"Got to Dance" bei Pro Sieben und Sat 1 Wider das Casting-Einerlei

Beim Tanz-Casting "Got to Dance" läuft beinahe alles anders als in vergleichbaren Shows - und das ist gut so. Die angenehm kurzweilige Unterhaltung können nicht einmal eine schwache Moderatorin und die allzu zahme Jury ruinieren.

Eine TV-Kritik von Matthias Kohlmaier

Man nehme: eine endlos in die Länge gezogene Show, wochenlanges, nervenzehrendes Kennenlernen minder talentierter Kandidaten, miserable Backstage-Moderatoren und nicht zuletzt völlig übertriebene Spannungsbögen. Schon ist sie fertig, die klassische Castingshow, mit der Privatsender ihre Zuschauer seit Jahren bombardieren.

So schien es auch bei Pro Sieben und Sat 1 zu sein. In "Got to Dance" wurden Deutschlands beste Tänzer gesucht, am Freitag ist Staffel eins zu Ende gegangen. Und es bleibt eine Erkenntnis: "Got to Dance" war keine Castingshow, Pro Sieben und Sat 1 haben alle Zuseher hinterhältig belogen. Das glauben Sie nicht? Na dann gehen wir doch die Kriterien aus Absatz eins (die Liste ließe sich beliebig erweitern) mal durch.

Das Finale des Tanz-Castings sollte laut Sat-1-Videotext um 22.46 Uhr enden, tatsächlich Schluss war gerade mal drei Minuten später. DSDS und Co. ist so eine zeitliche Punktlandung ohne nerviges Überziehen der Sendezeit beim Staffelfinale nur in den seltensten Fällen gelungen. Dazu die Dramaturgie der Show: Tanzperformance, Applaus, Bewertung der Jury, Applaus, nächste Tanzperformance. Bumm, zack, ohne Zeitverschwendung.

Selbst die schwächsten Acts sind großartig

Beinahe innovativ auch ein anderer Aspekt der Planung: Die gesamte Staffel "Got to Dance" hat nur drei Wochen gedauert, je dreimal durften Sat 1 und Pro Sieben das Format ausstrahlen. Kurz und bündig, andere Talentsuchshows ziehen sich gern über mehrere Monate hin. Mäßig begabte Backstage-Moderatoren wurden einfach wegrationalisiert, die Kandidaten nicht mit gefühlt stundenlangen dramaturgischen Pausen à la Heidi Klum gequält.

Aber das Beste kommt jetzt: die Teilnehmer. "Got to Dance" war mit einiger Wahrscheinlichkeit die erste Castingshow, bei der selbst die schwächeren Auftritte noch großartig waren. Die ganze Palette von Hip-Hop über Contemporary bis hin zu Step war geboten, am Ende gewann ein Kinderpärchen. Veronika und Daniel (beide 13) hatten eine Turniertanzeinlage hingelegt, für die es nur ein Wort gibt: Wahnsinn!

Alles in allem also eine Show, bei der es wirklich um Talent geht, die nicht unnötig in die Länge gezogen wurde, bei der keine Kandidaten nur der TV-Quote wegen bleiben durften oder gehen mussten. Super eigentlich. Bliebe nicht die Frage: Findet sich denn für derlei Sendungen kein halbwegs passabler Moderator?

Johanna Klum mag der Pro-Sieben-Sat-1-Zuschauerschaft aus diversen Formaten bekannt sein, aber leider hat sie weder Sinn für Timing noch für Spannungsbögen jedweder Art. Fröhlich plauderte sie immer wieder mitten in den Applaus für die Kandidaten und konnte auch nach der Verkündung der Sieger nicht den Moment einfach Moment sein lassen, ohne ihn mit viel zu vielen Worten füllen zu wollen. Schade.

Peinliche TV-Formate

Reste-Rampe für Promis

Ansonsten aber ist Pro Sieben und Sat 1 mit "Got to Dance" ein feines Format gelungen. Wollte man noch ein kleines Steinchen im Tanzschuh finden, könnte man über die viel zu zahme Jury sprechen. Aber womöglich ist es Palina Rojinski, Nikeata Thompson und Howard Donald gar nicht anzulasten, dass sie jede der Darbietungen nahezu kritiklos gut fanden. Das lag hauptsächlich an den tollen Kandidaten. In diesem Sinne kann die bereits angekündigte zweite Staffel kommen. Gerne mit einer anderen Moderatorin.