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Kretschmann:Vorhang auf für den grünen Monarchen

MAISCHBERGER

Die Redaktion von "Maischberger" betitelt Kretschmann als "Winfried I., König von Schwaben".

(Foto: WDR/Max Kohr)

Bei "Maischberger" muss sich die Moderatorin dem gemächlichen Charme von Winfried Kretschmann geschlagen geben. Der spricht sich für eine erneute Kanzlerkandidatur Angela Merkels aus.

TV-Kritik von Maximilian Heim

Als sich am 1. Juni 1995 in Bonn zum ersten Mal junge Politiker von CDU und Grünen treffen, warnt der damalige CSU-General Bernd Protzner lautstark vor dieser "Pizza-Connection". Damals wäre das folgende Szenario für die meisten Menschen noch ein guter Witz gewesen: Bei der nächsten Bundestagswahl ist eine schwarz-grüne Koalition (von bayerischen Widerständen abgesehen) nicht eben unwahrscheinlich.

In Baden-Württemberg regiert ein grüner Ministerpräsident mit den Schwarzen als Juniorpartner. Und im Fernsehen darf dieser Mann (Katholik! Mitglied im Schützenverein!) in aller Ruhe seinen gemächlichen Charme versprühen, der ihn in Umfragen verlässlich zu einem der beliebtesten Politiker des Landes macht, und ganz nebenbei Bundeskanzlerin Angela Merkel zur erneuten Kandidatur im kommenden Jahr ermutigen.

Vorhang auf also für Winfried Kretschmann, den im Hintergrund des "Maischberger"-Studios eine Bildercollage mit der Unterzeile "Winfried I., König von Schwaben" betitelt. Wahrscheinlich fanden sie das in der Redaktionskonferenz so witzig, dass demokratietheoretische Einwände (König?) und geografische Bedenken (Schwaben = Baden-Württemberg?) rasch beiseitegewischt wurden.

Zum Auftakt gehört die Sendung dem quasiroyalen Gast ganz allein, und die Moderatorin versucht ihn im Zweier-Gespräch mit einem Fragen-Stakkato in Schwierigkeiten zu bringen.

Maischberger: "Tofu oder Schnitzel?"

Kretschmann (bedächtig): "Schnitzel."

Maischberger: "Tesla oder Daimler?"

Kretschmann (sicher): "Daimler."

Maischberger: "Seehofer oder Ramelow?"

Kretschmann (unsicher): "Oh. Das beantworte ich nicht."

Womit wir beim Thema der Sendung wären ("Winfried Kretschmann - der Grüne, den die Schwarzen lieben?"). Wohin zieht es die Grünen auf Bundesebene in den kommenden Monaten: in Richtung Schwarz-Grün oder in Richtung Rot-Rot-Grün? Kretschmann selbst gibt auf Maischbergers Drängen hin doch noch zu, dass ihm persönlich der Bayer Horst Seehofer "über die Strecke gesehen" näher sei als Bodo Ramelow, der Ministerpräsident von Thüringen.

Ein angriffslustiger Jakob Augstein wartet auf Kretschmann

Aus seiner Skepsis gegenüber der Linkspartei im Bund macht er ohnehin keinen Hehl ("Sehe nicht, wie man mit denen gute Außenpolitik machen kann"). Stattdessen lobt der 68-Jährige mehrmals Angela Merkel, für die er bekanntlich gebetet hat, und preist deren Flüchtlingspolitik. Eine erneute Kandidatur der Kanzlerin fände er "sehr gut", zumal er niemanden kenne, "der diesen Job besser machen könnte als sie". Zur eigenen grün-schwarzen Koalition in Baden-Württemberg sagt er: "Es läuft besser als ich dachte."

Das alles ist nicht schrecklich neu. Auch Maischbergers Versuche, die Frage nach dem grünen Markenkern kontrovers zu diskutieren, prallen an Kretschmanns behäbig-intellektuellem Panzer ab. Dann kommt Jakob Augstein. Der Journalist und Verleger, der seit langem für Rot-Rot-Grün trommelt, musste eine halbe Stunde auf seinen Einsatz in der Sendung warten und ist entsprechend angriffslustig und bissig.

Augstein: "Herr Kretschmann, was Sie machen wollen, ist CDU plus Insektenschutz."

Kretschmann: "Das ist Polemik. Die Frage, ob dieser Planet überlebt, ist eine Menschheitsfrage. Und da geht es nicht um Insektenschutz oder irgendeinen grünen Tüdelkram."

Augstein: "Was machen Sie eigentlich, wenn die CDU in Sachsen oder Sachsen-Anhalt sagt: 'Okay, wir müssen mit der AfD koalieren.' Würden Sie dann immer noch im Bund mit der CDU zusammenarbeiten?"

Kretschmann: "Ich gehe erst mal davon aus, dass die CDU das nicht macht."

Es geht noch weiter hin und her zwischen den beiden, aber die meisten von Augsteins Vorwürfen ("Sie ziehen die Leute über den Tisch") verhallen ungehört. Dabei liefert der Journalist durchaus interessante Anknüpfungspunkte - etwa die Frage, ob sich die Grünen als möglicher Koalitionspartner für fast jede Partei letztlich beliebig und überflüssig machen. Das Problem: Kretschmann hat sichtlich keine Lust, darauf inhaltlich tiefer einzugehen. Da ist er dann doch ganz Monarch.

Diese Sendung will alles mit allem verbinden

Als Augstein die Bühne wieder verlassen hat, hastet Maischberger mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten noch durch die Wirren der Siebziger Jahre. Für Kretschmann war es eine prägende Zeit - mit Prügel im katholischen Internat ("Geist von Gehorsam und Unterordnung") und seiner späteren Mitgliedschaft im Kommunistischen Bund Westdeutschlands ("eine Sekte").

Spätestens hier wird deutlich, worin das Hauptproblem der Sendung liegt. Sie will Anklage und Lobhudelei verbinden, sie will biografisches Geplauder mit politischen Gedankenspielen verknüpfen, die weit über die Person Kretschmann hinausgehen. Das ist zu viel. Und noch etwas hätte man bedenken können: Gespräche über den König und seine Pläne sind meistens ergiebiger, wenn der König nicht neben einem sitzt.

© SZ.de/mati/pamu
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