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Landtagswahl in Schleswig-Holstein:"Ein unnötiger Fehler"

Landtagswahl in Schleswig-Holstein

"Torsten Albig hätte einfach das Image des guten Landesvaters pflegen sollen": Der Noch-Ministerpräsident am Wahlabend in Kiel.

(Foto: dpa)

Torsten Albigs Interview über seine gescheiterte Ehe könnte ihn die Wiederwahl gekostet haben. Eine Kommunikationsexpertin erklärt, was Politiker beachten müssen, wenn sie sich über Privates äußern.

Ein Bunte-Interview könnte mit schuld sein an der Wahlniederlage von Torsten Albig in Schleswig-Holstein. Ende April hatte er darin der Öffentlichkeit dargelegt, warum er sich nach 27 Jahren Ehe von seiner Frau getrennt hat. Es habe nur noch wenig Austausch "auf Augenhöhe" mit seiner künftigen Ex-Frau Gabriele gegeben. "Irgendwann entwickelte sich mein Leben schneller als ihres." Und: "Ich war beruflich ständig unterwegs, meine Frau war in der Rolle als Mutter und Managerin unseres Haushaltes gefangen." Es kommt nicht selten vor, dass Politiker gerade dann scheitern, wenn sie besonders ehrlich, besonders menschlich wirken wollen. Warum ist das so? Und kann die Offenlegung des Privatlebens wirklich nutzen? Ein Interview mit Andrea Römmele, Professorin für politische Kommunikation an der Hertie School of Governance, Berlin.

SZ: Frau Römmele, viele Analysten nennen unter anderem das Interview in der Bunten als Grund für die Wahlniederlage von Torsten Albig in der Landtagswahl. Wieviel Einfluss kann es Ihrer Meinung nach gehabt haben?

Andrea Römmele: Natürlich ist es empirisch schwierig, die Verbindung dazu herzustellen. Aber es spricht schon sehr viel dafür, dass es so war. Torsten Albig war Amtsinhaber, seine Legislaturperiode war skandalfrei, zudem hatte er auch die Schubkraft durch den Schulz-Hype. Es sprach also überhaupt nichts dagegen, dass er den Sieg einfahren würde. Im Sport spricht man von "unforced errors" - von unnötigen Fehlern. Dieses Interview war genau das. Ein "unforced error".

Worin genau bestand der Fehler in Torsten Albigs Interview?

In der Überheblichkeit, der Arroganz, mit der er über seine Ehefrau gesprochen hat. Es ist schön, dass es verschiedene Lebensmodelle gibt, dass jeder sich frei entscheiden kann, wie er sein Leben leben möchte. Von einem Ehepartner würde ich außerdem erwarten, dass er nicht so despektierlich über seine Noch-Ehefrau spricht. Albig hat vor allem bei den über Sechzigjährigen Stimmen eingebüßt. In dieser Generation gibt es viele Frauen, die zum Teil versucht haben, Job und Karriere zu verbinden, die aber auch viel Zeit in die Familie gesteckt haben. Die fühlen sich natürlich von so einem abschätzigen Ton besonders stark verprellt.

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Wieso begibt man sich als Politiker überhaupt in eine so gefährliche Situation? Homestories und Interviews über das Privatleben bergen ja ein großes Potenzial für diese Art von Fehlern.

Ja, absolut. Es gibt Politiker, die so etwas für sich ganz klar ausschließen. Olaf Scholz ist zum Beispiel so jemand. Angela Merkel ein Stück weit auch. Aber diese Entscheidung ist auch abhängig von der Situation des Politikers.

Gibt es Beispiele dafür, dass es einem Politiker wirklich genutzt hat, sein Privatleben offenzulegen?

Denken wir doch nur an Klaus Wowereit. Der hat sich mit dem berühmt gewordenen Satz "Und das ist auch gut so" öffentlich als homosexuell geoutet. Das war gut gemacht, das war ehrlich und authentisch, es hat ihm genutzt. Jemand, der in einer ähnlichen Situation war wie Torsten Albig, war Christian Wulff, damals noch als Ministerpräsident von Niedersachsen. Er hat sich auch von seiner Ehefrau getrennt und dann Bettina Wulff geheiratet. Zumindest diese Story hat er gut gemanagt: Die Trennung von seiner Frau wirkte einvernehmlich. Eine Homestory, die gründlich daneben ging, war hingegen die von Rudolf Scharping in der Bunten, in der er sich als Verteidigungsminister mit seiner neuen Lebensgefährtin im Whirlpool auf Mallorca hat ablichten lassen - während seine Soldaten kurz vor einem Einsatz in Mazedonien standen.

Gibt es einen guten Grund für solche Homestories, jenseits von dem Wunsch, menschlich und nahbar zu erscheinen?

Es kann zum Beispiel gut in ein progressives Programm hineinpassen. Ich glaube, dass Sigmar Gabriel genau das 2012 probiert hat. Er wollte zeigen: Auch ich bin ein moderner Vater, ich nehme Elternzeit. Der progressive Politiker wollte selbst ein modernes Vaterschaftsbild demonstrieren. Letztendlich wollte das zu dem Zeitpunkt aber keiner hören, weil gerade kein Wahlkampf war.

Kann es mir als Wähler tatsächlich bei der Wahlentscheidung helfen, wenn ich Persönliches über einen Politiker erfahre?

Wir sprechen in der Wahlforschung von politischen und unpolitischen Eigenschaften eines Kandidaten. Die unpolitischen Eigenschaften sind das, was man einen "information short cut" nennt, eine Art Abkürzung zur Einschätzung eines Politikers. Es ist einfacher, zu einem Urteil über einen Kandidaten zu kommen, indem wir ihn nach seinen unpolitischen Eigenschaften beurteilen. Und Homestories gehören hier mit dazu.

Was würden Sie einem Politiker raten, der vorhat, sich über sein Privatleben zu äußern oder eine Homestory zu machen?

Wenn man sich mit etwas unsicher ist, sagt man besser gar nichts. So eine Homestory muss mit allen Beteiligten, auch mit der Ehefrau oder dem Ehemann, von der oder dem man sich getrennt hat, abgesprochen sein. Keiner darf dabei schlecht aussehen. So etwas muss professionell von einem guten Presseteam begleitet werden. Heiko Maas hat kürzlich zum Beispiel seine Beziehung mit Natalia Wörner öffentlich gemacht. Er hat das Nötigste dazu gesagt, aber dann auch ganz klar gesagt: Bitte respektieren Sie unsere Privatsphäre. Außerdem hat er zu keinem Zeitpunkt negativ über irgendjemanden gesprochen.

Was hätten Sie Torsten Albig geraten, wenn Sie ihn mit diesem Interview betreut hätten?

Ich hätte ihm von diesem abfälligen und gleichzeitig überheblichen Ton abgeraten. Ich hätte Torsten Albig gefragt, ob es überhaupt notwendig ist, diese Homestory zu machen. Welchen Gewinn bringt sie? Ich finde, er hätte einfach das Image des guten Landesvaters pflegen sollen. Das hätte ihn wahrscheinlich über die Zielmarke getragen. Es ist ja schön, dass es bei uns in Deutschland - anders als in den USA - für Politiker möglich ist zu sagen: Das ist privat, darüber möchte ich nicht reden. Der Vergleich mit Emmanuel Macron ist in dieser Hinsicht ganz hilfreich. Über dessen Ehe mit einer sehr viel älteren Frau wird viel gesprochen. Aber er selbst sagt wenig dazu, außer, dass er sich zu seiner Ehe bekennt. Weil er natürlich auch weiß, dass er Konservative mit seinem progressiveren Lebensmodell eventuell abschrecken würde.

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