Süddeutsche Zeitung

"Meine Tochter Anne Frank" in der ARD:Das Vermächtnis der Tochter

Lesezeit: 4 min

Der Schmerz des Mannes ist fast körperlich spürbar: Das Dokudrama "Meine Tochter Anne Frank" erzählt die Geschichte des im KZ gestorbenen jüdischen Mädchens aus der Perspektive ihres Vaters - ein Film, so drastisch wie das Tagebuch.

Von Joachim Käppner

Manchmal ist es auch im digitalen Zeitalter, das uns mit Informationen überschwemmt und diese doch nie bündeln und fokussieren kann, ganz hilfreich, sich daran zu erinnern: Es gibt Bücher, welche die Welt veränderten. Onkel Toms Hütte gehört dazu, das Buch von Harriet Beecher Stowe, das den Untergang der amerikanischen Sklavenhalterstaaten beschleunigte. Oder Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues, der den Krieg so grauenvoll beschrieb, wie er war, weswegen die Rechten in der Weimarer Republik ihn glühend hassten.

Ganz gewiss hat auch Das Tagebuch der Anne Frank etwas verändert. Es hat das Grauen der Naziherrschaft, des Zivilisationsbruchs Millionen Lesern auf der Welt ganz nahegebracht. Es hat den Opfern und ihrem Kampf um Würde und Selbstbehauptung ein Gesicht gegeben, das eines jungen Mädchens. Dem sowjetischen Schreckensherrscher Stalin wird die Aussage zugeschrieben, ein Toter sei eine Tragödie, eine Million Toter nur eine Zahl. Das war zynisch gemeint, ein Satz von kalter Bestialität. Im Fall der Anne Frank ist es anders herum. Die Tragödie des einzelnen Menschen wurde zum Symbol der Tragödie von Millionen Unschuldigen.

Schon 1946 gelangte das Tagebuch in den Besitz des niederländischen Historikers Jan Romein, der die emotionale und moralische Wucht dieses Textes sofort erkannte und in der Zeitung Het Parool darüber schrieb: "Für mich ist in diesem scheinbar unbedeutenden Tagebuch eines Kindes die ganze Abscheulichkeit des Faschismus verkörpert, mehr als in den gesamten Akten der Nürnberger Prozesse."

Monde, die um einen Himmelskörper kreisen

Genau das macht bis heute die Faszination ihres Werks aus. Anne Frank ist Opfer einer Verfolgung, die jählings und ganz unbegreiflich über ein Kind hereingebrochen ist, ein ganz normales Mädchen, das vom Leben noch viel erwartet und mit dem sich junge Leser leicht identifizieren können. Es gibt Bücher und Filme über sie, ein Museum, Theaterstücke, eine Stiftung. Aber das alles sind nur Monde, die um einen Himmelskörper kreisen, Anne Franks Tagebuch, das sie ab Juni 1942 in ihrem Amsterdamer Versteck schrieb. Am 4. August 1944 wurden sie und ihre Familie entdeckt und später deportiert, wer sie verraten hat, ist bis heute ungewiss.

Jede Verfilmung dieses Stoffs ist eine Gratwanderung, das kann nicht anders sein, erst recht bei einer deutschen Produktion. Voriges Jahr stieß Produzent Oliver Berben, der für das ZDF Anne Franks Leben verfilmen wollte, auf zornige Ablehnung des Anne-Frank-Fonds, sodass der Sender das Projekt kippte. Nicht selten besteht zudem gerade bei öffentlich-rechtlichen Fernseh-Dokudramen eine gewisse Unfallgefahr. Komplexe Ereignisse werden auf Schlüsselszenen reduziert, vielschichtige Charaktere und Motive vergröbert, und leicht entsteht ein kammerspielhafter, gekünstelter Grundton, der dem wirklichen Geschehen unangemessen ist.

Fast nie verlässt die Kamera das klaustrophobische Versteck

Bei Meine Tochter Anne Frank, der ARD-Produktion von Autor und Regisseur Raymond Ley, ist das glücklicherweise anders.

Fast nie verlässt die Kamera das gar nicht so kleine und doch klaustrophobische Versteck nahe der Prinsengracht, verwinkelte Zimmer, versteckt hinter einem drehbaren Regal. Anders als die mit drei Oscars ausgezeichnete amerikanische Verfilmung des Tagebuchs von 1959 schildert dieser Film die Auseinandersetzungen in der kleinen Zwangsgemeinschaft zweier versteckter Familien so drastisch, wie es das Tagebuch auch tut.

Nur eine Seitenerzählung erlaubt er sich, auch sie beklemmend: der Besuch eines Journalisten bei Karl Silberbauer in den Sechzigern, jenem österreichischen SS-Mann, der die Versteckten 1944 verhaftete. Silberbauer wurde, was im Film kurz anklingt, von dem Holocaust-Überlebenden Simon Wiesenthal aufgespürt, der NS-Verbrecher von Wien aus fast auf eigene Faust suchte und manchen fand. Auch Silberbauer. Genutzt hat es nichts.

Wie Wiesenthal es fast schon vorausgesehen hatte, sprach Österreichs Justiz den Mann frei, wie fast immer bei Verfahren gegen Täter, die sich in die Lebenslüge geflüchtet hatten, nichts anderes gewesen zu sein als Hitlers erstes Opfer. Beklemmend sind diese Szenen am Küchentisch der Silberbauers, die lauernde Unterwürfigkeit des Mannes, der es einst genoss, Herr über Leben und Tod zu sein.

"Ein Mädchen mit 14 ist eine Dame. Ein Junge mit 14 ist ein Kind"

Der Film lebt von zwei tragenden, hervorragend gespielten Rollen: der 18-jährigen Mala Emde als Anne, die ihre Figur verletzlich und lebenslustig, aufsässig und liebend verkörpert, eine Meisterleistung. Fast noch eindrucksvoller ist Götz Schubert als Otto Frank, der Vater und einzige Überlebende der Familie. Anne starb im Frühjahr 1945, kurz vor der Befreiung, im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Der Schmerz des Mannes ist fast körperlich spürbar, die Geschichte wird überwiegend aus seiner Perspektive erzählt.

Wie gelungen die Besetzung ist, lässt sich leicht an den alten, in den Film hineingeschnittenen Interviewpassagen erkennen, auf denen Otto Frank über Annes Tagebuch spricht. Das, was ihm vom Leben blieb, hatte er dem Vermächtnis der Tochter gewidmet, die sich selbstbewusst den Konventionen der Zeit entziehen und Schriftstellerin werden wollte. Den späteren Streit darüber, dass der in verlegerischen Dingen ungeübte Frank den Text redigierte und kürzte, spart der Film wohlweislich aus, denn an der authentischen Kraft des Tagebuchs haben die Debatten um einzelne Passagen nie etwas geändert.

Was Meine Tochter Anne Frank besonders sehenswert macht, sind die Interviews mit noch lebenden Zeitzeugen wie Annes Schulkamerad Sally Kimmel, heute ein würdiger alter Herr, der in Haifa lebt und über ihr Verhältnis sagt: "Ein Mädchen mit 14 ist eine Dame. Ein Junge mit 14 ist ein Kind."

Nur eine Annäherung an die Wirklichkeit

Das Dokudrama wagt auch die Lücken zu füllen, die Vater Otto Frank dem Tagebuch zufügte, als er Passagen strich, die sich um Sexualität und Annes Wut auf ihre Mutter drehten, die sie als unnahbar empfand. Vielleicht idealisiert der Film das Verhältnis zu ihrem Vater ein wenig, vor dem sie vieles verbarg ("Ich habe ihn niemals an meinen Ideen teilhaben lassen", schrieb sie); aber wissen kann man das nicht.

Ein Film, auch ein gut und gewissenhaft gemachter wie dieser, kann immer nur eine Annäherung an die Wirklichkeit sein.

Meine Tochter Anne Frank, ARD. 20.15 Uhr.

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SZ vom 18.02.2015/jobr
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