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Eurovision Song Contest:Ein Auftritt wie eine Bankrotterklärung

Der Song und der Vortrag des in Südholland aufgewachsenen Laurence hatten viel gemeinsam mit dem, was Michael Schultes Lied "You Let Me Walk Alone" im Vorjahr nach vorne gebracht hatte: Beide Lieder handeln von Verlust, sind leise und verzichten auf übermäßig Kitsch und Pathos. Sie heben sich damit deutlich ab vom Rest des ESC-Angebots, wo diesmal mehr denn je die Hoffnung galt, viel helfe viel. Licht, Kostüme, Schminke und Kniffe zum Spannungsaufbau, alles war wieder einmal im Übermaß vorhanden. Letzteres hatte in diesem Jahr zur Folge, dass sich Zuschauer und Teilnehmer weit nach Mitternacht hinters Licht geführt fühlen konnten.

Die Ausrichter gaben die Punkte in einer Reihenfolge bekannt, deren Sinnhaftigkeit dem Publikum nicht ausreichend erklärt wurde. So rangierte der schwedische Beitrag (der letztlich auf Rang sechs landete) vor der Bekanntgabe des letzten Zuschauerergebnisses noch auf hoffnungsvoller Position, und alles sah bis zur letzten Minute nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Niederlanden und Schweden aus. Das gab es allerdings zu keiner Minute, und die Auszähler wussten das auch schon lange vor dieser letzten Bekanntgaberunde. Statt dieser künstlich in die Länge konstruierten Spannung hätte Transparenz dem Wettbewerb zu mehr Glaubwürdigkeit verholfen. Auf den Plätzen zwei und drei landeten schließlich Italien und Russland, vor der Schweiz und Norwegen.

Fernsehen ESC ist, wenn Deutschland die Nähe zur roten Laterne spürt
Eurovision Song Contest in Tel Aviv

ESC ist, wenn Deutschland die Nähe zur roten Laterne spürt

Die Niederlande gewinnen den Eurovision Song Contest in Tel Aviv. Einmal mehr heißt es: Deutsche unter den Verlierern. Dabei ist der Auftritt von S!sters nicht das einzige Problem dieses überlangen Showabends.   TV-Kritik von Hans Hoff

Was die Musik angeht, blieb man der ESC-Tradition treu, dass sie zwar aus der Konserve kommt, der Gesang aber immer live präsentiert werden muss. Der Rückgriff auf branchenübliche Computertricks, mit denen Künstler auf der Bühne gerne einmal schiefe Töne geraderücken lassen, ist ausdrücklich nicht erlaubt. Und das darf nach wie vor als große Qualität des ESC gewertet werden. Einer Künstlerin aber wurde genau das in diesem Jahr zum Verhängnis.

Madonnas Auftritt war der Tiefpunkt ihrer Karriere

Die Pop-Ikone Madonna sang live, angereist mit einer Entourage von mehr als 120 Begleitern, um auf der Bühne ihr neues Album zu promoten. Und man kann sagen: Sie setzte ihrer Karriere damit einen Tiefpunkt. Ihre Show begann mit einer Version des 30 Jahre alten "Like A Prayer" im gregorianischen Stil mit Mönchsgesang. Dünne Stimme, schiefe Töne, wackelig auf der Showtreppe, tapsiger Tanz. Die meisten der gut acht Millionen Menschen, die in Deutschland beim 251 Minuten langen Finale zusahen, dürften mit Bestürzung festgestellt haben, dass der Auftritt deutlich nach Bankrotterklärung klang. Höchstwahrscheinlich wird der ESC 2019 damit in Erinnerung bleiben. Und vielleicht wird der gefallene Superstar die Mängel überdecken, die sich eingeschlichen haben beim Versuch der Veranstaltung, immer größer, opulenter, spektakulärer zu werden. Wer immer größer werden will und besinnungslos mehr will, läuft Gefahr, unbeweglich zu werden. In der Hinsicht steht der ESC nun an einem Wendepunkt. Die Veranstalter müssen sich überlegen, ob er weiter zulegen soll oder ob nicht weniger reicht. Der Gewinner Duncan Laurence ist ein schönes Beispiel dafür, dass eine Fastenkur zur kreativen Gesundung beitragen kann.

Eurovision Song Contest Party, Politik und Polizei

Eurovision Song Contest in Israel

Party, Politik und Polizei

Schon zwei Kilometer vor dem Eingang standen Bewaffnete, und die Isländer schwenkten "Palästina"-Bänder: Dieser ESC war politisch, auch Madonna setzte ein unabgesprochenes Statement.   Von Alexandra Föderl-Schmid