlichen gut funktionierende Interessengemeinschaft, schien nur in wenigen Momenten auf: Michael Stürmer, der gut sein kann, wenn er als Historiker redet und nicht als Leitartikler, erwähnte, dass die USA als einzige Macht in der Welt schon die revolutionäre Paulskirchenregierung von 1848 anerkannt hatten; es gab eine lange zurückreichende amerikanische Sympathie für die deutsche Demokratie.

Retten konnte aber auch er die Plauderrunde nicht. Knopp und die Phoenix-Macher hatten "kontroverse Standpunkte" versprochen, History live solle "Geschichte erlebbar machen" und "junge Zuschauer für Zeitgeschichte begeistern". Das hier ließ sie in einen Mittagsschlaf versinken - die jungen wie die alten.

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