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NDR nach "Lovemobil"-Skandal:Pauschales Misstrauen

Anja Reschke

Film sei "ein gemeinsames Ding", sagt Anja Reschke, Leiterin der Abteilung Kultur und Dokumentation beim NDR. Um eine stärkere Kontrolle in der Zusammenarbeit mit Regisseurinnen und Regisseuren ringt der Sender gerade.

(Foto: Karlheinz Schindler/dpa)

Nach dem Fake des Dokumentarfilms "Lovemobil" kündigte der NDR neue Kontrollmechanismen an. In der Filmbranche regt sich darüber Unmut.

Von Aurelie von Blazekovic

In dem Drama um den gefakten Dokumentarfilm Lovemobil sind die Fakten klar, dass sie ihren Film über Prostitution als Inszenierung hätte offenlegen müssen, das gesteht die Filmemacherin Elke Lehrenkrauss längst auch selbst ein. Erstaunlich milde ist in der Diskussion bisher der auftraggebende NDR weggekommen, der sich natürlich auch brüsten kann und darf, den Fake selbst in seinem Youtube-Format Strg_F aufgedeckt zu haben. Von dem Film distanziere man sich, von der Autorin sei man getäuscht worden - und von ihr enttäuscht, so hieß es in einer Stellungnahme des NDR. Alles ganz einfach?

Mehr Kontrolle und als Konsequenz weniger Filme - dagegen regt sich Protest

Wenn der Sender danach gefragt wird, wie man ähnliche Täuschungen künftig verhindern möchte, wird es komplizierter. In der Stellungnahme von Ende März heißt es, und das dürfte viele Dokumentarfilmerinnen und Dokumentarfilmer ärgern: "Das Verhalten der Autorin in diesem Fall führt dazu, dass Redaktionen in Zukunft wohl misstrauischer mit Autor*innen umgehen müssen, noch mehr Kontrolle einführen müssen." Der NDR prüfe, ob man die Kontrollmechanismen "noch mehr verschärfen müsse".

"Alarmiert" von dieser Stellungnahme und dem darin ausgesprochenen Misstrauen gegen die Kreativen zeigt sich Pro Quote Film. Der Verein hat sich der Gleichstellung in den Medien verschrieben und betont, dass eine gerechte Teilhabe von Frauen in der Film- und Fernsehbranche schon unter jetzigen Bedingungen nicht gewährleistet sei. Vom NDR forderte Pro Quote Film in der vergangenen Woche die Offenlegung der angekündigten Kontrollmaßnahmen - außerdem eine "öffentliche Zurücknahme des pauschalen Misstrauens", Vergütung der Recherchezeit und ein festgelegtes Ausfallhonorar für Filme.

Der NDR ist keine überfahrene Oma, sondern als Arbeitgeber verantwortlich

Auf Anfrage der SZ erklärte der NDR dazu: Die Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Autorinnen und Autoren solle auch in Zukunft von gegenseitigem Vertrauen geprägt sein. "Um gemeinsam gute, mutige Filme produzieren zu können, brauchen wir Ehrlichkeit und Transparenz. Das erwarten wir auch von den Autor*innen und Regisseur*innen." Inwiefern man weiter gehende Kontrollmechanismen brauche und wolle, diskutiere man gerade.

Der Unmut über das eilig ausgesprochene Pauschalmisstrauen wird damit wohl nicht eingefangen. Zumal Anja Reschke, Leiterin der Abteilung Kultur und Dokumentation beim NDR, in einem Gespräch von Jung & Naiv zuletzt laut überlegte, ob man die Zusammenarbeit besonders mit neuen Autoren enger gestalten müsse - "dann müssen wir aber weniger Filme machen".

Im selben Gespräch übrigens wies sie die Verantwortung des NDR für den Lehrenkrauss-Fake zunächst völlig zurück: Man frage bei einem Enkeltrick auch nicht als Erstes die Oma, warum sie darauf reingefallen sei. Der Einwand des interviewenden Journalisten Hans Jessen kam schnell: Der NDR ist keine überfallene Oma, sondern ein verantwortlicher Arbeitgeber. Stimmt schon, lenkte Reschke ein, an Filmen arbeite man zusammen. Und gewinnt ein Film einen Preis, so wie Lovemobil den inzwischen zurückgegebenen Deutschen Dokumentarfilm-Preis, dann freue man sich ja auch, sagte Anja Reschke. Denn so ein Film sei schließlich, Achtung, "ein gemeinsames Ding". Wenn etwas gründlich schiefgegangen ist, scheint man das schnell mal zu vergessen.

© SZ/tyc
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