Doku über Antisemitismus Notwendige Einordnungen - Fehlanzeige

Wohl aber ist Differenzierung nötig, wenn es um Antisemitismusvorwürfe geht, oder um die Frage, wo eine Israelkritik sich antisemitischer Stereotype bedient oder ganz ins Antisemitische kippt. Unterscheidung braucht es auch, wenn es darum geht, historische Zusammenhänge zu erklären und Geschichte nicht einfach als Steinbruch zur Untermauerung der eigenen Meinung zu sehen.

Hier hapert es bei den Filmemachern. Die Geschichte der Flucht, Umsiedlung und Vertreibung der Palästinenser von 1948 erzählt ein israelischer Veteran mit leuchtenden Augen - als hätte es hier nicht Historiker gegeben, die das seriöser und informierter können.

Wichtigste Informationsquelle der Autoren ist, was die Arbeit der Hilfswerke im Gaza-Streifen und dem Westjordanland angeht, die israelische Organisation NGO-Monitor - sie steht der Regierung von Benjamin Netanjahu nahe. Das macht die Informationen nicht automatisch falsch, sauber wäre aber eine entsprechende Einordnung gewesen, die der Film nicht liefert.

Die Vielzahl der Fehler lässt ein Unbehagen beim Zuschauer wachsen

Gezeigt wird ein unsäglicher antisemitischer Ausspruch des Mitarbeiters einer Organisation, die von Brot für die Welt unterstützt wird; unterschlagen wird aber die Darstellung der Hilfsorganisation, dass der Mann 2014 genau deswegen entlassen wurde.

Es ist die Vielzahl dieser handwerklichen Fehler, die das Unbehagen beim Zuschauer wachsen lässt und den Eindruck verstärkt, dass dieses Handwerk den Autoren auch nicht wichtig ist - es nimmt doch nur den Schwung, wenn man die Gegenseite zitiert, es kostet doch nur Sendeplatz, wenn man dem Zweifel Raum gibt. Und dann geht es irgendwann nicht mehr einfach ums Handwerk, um eine schräg eingedrehte Schraube oder falsch eingebaute Tür. Es klemmt die ganze Konstruktion.

Das ist schade - und mehr noch: Es ist ein Schaden. Denn das Thema ist tatsächlich einen Film wert, der scharfe Fragen stellt und hart recherchiert. Es gibt einen wachsenden Antisemitismus, der als Israelkritik getarnt daherkommt: Wenn Zionismus und Nationalsozialismus gleichgesetzt werden, wenn "die" Israelis als Tätervolk diffamiert werden und Palästinenser nur Opfer sind.

Es gibt berechtigte Fragen an die Arbeit der Hilfsorganisationen in den Palästinensergebieten, es gibt eine Palästina-Solidaritäts-Szene, die nur die eine Seite wahrnimmt und nicht die andere.

Bestimmte Geschichten hätte es mehr geben sollen

Und es gibt vor allem Juden, die sich in Europa nicht mehr heimisch fühlen und ausgegrenzt, die sich nicht mehr trauen, mit Kippa durch die Stadt zu gehen, aus Angst, verprügelt zu werden, deren Kinder aus staatlichen Schulen gemobbt werden - auch, weil muslimische Jugendliche denken, sie würden hier nur die Mehrheitsmeinung in die Praxis umsetzen.

Ein Gefühl der Gefahr

Viele in Deutschland lebende Juden empfinden Antisemitismus unter Muslimen als persönliche Bedrohung. Ein Expertenkreis fordert nun eine eigene Datenbank für Straftaten - oder den Besuch von Gedenkstätten im Rahmen von Integrationskursen. Von Thorsten Schmitz mehr ...

Der Film hat eindrucksvolle und starke Szenen. Die bedrückendsten und am stärksten berührenden sind jene aus dem Pariser Vorort Sarcelles, wo eine Pro-Palästina-Demonstration 2014 zum Pogrom wird, wo aus dem Inneren einer belagerten Synagoge heraus zu sehen ist, wie draußen der Mob tobt, wie jüdische Jugendliche erzählen, dass dieses Frankreich nicht mehr ihre Heimat sein kann. Solche Geschichten hätte es mehr geben sollen.

Es hätte ein guter, strittiger und auch zu Recht unangenehmer Film werden können. Zensur ist immer eine schlechte Sache. Redaktionelle Bearbeitung dagegen nicht. Sechs Rechercheure gehen derzeit den Behauptungen nach, die im Film aufgestellt werden, sagt der WDR. Da staunt man nun doch und denkt: jetzt erst?

Auserwählt und ausgegrenzt - der Hass auf Juden in Europa, ARD, Mittwoch, 22.15 Uhr; anschließend um 23.45 Uhr der Talk Maischberger zum Thema.