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ESC-Vorentscheid-Gewinnerin Levina:Mittelmäßig klingt immer gleich so gemein

Unser Song für 2017 - Gewinnerin Isabella ·Levina· Lueen

Perfekt gelaufen: Levina gewinnt mit ihrem Song "Perfect Life" den ESC-Vorentscheid für Deutschland.

(Foto: dpa)

Levina fährt zum Eurovision Song Contest nach Kiew. Sie hat Talent und einen eingängigen Song. Trotzdem könnte Deutschland wieder ganz hinten landen. Schlimm wäre das nicht.

Isabella Levina Lueen ist eine sehr gute Sängerin. Die 25-Jährige hat in London Musik studiert, in Bands gesungen und in Bars. Sie hat eine angenehme Reibeisenstimme, Ausstrahlung und sie ist auch noch klassisch schön. "Wenn ich keinen BH trage, gehen mir deine Beine bis zur Brust", sagt Barbara Schöneberger zu ihr. "Perfect Life" ist auch ein gutes, ein optimistisches Lied. Man würde es im Radio bis zu Ende anhören und nicht vorher wegschalten. Es feiert die Fehler, die man im Leben begeht, bevor dann, am Ende, doch alles richtig läuft.

So wie am Ende dieses Abends alles richtig zu sein scheint. Levina hat gewonnen. Sie strahlt, lässt den Mikrofonständer von Barbara Schöneberger wegtragen und singt nochmal, quasi freihändig "unseren Song". Den Siegersong "Perfect Life", mit dem sie am 13. Mai Deutschland beim Eurovision Song Contest in Kiew vertreten wird. "Sometimes it's wrong before it's right."

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So ähnlich war es auch mit dem diesjährigen ESC-Vorentscheid. Fünf junge und recht talentierte Menschen hatte der NDR in einem mehrstufigen Casting ausgewählt. Über keinen von ihnen kann man etwas Gemeineres sagen, als dass vielleicht nicht jeder Ton blitzsauber saß oder dass die Bühnenpräsenz vielleicht nicht charismatisch strahlend war. Lauter nette Leute waren das, mit kreativen Vornamen wie Yosefin, Felicia Lu und, naja, Axel. Sie wollten alle gar nicht unbedingt gewinnen. Sie wollten ihr Ding machen. Menschen erreichen. Spaß haben. Was man so sagt, wenn man mit Castingshows groß geworden ist.

Kann Levina das Großkitschaufgebot hinter sich lassen?

"Das ist jetzt erst 'ESC Kids' und der richtige Vorentscheid kommt ein andermal", twitterte der Medienjournalist Stefan Niggemeier. Und tatsächlich kam nach den ersten Auftritten die Sorge auf, dass möglicherweise keiner der Kandidaten gegen die Windmaschinen, die meterlangen Flatterkleidschleppen und pumpenden Technobeats der ESC-Konkurrenz würde ankommen können. Dann trat Levina mit ihrem Cover von - wie viel Chuzpe kann man haben? - Adeles "When We Were Young" auf und die Sache war klar. Sie würde.

Gleich beim ersten Refrain gab es Applaus im Saal, bei ihrem zweiten Auftritt dann Standing Ovations. "Internationales Niveau", sagte Florian Silbereisen. Aber ob sie das Großkitschaufgebot hinter sich lassen kann? Mit diesem guten Radiolied, das das Publikum ihr ausgesucht hat und zu dem alle am Ende glücklich auf zwei und vier klatschten, während es Goldflitter regnete.

Nach zwei letzten Plätzen in den vergangen beiden Jahren wünscht sich ESC-Deutschland genau das. "Wir brauchen Punkte!", sagte Barbara Schöneberger gleich zu Beginn der Show mit weit aufgerissenen Augen.

Was Deutschland aber ganz sicher wieder nicht geschafft hat: Einen wirklich außergewöhnlichen Künstler auf die größte Popbühne des Kontinents zu schicken. Jemanden mit großem Glamour oder zumindest mit provokanter Albernheit, wie sie Stefan Raab oder Guildo Horn zu eigen war. Es wird auch 2017 keinen großen, freundlichen Schockmoment aus Deutschland geben, wie Conchita Wurst ihn bot, der das Andere feiert und all die neu erstarkten Traditionalisten in der Welt aufrüttelt. Und keinen politischen oder geschichtsbewussten Beitrag wie den Gewinner vom vergangenen Jahr, "1944", der Ukrainerin Jamala, in dem sie über die brutale Vertreibung der Krim-Tataren durch Stalin singt.

In Schweden, dem wohl ESC-verrücktesten Land der Welt, gibt es eine schwer übersetzbare Vokabel, die das klassische, nationale Lebensideal bezeichnet. "Lagom" heißt dieses Wort und es bedeutet so viel wie "genau richtig", vor allem aber: nicht zu viel. Es ist schade, dass es im Deutschen keine echte Entsprechung für "lagom" gibt. Man könnte so ein Wort für die deutschen ESC-Beiträge der letzten Jahre gut gebrauchen: "Mittelmäßig" klingt immer gleich so gemein.

Dann verliert Deutschland eben wieder

Es ist wohl so: So lange das deutsche Fernsehpublikum über den ESC-Beitrag abstimmt, wird man nur hoffen können, dass noch einmal eine schnodderige junge Frau wie Lena und ein richtig gutes Ohrwurmlied wie "Satellite" zueinanderfinden. Konsens ist meistens eher "lagom". In demokratischen Prozessen mag das genau richtig sein. In Kunst und Pop ist es das nicht unbedingt.

Vielleicht ist das aber auch gar nicht schlimm. Dann verliert Deutschland eben wieder oder kommt mit Levina ins Mittelfeld. Ein greller Abend mit Pathos und Party wird auch dieser Song Contest wieder werden. Warum er ESC-Fan sei, fragte Barbara Schöneberger einen Zuschauer mit ESC-Schal im Publikum. "Wegen der Völkerverständigung und wegen dem Frieden", sagte der. Und was sonst sollte man sich gerade wünschen von einer großen bunten Show, die dieses Jahr in einer eher unfriedlichen Stadt wie Kiew stattfindet?

Also: Seien wir "lagom". Und freuen wir uns auf die Flatterkleider.

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