"Meine Tochter Anne Frank" in der ARD:Fast nie verlässt die Kamera das klaustrophobische Versteck

Lesezeit: 4 min

Bei Meine Tochter Anne Frank, der ARD-Produktion von Autor und Regisseur Raymond Ley, ist das glücklicherweise anders.

Fast nie verlässt die Kamera das gar nicht so kleine und doch klaustrophobische Versteck nahe der Prinsengracht, verwinkelte Zimmer, versteckt hinter einem drehbaren Regal. Anders als die mit drei Oscars ausgezeichnete amerikanische Verfilmung des Tagebuchs von 1959 schildert dieser Film die Auseinandersetzungen in der kleinen Zwangsgemeinschaft zweier versteckter Familien so drastisch, wie es das Tagebuch auch tut.

Meine Tochter Anne Frank

Das Tagebuch der Anne Frank (Mala Emde) wurde nach ihrem Tod zu einem der bewegendsten Zeugnisse der Judenverfolgung und -ermordung durch die Nazis.

(Foto: Janett Kartelmeyer/AVE/HR)

Nur eine Seitenerzählung erlaubt er sich, auch sie beklemmend: der Besuch eines Journalisten bei Karl Silberbauer in den Sechzigern, jenem österreichischen SS-Mann, der die Versteckten 1944 verhaftete. Silberbauer wurde, was im Film kurz anklingt, von dem Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal aufgespürt, der NS-Verbrecher von Wien aus fast auf eigene Faust suchte und manchen fand. Auch Silberbauer. Genutzt hat es nichts.

Wie Wiesenthal es fast schon vorausgesehen hatte, sprach Österreichs Justiz den Mann frei, wie fast immer bei Verfahren gegen Täter, die sich in die Lebenslüge geflüchtet hatten, nichts anderes gewesen zu sein als Hitlers erstes Opfer. Beklemmend sind diese Szenen am Küchentisch der Silberbauers, die lauernde Unterwürfigkeit des Mannes, der es einst genoss, Herr über Leben und Tod zu sein.

"Ein Mädchen mit 14 ist eine Dame. Ein Junge mit 14 ist ein Kind"

Der Film lebt von zwei tragenden, hervorragend gespielten Rollen: der 18-jährigen Mala Emde als Anne, die ihre Figur verletzlich und lebenslustig, aufsässig und liebend verkörpert, eine Meisterleistung. Fast noch eindrucksvoller ist Götz Schubert als Otto Frank, der Vater und einzige Überlebende der Familie. Anne starb im Frühjahr 1945, kurz vor der Befreiung, im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Der Schmerz des Mannes ist fast körperlich spürbar, die Geschichte wird überwiegend aus seiner Perspektive erzählt.

Wie gelungen die Besetzung ist, lässt sich leicht an den alten, in den Film hineingeschnittenen Interviewpassagen erkennen, auf denen Otto Frank über Annes Tagebuch spricht. Das, was ihm vom Leben blieb, hatte er dem Vermächtnis der Tochter gewidmet, die sich selbstbewusst den Konventionen der Zeit entziehen und Schriftstellerin werden wollte. Den späteren Streit darüber, dass der in verlegerischen Dingen ungeübte Frank den Text redigierte und kürzte, spart der Film wohlweislich aus, denn an der authentischen Kraft des Tagebuchs haben die Debatten um einzelne Passagen nie etwas geändert.

Was Meine Tochter Anne Frank besonders sehenswert macht, sind die Interviews mit noch lebenden Zeitzeugen wie Annes Schulkamerad Sally Kimmel, heute ein würdiger alter Herr, der in Haifa lebt und über ihr Verhältnis sagt: "Ein Mädchen mit 14 ist eine Dame. Ein Junge mit 14 ist ein Kind."

Nur eine Annäherung an die Wirklichkeit

Das Dokudrama wagt auch die Lücken zu füllen, die Vater Otto Frank dem Tagebuch zufügte, als er Passagen strich, die sich um Sexualität und Annes Wut auf ihre Mutter drehten, die sie als unnahbar empfand. Vielleicht idealisiert der Film das Verhältnis zu ihrem Vater ein wenig, vor dem sie vieles verbarg ("Ich habe ihn niemals an meinen Ideen teilhaben lassen", schrieb sie); aber wissen kann man das nicht.

Ein Film, auch ein gut und gewissenhaft gemachter wie dieser, kann immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit sein.

Meine Tochter Anne Frank, ARD. 20.15 Uhr.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB