"Meine Tochter Anne Frank" in der ARD Das Vermächtnis der Tochter

Grandios gespielt: Mala Emde als Anne Frank und Götz Schubert als ihr Vater Otto, der als Einziger der Familie das KZ überlebte.

(Foto: HR/AVE/Janett Kartelmeyer)

Der Schmerz des Mannes ist fast körperlich spürbar: Das Dokudrama "Meine Tochter Anne Frank" erzählt die Geschichte des im KZ gestorbenen jüdischen Mädchens aus der Perspektive ihres Vaters - ein Film, so drastisch wie das Tagebuch.

Von Joachim Käppner

Manchmal ist es auch im digitalen Zeitalter, das uns mit Informationen überschwemmt und diese doch nie bündeln und fokussieren kann, ganz hilfreich, sich daran zu erinnern: Es gibt Bücher, welche die Welt veränderten. Onkel Toms Hütte gehört dazu, das Buch von Harriet Beecher Stowe, das den Untergang der amerikanischen Sklavenhalterstaaten beschleunigte. Oder Erich Maria Remarques Roman Im Westen nichts Neues, der den Krieg so grauenvoll beschrieb, wie er war, weswegen die Rechten in der Weimarer Republik ihn glühend hassten.

Ganz gewiss hat auch Das Tagebuch der Anne Frank etwas verändert. Es hat das Grauen der Naziherrschaft, des Zivilisationsbruchs Millionen Lesern auf der Welt ganz nahegebracht. Es hat den Opfern und ihrem Kampf um Würde und Selbstbehauptung ein Gesicht gegeben, das eines jungen Mädchens. Dem sowjetischen Schreckensherrscher Stalin wird die Aussage zugeschrieben, ein Toter sei eine Tragödie, eine Million Toter nur eine Zahl. Das war zynisch gemeint, ein Satz von kalter Bestialität. Im Fall der Anne Frank ist es anders herum. Die Tragödie des einzelnen Menschen wurde zum Symbol der Tragödie von Millionen Unschuldigen.

Schon 1946 gelangte das Tagebuch in den Besitz des niederländischen Historikers Jan Romein, der die emotionale und moralische Wucht dieses Textes sofort erkannte und in der Zeitung Het Parool darüber schrieb: "Für mich ist in diesem scheinbar unbedeutenden Tagebuch eines Kindes die ganze Abscheulichkeit des Faschismus verkörpert, mehr als in den gesamten Akten der Nürnberger Prozesse."

Monde, die um einen Himmelskörper kreisen

Genau das macht bis heute die Faszination ihres Werks aus. Anne Frank ist Opfer einer Verfolgung, die jählings und ganz unbegreiflich über ein Kind hereingebrochen ist, ein ganz normales Mädchen, das vom Leben noch viel erwartet und mit dem sich junge Leser leicht identifizieren können. Es gibt Bücher und Filme über sie, ein Museum, Theaterstücke, eine Stiftung. Aber das alles sind nur Monde, die um einen Himmelskörper kreisen, Anne Franks Tagebuch, das sie ab Juni 1942 in ihrem Amsterdamer Versteck schrieb. Am 4. August 1944 wurden sie und ihre Familie entdeckt und später deportiert, wer sie verraten hat, ist bis heute ungewiss.

Jede Verfilmung dieses Stoffs ist eine Gratwanderung, das kann nicht anders sein, erst recht bei einer deutschen Produktion. Voriges Jahr stieß Produzent Oliver Berben, der für das ZDF Anne Franks Leben verfilmen wollte, auf zornige Ablehnung des Anne-Frank-Fonds, sodass der Sender das Projekt kippte. Nicht selten besteht zudem gerade bei öffentlich-rechtlichen Fernseh-Dokudramen eine gewisse Unfallgefahr. Komplexe Ereignisse werden auf Schlüsselszenen reduziert, vielschichtige Charaktere und Motive vergröbert, und leicht entsteht ein kammerspielhafter, gekünstelter Grundton, der dem wirklichen Geschehen unangemessen ist.