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Doku "Walaa!" im BR:Stürmerin zwischen den Welten

Walaa!

"Ich bin Araberin, Palästinenserin und Israelin. Aber zu allererst bin ich ein Mensch." Walaa Hussein bei einem Ligaspiel ihres Vereins Hapoel Ironi HaScharon.

(Foto: BR/megaherz gmbh)

Als Fußballspielerin eckt die Palästinenserin Walaa Hussein in ihrem muslimischen Umfeld an. Zumal, wenn sie ihren Sport teilweise in Israel ausübt. Die Doku "Walaa!" porträtiert eine Frau, die sich gegen alle Widrigkeiten selbst verwirklichen will.

"Fußball" und "Frauen", das passt inzwischen gut zusammen. Die Sportart, die einmal eine reine Männerdomäne war, hat in Deutschland eine weibliche Anhängerschaft in Millionenhöhe. Der Deutsche Fußballbund zählt mehr als eine Million Frauen und Mädchen zu seinen Mitgliedern, es gibt eine Profiliga im Frauenfußball und die Welt- und Europameisterschaften der Fußball-Frauen haben sich fest neben den Herren-Turnieren etabliert.

Kommt zu den zwei Worten "Fußball" und "Frauen" allerdings das Wort "Muslima" hinzu, wird es komplizierter: Allein durch die kurzen Hosen, die die Spielerinnen tragen, fühlen sich gläubige Moslems brüskiert. Und doch sind die drei Begriffe "Fußball", "Frau" und "Muslima" in Übereinstimmung zu bringen - sogar in der arabischen Welt.

Wie das funktionieren kann, davon handelt die Doku "Walaa!" von Noemi Schneider. Der Film ist ein Porträt der 23-jährigen Palästinenserin Walaa Hussein aus der Nähe des Städtchens Akko im Norden Israels. Walaa ist eine sogenannte 48er-Palästinenserin - der Begriff bezieht sich auf jene Araber und ihre Nachkommen, die bei der Gründung Israels im Jahre 1948 zu Bürgern des neuen Staats wurden.

Die junge Frau spielt für die Nationalmannschaft Palästinas, einem Staat also, der formal nicht existiert, der in weiten Teilen von israelischen Truppen besetzt ist und in den man von Israel aus nur über Militärposten gelangt. Zugleich ist sie Star des israelischen Erstliga-Vereins Hapoel Ironi HaScharon. Wäre Walaa eine deutsche Frau, der Stolz der Eltern ob ihrer gelungenen Sportlerinnenkarriere wäre ihr wohl gewiss. Doch sie ist Palästinenserin, und das macht die Dinge schwierig. Nur weil Vater Rassan, ein fußballbegeisterter Zimmermann, sie stets gegen alle Widerstände protegiert hat, konnte sie überhaupt Fußballerin werden.

Mutter Chadija war hingegen gar nicht begeistert davon, dass Walaa schon als Kind lieber mit den Jungs dem Fußball hinterherlief, statt im Haus zu spielen. Und auch ihr religiös-konservativer Bruder Murad hat Probleme mit der Fußballerinnen-Karriere der Schwester. Ihr Vater habe nie von ihr verlangt, sich zu verschleiern, erzählt Walaa im Film - Murad hingegen schon.

Checkpoints, Checkpoints und noch mal Checkpoints

Doch damit hören die Probleme der jungen Frau nicht auf. Denn sie wohnt im Westjordanland und spielt als Araberin in Israel, einem Land, das sich in ständiger Konfrontation mit eben jenen Arabern befindet.

"In Israel bin ich Israelin, in Palästina Palästinenserin", sagt Walaa zu ihrer Situation. Die Schizophrenie, der sie ausgesetzt ist, klingt damit bereits an. Doch welche Mühsal mit einer solchen Doppelexistenz im täglichen Leben verbunden ist, lässt sich nicht so leicht in Worte fassen. Der Verdienst von Schneiders Film besteht auch darin, die Beschwernisse Walaas in Bildern einzufangen: Immer wieder folgt ihr die Kamera bei den endlos erscheinenden Autofahrten von ihrem Heimatdorf Sha'ab bei Akko oder von ihrem Wohnort Zababdeh im Westjordanland zum Vereinsgelände ihres Clubs nördlich von Tel Aviv oder zum Trainingslager der palästinensischen Nationalmannschaft in den besetzten Gebieten. Dazwischen: Checkpoints, Checkpoints und noch mal Checkpoints, teilweise mit stundenlanger Wartezeit.

Walaas Trainer bei HaScharon ist sich der Strapazen bewusst, die seiner Führungsspielerin auferlegt sind: "Um zu uns zu kommen, muss sie zwei Mal durch den Checkpoint", sagt er. "Sie hat den Konflikt, wir nicht. Und sie macht den Job gut."

Noemi Schneider erweist mit ihrer Doku einer jungen Frau die Ehre, die mit ihrer Willenskraft demonstriert, dass es auch unter widrigen Umständen möglich ist, sich selbst zu verwirklichen. Das macht Mut, auch wenn die Filmemacherin ihre Botschaft schließlich selbst einschränkt. Denn am Ende gelangt Walaa zu einer ernüchternden Schlussfolgerung: "Das Problem ist, dass ich als Araberin, egal ob ich in Palästina oder in Israel bin, keine Chance habe, mich weiterzuentwickeln. Ich glaube, im Ausland habe ich bessere Möglichkeiten." Das Faktische ist manchmal eben doch stärker als jeder Wille.

Walaa!, Bayerisches Fernsehen, Dienstag, 22.45 Uhr