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Edward Snowden im ARD-Interview:"Wen soll ich denn verraten haben?"

Snowden selbst wirkt dann in der später gesendeten Interview-Aufzeichnung konzentriert und überzeugt von seinen Taten. Viele konkrete Neuigkeiten hat er nicht, da er nur über bereits veröffentlichte Dokumente redet. Die wichtigsten Erkenntnisse: Erstens, die NSA betreibt Wirtschaftsspionage. Zweitens: In Sachen Zusammenarbeit mit dem BND könnten noch Enthüllungen zu erwarten sein - Snowden spricht von dem berühmten Ringtausch-System, in dem sich westliche Geheimdienste gegenseitig mit Informationen versorgen und so theoretisch auch Überwachungsinformationen über ihre eigenen Bürger erhalten könnten ( Transkript hier).

"Der einzige Weg, wie die NSA Missbrauch aufdeckt, sind Selbstanzeigen", kritisiert er den Geheimdienst und die fehlende Kontrolle. US-Präsident Barack Obama habe in seiner Rede zwar kleine Änderungen verkündet, doch Snowden lässt durchblicken: Dafür, dass die NSA dem Präsidenten alleine untersteht, war das erstaunlich wenig.

Den Vorwurf des Verrats weist der 30-Jährige von sich: "Wenn es stimmt, dass ich ein Verräter bin, wen soll ich denn verraten haben? Ich habe alles, was ich weiß, der amerikanischen Öffentlichkeit, den amerikanischen Journalisten, geschenkt. Wenn das als Verrat gelten soll, sollten sich die Menschen wirklich fragen, für wen sie arbeiten. Die Öffentlichkeit ist ja schließlich ihr Chef und nicht ihr Feind."

Bizarre Online-Aufbereitung

Derzeit rechnet Snowden, dies hatte er bereits in einem Chat vergangene Woche erklärt, nicht mit einem fairen, öffentlichen Prozess. Er sei jedoch offen für Gespräche mit dem Weißen Haus - auch wenn er bislang "noch keinen Anruf" erhalten hätte.

Auf Anrufe warten muss der NDR am Montag wahrscheinlich nicht, die Online-Aufbereitung des Gesprächs wirft einige Fragen auf: So hatte der Sender das Interview zwar auf seine eigene Seite und auf Youtube hochgeladen, dort kann es aber nur in Deutschland abgerufen werden. Das mag an der Gesetzeslage für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk liegen. Auch eine Originalversion ohne Übersetzerstimme wird es nicht geben - die internationalen Rechte und damit auch die an der englischen Version liegen bei der Produktionsgesellschaft. Die ist allerdings eine NDR-Tochterfirma.

Damit ist klar: Im Ausland wird dieses einzigartige Snowden-Interview - zumindest offiziell - erst einmal niemand zu sehen bekommen. So schrumpft das große Wort "weltexklusiv" ganz schnell auf "deutschlandexklusiv" zusammen. Und die Strahlkraft dieses Scoops verglüht in den komplexen Firmenkonstrukten und Behördenstrukturen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Nachtrag: Mittlerweile ist das Snowden-Interview doch auf der Webseite des NDR in einer unsynchronisierten Fassung zu sehen. Die Vermutung liegt nahe, dass ARD bzw. NDR damit auf die vielfach vorgetragene Kritik am anfänglichen Fehlen der englischen Originalfassung reagiert haben. Das Video ist jedoch weiterhin nicht außerhalb Deutschlands abrufbar.