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Video-Gebete mit Katzen:"Das Leben von Familienmitgliedern lässt sich nicht ausschließen"

Seit dem Lockdown veröffentlicht die Kathedrale von Canterbury tägliche Videoandachten. In ihnen tauchen recht beiläufig Tiere auf. Zufall oder Social-Media-Strategie? Ein Anruf beim Dekan.

Von Aurelie von Blazekovic

Im einen Video verschwindet eine Katze unter der Robe des Dekan von Canterbury, im nächsten taucht eine andere ihre Pfote in ein Kännchen Milch - während der Geistliche gerade sein tägliches Morgengebet spricht. Das filmt er aus dem Garten der historischen Kathedrale im Südosten Englands für Youtube und amüsierte damit zuletzt Menschen weltweit. Vermehrt tauchen in den Videos Katzen, aber auch Schweine und Hühner auf. Sind die Tierauftritte eine raffinierte Social-Media-Strategie? Wer bei der Kathedrale nachfragt, erhält die augenzwinkernde Antwort, dass es sich "womöglich nicht um einen Zufall" handele, dass bei den Aufnahmen stets etwas Milch neben dem Tee des Dekans steht. Die Presseabteilung schickt auch eine zweiseitige Biografie der Katzen Leo ("gespaltene Persönlichkeit") und Tiger ("riesiger Appetit"). Und verweist für weitere Fragen an Dekan Robert Willis höchstpersönlich.

SZ: Dekan, haben Sie heute schon das Morgengebet gefilmt?

Robert Willis: Das habe ich. Um acht Uhr, wie jeden Tag seit dem 25. März. Ich habe auch schon eine kleine Messe in der Kathedrale abgehalten. Seit letzter Woche kann ich das wieder, dennoch werde ich das Morgengebet weiterfilmen.

Sie begannen mit den Videoandachten im Lockdown?

Ja. Als wir die Kathedrale nicht mehr nutzen durften, waren wir, wie alle anderen, in unseren Häusern festgehalten. Unsere stehen eben innerhalb eines Weltkulturerbes. Ich habe entschieden, dass wir mit den Morgengebeten nicht ganz aufhören können, denn sie sind Teil unseres Lebensrhythmus. Also nutzten wir das schöne Frühlingswetter und filmten im Garten. Zu Beginn war dabei ein gewisses Gefühl der Trauer, weil wir nicht mehr in der Kathedrale waren. Aber bald wurde uns klar, dass wir so mehr Menschen erreichen und dass wir sie ermutigen können.

Und natürlich erhalten die Videos auch wegen der Katzen viel Aufmerksamkeit. Wie kam es dazu?

Das war eine komische Sache. Wir arbeiten eben von zu Hause und haben, wie so viele Menschen, die Erfahrung gemacht: Das Leben von Familienmitgliedern lässt sich nicht ausschließen. In den historischen Gärten leben wilde Tiere wie Igel, aber auch Hühner und zwei Schweine. Und die vier Katzen laufen umher, wie sie wollen. Bei einer der Aufnahme entschied sich eine, auf den Tisch neben mir zu springen. Da dachte ich mir: Ich höre jetzt nicht auf, denn das gehört zum normalen Leben, so wie das Gebet und das Lesen der Schriften dazugehört. Für den Rest der Welt war das amüsant.

Es sieht fast so aus, als lockten Sie die Tiere inzwischen absichtlich für die Videos an.

Wir füttern die Katzen ohnehin im Garten und haben begonnen, ihnen ihr Frühstück während des Morgengebets zu geben. Denn die Menschen, die zusehen, sind ja vermutlich auch beim Frühstück. Diese Gebete sind eben anders als die sehr formellen in der Kathedrale. Wir glauben, die Tiere stören die Andachten nicht zu sehr. Tiere zu sehen kann Menschen sogar entspannen. Besonders jetzt, wo viele Einsamkeit spüren.

Jedes Video hat inzwischen Tausende Klicks. Waren Sie überrascht, wie vielen Menschen die gelegentlichen Katzenauftritte auffielen?

Ich war völlig erstaunt! In einem der neuesten Videos geht Tiger seiner Gewohnheit nach, seine Pfote in das Milchglas neben mir zu stecken. Das ist über die Monate sechs oder sieben Mal passiert. Vergangenen Montag wurde es dann etwas, für das sich die ganze Welt interessierte. Ich freute mich besonders über einen Tweet, der sagte: "Ich kam wegen der Katzen, aber ich blieb wegen des Katechismus."

Wegen der religiösen Lehre also. Die Kathedrale hat seit dem Lockdown mehr als drei Millionen Pfund Einnahmen verloren, unter den Gebeten ist ein Spendenaufruf zu sehen. Sind die Videos auch deshalb wichtig?

Die Kathedrale ist finanziell völlig autonom und durch die ausbleibenden Besichtigungen von Menschen aus aller Welt sind uns wichtige Einnahmequellen weggebrochen. Wir konzentrieren uns auf unsere Webseite und hoffen, dass die Besucher bald wiederkehren.

Könnten mehr Katzen eine Lösung für andere Kirchen sein?

Das könnten sie vielleicht. Wir zeigen einfach unser Leben, wie es ist und wie es schon immer war.

© SZ/ebri/khil

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