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Diversität bei Streamingplattformen:Auch nicht anders

Maura (Jeffrey Tambor) hat früher als Mann gelebt, in der Amazon-Serie "Transparent" geht es um ihre Identitätsfindung.

(Foto: Beth Dubber; Amazon Prime)

Netflix und Amazon gelten als Erneuerer des Fernsehens, die nun endlich ein buntes, diverses Programm machen. Eine Studie hat nachgezählt. Und kommt zu einem ganz anderen Ergebnis.

Von Philipp Bovermann

Man kann über das Thema Diversität im Fernsehen viele Worte verlieren. Oder es so einfach machen wie Valerie-Siba Rousparast, eine Autorin des Missy Magazins, die in einem Artikel aus dem Jahr 2018 feststellte: "Das deutsche Fernsehen ist konservativ, diskriminierend und rassistisch." Also, schrieb sie, habe sie sich auf die Suche begeben. Sie fand "unaufgeräumte Wohnungen, verschlafene und unfrisierte Darsteller*innen und eine wackelige, aber teure Kameraführung" - den Netflix-Kosmos. Und damit endlich den "empowernden Feminismus", die vielfältigen Geschichten, die sie dem deutschen Fernsehen zur Nachahmung empfiehlt.

Die Geschichte von der neuen, bunten Welt des Internetfernsehens wurde davor und danach auch in zahlreichen anderen Medien erzählt. Nun könnte sie erste Risse bekommen. Denn ein Team der Universität Rostock hat - nicht nur bei Netflix, sondern auch bei Amazon, Sky, TNT und Maxdome - nachgezählt: Wie häufig sind welche Menschen vor und hinter der Kamera zu sehen, wie stereotyp werden Figuren dargestellt? Das Ergebnis: In bestimmten Punkten hinken die Plattformen den linearen deutschen Sendern sogar hinterher.

Bei Eigenproduktionen der Streaming-Anbieter seien jeweils knapp sechzig Prozent aller Protagonisten und Hauptfiguren Männer, schreiben die Studienautoren. Das bezieht sich auf insgesamt 192 zwischen Januar 2012 und Juni 2019 auf der ganzen Welt von diesen Anbietern produzierte Serien. Wenn man sich nur die in diesem Zeitraum in Deutschland erschienenen Streaming-Eigenproduktionen anguckt, wird es sogar noch männlicher: 65 Prozent betrage der Anteil männlicher Protagonisten, bei Serien, die für das klassische deutsche Fernsehen produziert wurden, seien es 62 Prozent. Diese Vergleichszahlen für Fernsehserien stammen aus einer Studie aus dem Juni 2017.

Laut Studie gilt auch weiter im Wesentlichen: Romantik weiblich, Action männlich

Wenige Monate zuvor waren damals zwei Untersuchungen erschienen, die zu dem Ergebnis kamen, dass bei 72 Prozent der zwischen 2011 und 2015 produzierten deutschen Filme Männer Regie führten, bei Eigenproduktionen von ARD oder ZDF waren es 83 Prozent. Bei den deutschen Eigenproduktionen für die Streamingplattformen lautet die Zahl nun: Rund 93 Prozent männliche Regie. Die Drehbücher stammten zu rund 89 Prozent von Männern.

Die Studienautoren haben außerdem entlang verschiedener Parameter Tabellen erstellt, wie die Figuren dargestellt werden. Bei der Vielfalt sexueller Lebensentwürfe seien die Streamingplattformen vergleichsweise divers. Allerdings: "Die Vielfalt von Frauen ist eingeschränkt", so der Befund. "Sie kommen seltener vor, sind jung, haben genormte schlanke Körper und Berufe, die ihre emotionale Kompetenz betonen", und sie würden "entlang tradierter Geschlechterbilder besetzt (Romantik weiblich, Action männlich)". Die Lebenswelten von Frauen ab 50 würden kaum erzählt.

Was die Sichtbarkeit unterschiedlicher Ethnien angeht, sei das Programm der Plattformen zwar "insgesamt divers", schließlich werde es auf der ganzen Welt produziert. Schaut man sich aber nur die Produktionen eines einzelnen Landes an, "überwiegt die Sichtbarkeit der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung". In den deutschen Produktionen etwa seien rund 89 Prozent der Figuren weiß. Menschen mit Migrationshintergrund, die rund ein Viertel der bundesdeutschen Bevölkerung bilden, sind laut Studie deutlich unterrepräsentiert.

Sie habe sich selbst über das Ergebnis gewundert, berichtet Elizabeth Prommer, Medienforscherin an der Universität Rockstock und verantwortlich für die Studie, über ihr Autotelefon. Die Streamingplattformen seien wahnsinnig gut in der Selbstvermarktung. "Dem bin ich auch aufgesessen." Zwar gebe es einzelne, mit entsprechend viel Tamtam ausgerollte Leuchtturmprojekte wie die von Amazon produzierte Serie Transparent über eine Transgender-Identitätsfindung, aber die Masse der Produktionen zeige ein anderes Bild. Die Plattformen präsentierten sich als "home of the creative", es gebe da diese Haltung: "Wir sind so kreativ und super, und dass da Jungs mit ihren Buddies Filme machen, das ist reiner Zufall. Dass es strukturelle Probleme gibt, wird nicht erkannt." Das sei in der ganzen deutschen Branche so, sagt Prommer. Weil die Streamingplattformen den Kreativen aber größere kreative Freiräume ließen als die öffentlich-rechtlichen Sender mit ihrem Heer an - häufig weiblichen - Redakteuren, fehlten die Kontrollmechanismen. So sei es möglicherweise zu erklären, dass im Streamingbereich häufig "Männer Serien mit Männern" machen, etwa "über den Bereich organisierte Kriminalität". Die These solle man sich aber bitte von jemandem bestätigen lassen, der tatsächlich mit den Studios der Plattformen arbeitet.

Die Gegenposition lautet: Die Plattformen ermunterten zu Diversität, aber eben nicht als Muss.

Die Drehbuchautorin Christine Heinlein, die bei der Netflix-Produktion Wir sind die Welle mitgeschrieben hat, sieht das tatsächlich ganz anders. Es stimme schon, die Plattformen brächten sehr konkrete Vorstellungen mit, welche Arten von Geschichte für welche Art von Zielgruppe sie sich wünschen, sie machten dann aber kaum Vorgaben, wie die Geschichten konkret erzählt werden sollen. Mit einem Fernsehsender säße man durchaus mal zwei Tage über der Abnahme eines Serienkonzepts, gehe Zeile für Zeile durch - bei Wir sind die Welle habe das eine Stunde gedauert. Mehr Freiräume führten zu mehr Diversität. "Man muss nicht mehr begründen, wenn man eine schwarze Figur in der Geschichte haben will: Warum ist die schwarz, was will man damit erzählen? Das hat sich total geändert, vielleicht ist die Figur einfach schwarz, ohne Klischees erfüllen zu müssen." Diese Art von Selbstverständlichkeit, "die Handbremse zu lockern, die man selbst im Kopf hat", begünstigten die Plattformen. Die Teams würden zu mehr Diversität ermuntert, aber eben "nicht als Muss".

Die Vorsitzende des Vereins Pro Quote Film, Barbara Rohm, schnauft in den Hörer, wenn man ihr von solchen Argumenten erzählt. "Es heißt, Quoten schränken die kreative Freiheit ein. Aber dass wir eine neunzigprozentige Männerquote haben, über gewachsene Männerseilschaften, die nur andere Männer reinholen, darüber redet niemand", sagt sie. "Plattformen fördern Experimentierräume. Aber wenn ich nicht schaue, wem ich diese Möglichkeiten eröffne, dann geht das immer stärker in so eine Richtung." Sie meint damit: in Richtung dessen, was die Studie der Universität Rostock enthüllt hat.

Nach konkreten Maßnahmen zur Frauenförderung befragt, antwortet Netflix, Vielfalt spiele dem Unternehmen "seit jeher eine ganz entscheidende Rolle, weil Millionen von Menschen auf der ganzen Welt unsere Inhalte sehen und ihre Lebenserfahrungen bei uns reflektiert sehen möchten". Sie sei daher "Kernbestandteil unserer Strategie". Amazon schickt ein Statement des Verantwortlichen für die deutschen Eigenproduktionen, Philip Pratt. Der erklärt, Diversität sei "bei Amazon Studios ein zentrales Thema". Das gehe "über Talente vor der Kamera weit hinaus", man unternehme "in allen Bereichen der Film- und Serienproduktion Anstrengungen, Vielfalt her- und darzustellen".

© SZ/tyc
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