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Talkshow:Grill den Laschet auf Pro Sieben

ProSieben-Interview mit Kanzlerkandidat der CDU Laschet

Laschet macht es sich auf dem doch eher lauwarmen Stuhl von Pro Sieben bequem.

(Foto: Richard Hübner/dpa)

Nach Baerbock und Scholz nahm nun der Kanzlerkandidat der Union auf dem heißen Stuhl des Unterhaltungssenders Platz. Doch die kritische Temperatur erreichten die Moderatoren nicht.

TV-Kritik von Holger Gertz

Wunderbar natürlich, wie sich dieses neue Politikformat "Pro Sieben spezial" schon ins Programm des Unterhaltungssenders Pro Sieben einfügt. Bevor es losging am Montagabend und die Moderatoren Linda Zervakis und Louis Klamroth den Unionskanzlerkandidaten Armin Laschet befragten, war bei der Wissensshow "Galileo" das bewegende Thema Grillen behandelt und mit großen Fragen garniert worden: Wie viele Stunden hält eine Fünf-Kilo-Gasflasche, wenn man permanent durchgrillt? Permanent durchgrillen: die Sehnsucht jedes deutschen Brutzel-Meisters, zu denen auch Moderator Klamroth noch in der vergangenen Woche gehörte. Da hatte er sich offenbar vorgenommen, den SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz permanent durchzugrillen, was a) nicht gelang und b) auch nicht so richtig gut ankam, im sogenannten Netz und überhaupt.

Nun also, nächste Runde bei "Pro Sieben spezial", der Kanzlerkandidatenbefragung, die den Polit-Talk auch nicht erneuert. Die Rollen sind einfach zu festgelegt, auf beiden Seiten. Klamroth allerdings drehte diesmal die Hitze erst sehr allmählich nach oben. Zunächst rantasten: "Haben Sie Mitleid mit Menschen, die nie Zugang zum Glauben gefunden haben?" Dann, etwas konzentrierter: Wie hält es Laschet mit dem Gendern? Aber Laschet ist ein Meister darin, sich selbst und die Befragenden und auch jedes Thema aufs Brachland der Nebengleise zu zerren. Gendern? Kann man machen, aber Sprache ist natürlich auch unbedingt schützenswert. "In Frankreich hat man für Computer ein französisches Wort erfunden."

Mit so was ließen sie ihn durchkommen, der milde Klamroth und seine freundliche Kollegin Zervakis, zuständig eher fürs Gefühlige - man sollte ihr mehr Frage- und also Redezeit zuschlagen übrigens. Ob der Schlager "60 Jahre und kein bisschen weise" für ihn programmatisch wäre, oder doch "Wunder gibt es immer wieder", fragte Zervakis, auf der Suche nach dem Menschen im Politiker Laschet. Aber den legt niemand so leicht frei. Der als Schlagerfreund angekündigte Laschet gestand noch nicht mal zu, ein Schlagerfreund zu sein, er legte sich da nicht fest, er legt sich überhaupt nicht fest. Käme Merz in die Regierung Laschet? Mal sehen. Würde er, Laschet, einer Regierung Baerbock als Minister dienen? Werden alles tun, das zu verhindern. Korruption bei CDUlern? Gibt's anderswo auch. Kurzstreckenflüge abschaffen? Was sind denn Kurzstrecken? Und so weiter.

"Schon vorbei?

Schließlich der dann doch noch auf Betriebstemperatur gekommene Klamroth beim Versuch, Laschet etwas Nennenswertes über seine Haltung zum Parteifreund und Bundestagskandidaten Hans-Georg Maaßen zu entlocken. Der sei, wiederholte Laschet, nicht rechtsradikal und kein Antisemit. Und genau an der Stelle hätte man versuchen müssen, das Gespräch zu lenken auf das Hintergründige: die Bedeutung antisemitischer Codes und Narrative. Das aber - die nötige Vertiefung - wird nur halbherzig angegangen in einem Format, das sich stattdessen immer wieder besonders der Auflockerung verpflichtet fühlt. Wo nachfassen und tatsächlich zielgerichtetes Durchgrillen gefragt wäre, legten Klamroth und Zervakis Ja-oder-nein-Spiele ein, zur Auflockerung. "Haben Sie heute schon gebetet?" Aber wenn Lockeres aufgelockert wird: Was bleibt denn dann?

Man fragt sich, was die frühen Polit-Talkerinnen wie Gisela Marx oder Lea Rosh oder Juliane Bartel mit diesen geschmeidigen und im Umgang mit Medien so gewieften Politikern der Gegenwart angestellt hätten, Laschet und Scholz. Man vergisst das manchmal, aber im deutschen Fernsehen haben sich Frauen gerade im Polit-Talk schon relativ früh eine Nische geschlagen. Sie waren fair, aber sie waren hart. Sie waren ziemlich gut.

Armin Laschet hat, in den Abspann von "Pro Sieben spezial" hinein, gefragt: "Schon vorbei?" Für die Moderatoren ist so eine Erkundigung kein besonders gutes Zeichen.

© SZ/jael
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