Entwicklung beim Tatort Früher war alles anders

Früher war der Tatort nicht zwingend die Visitenkarte der Stadt, in der er spielte, manchmal waren Stadt und Region geradezu anonymisiert. In den Siebzigern ermittelte Hansjörg Felmy als Kommissar Haferkamp in Essen, aber das war nur ein stilisiertes Essen, mit Phantasievororten namens Suddenrath. Und einmal, in der wunderbaren Folge Fortuna III von 1976, führt die Spur auf jenen Fußballplatz in Katernberg, auf dem der Essener Held Helmut Rahn früher gekickt hatte. Das blieb im Tatort unerwähnt, die Regie hatte das reale Vereinsheim der Sportfreunde Katernberg zur fiktiven Vereinskneipe Lindenbruch umdekoriert. Es wurde ja ein Film gedreht, kein Heimatkundebeitrag.

Heute ist jeder Tatort eine Einladung an die Gemeinde: Sie darf beurteilen, ob ihre Stadt vernünftig rübergekommen ist. Die Bewohner sitzen auf einer der zahlreichen Tatort-Partys zusammen, oder sie debattieren in den Internetforen. Die Darstellung der Stadt kann wichtiger sein als die Erörterung der Frage: Wer ist der Mörder? Regionale Bezüge und Sensibilitäten werden wichtiger, nicht nur im Tatort, Forscher sprechen von den Bedürfnissen des glokalisierten Menschen. Im Internet vernetzt mit der Welt, durchs Fernsehen verwurzelt in der Nachbarschaft.

Früher kam im Dritten immer Bildungsfernsehen, Mathematiklehrer in hässlichen Pullovern zeigten, wie der Dreisatz geht. Heute ist das Dritte eine Abspielfläche, auf der der jeweiligen Scholle gehuldigt wird, von Dahoam is Dahoam bis zur Leuchte des Nordens. Früher war es peinlich, Dialekt zu sprechen, als Schüler in Norddeutschland trainierte man sich sein rollendes R lieber ab, damit einen die anderen nicht für einen Ostfriesen hielten. Heute ist es sexy, seinen Dialekt auszustellen. Ina Müller. Fettes Brot. Der Fernsehkoch Steffen Henssler dagegen nervt enorm mit seinem norddeutschen Geplärre am Herd.Der Tatort konserviert Eindrücke und definiert Eigenschaften neu. Er ist Heimatmuseum und Imagelabor. Dass Münster inzwischen - von Fremden oder flüchtigen Gästen - als Ort verstanden oder missverstanden wird, an dem vor allem Komiker leben, hat mit dem Tatort-Team Thiel und Boerne zu tun.

Jeder will einen Tatort

Kein Wunder, dass bei dieser Wirkung jeder Sender, jedes Land einen Tatort will und sich notfalls der Kritik aussetzt wie zum Beispiel die Schweizer. Gerade war ein sehr getragener Artikel in der Weltwoche, in dem es um Bergbauern ging, die den Investor mit der Mistgabel vertreiben. Und um Mörder, die ihre Opfer mit Tells Armbrust erlegen. "Wie kommt das Fernsehen dazu, ein solches Bild der Schweiz zu zeichnen?", fragte der Autor und kam ungefähr zur Ansicht, die Schweizer wollten halt den Deutschen gefallen, deswegen machten sie sich in ihren Tatorten selbst zu Witzfiguren, aber das könne auf keinen Fall so bleiben.

Schon 2014 kommt das nächste Team. Es startet der von den Franken - und erst recht dem formidablen Minister Markus Söder - herbeigesehnte Franken-Tatort. Zwischen Ober-, Unter- und Mittelfranken ist ein Streit darüber ausgebrochen, in welcher Stadt das Ganze spielen soll. Im Netz bloggen die Fans, der BR hat eine entsprechende Plattform freigeschaltet. In Würzburg seien Szenen der drei Musketiere gedreht worden, schreibt einer, Hunderte Würzburger Komparsen hätten mit klebrigen Bartattrappen viele Stunden ausgeharrt, das qualifiziere Würzburg für Höheres. "Mal ein Schwulenmord in Nürnberg, mal eine katholische Leiche in Bamberg, mal ein toter Winzer im Würzburger Weinfass", empfiehlt ein anderer. "Eindeutig Dadord Würzburch", schreibt ein Dritter.

Was die vielen, vielen Tatorte also beweisen: Die Beschäftigung mit Heimat ist eine sehr ernste Angelegenheit.

Tatort Wie gut kennen Sie den "Tatort"?
Quiz

TV-Quiz

Wie gut kennen Sie den "Tatort"?

Der "Tatort" ist aus der Sommerpause zurück und den Zuschauer erwarten spannende Einblicke. Testen Sie Ihr Wissen über die ARD-Krimireihe.