Deutscher Fernsehpreis 2013 Durch Trümmerdialoge stolzierende Kostümträgern

Einfluss haben in Deutschland hingegen eigentlich bretthart abgesicherte Fernsehredakteure, die trotzdem große Quotenängste haben, und die deshalb von einer Handvoll schlauer Produzenten, die um diese Ängste wissen, immer wieder den gleichen Pudding serviert bekommen. Diese Produzenten spielen für das hiesige Fernsehen heute die Rolle, die Johannes Mario Simmel mal im Buchmarkt spielte: als Impresarios inhaltlich relevanter, formal seifiger Kartonware wie den ZDF-Dekorationsunsinn "Adlon" mit seinen durch Trümmerdialoge stolzierenden Kostümträgern.

Die Milliarden, die in den Sendern verdient und an Gebühren eingezogen werden, machen also keinesfalls kreativ. Das ist als Erkenntnis ja schon mal ganz interessant. Man kann dieses Einerlei aus Blingbling-Events, ein paar bemühten Mehrteilern und Sonntagskrimis nun für eine Petitesse halten. Dazu müsste man aber ignorieren, dass die aus den USA, auch aus England oder Dänemark, importierten Serien in Deutschland längst fesselnde Ereignisse sind. Jede Gegenwart braucht Erzählungen, um nicht böser Banalität anheimzufallen. Soll also die deutsche Gegenwart tagein tagaus durch Kommissare erzählt werden, die auf eine jeweils regionale Wasserleiche starren?

Wir haben gutes Erzählfernsehen bitter nötig. Der Literaturbetrieb als wirkungsmächtiger Kanon? Vorbei. Der Bühnenbetrieb? Hachgottchen. Das Beste, was 2013 aus dem hermetischen Bayreuth nach draußen drang, war ja nicht die übliche Empörung über die neuste gratismutige Bilderstürmerei. Sondern der herrliche Bericht Helene Hegemanns in der Zeit, die sich über die in den Bayreuther Pausen servierten Hummerbratwürste amüsierte.

"Nein: Wir haben keine Phantasie"

Während Produzenten in den USA also ein altes Medium wie das Fernsehen und die Distributionsmöglichkeiten des Internet für eine Renaissance des Erzählens nutzen, stehen in Deutschland Sendeanstalten herum, deren Organigramme aussehen wie die von mittelgroßen Ländern. Würden in den USA aber nicht besessene Produzenten den Ton angeben, sondern, wie in Deutschland, Redakteure reformresistenter Anstalten, man säße dort gerade an der 44. Staffel der Waltons.

Der Regisseur Leander Haußmann, berühmt für spektakuläre Erfolge wie tolle Bruchlandungen, sagte in einem denkwürdigen Gespräch mit der FAZ: "Wir überlassen den Markt den Amerikanern, beten sie an wie Gottheiten und sagen dann: Das können wir nicht, da haben wir kein Geld für. Nein: Wir haben keine Phantasie, keinen Mut, und wir können das nicht, weil wir alle noch rechtzeitig unsere Pensionen erreichen wollen."

Eines Tages wird man die Pensionäre fragen, was sie damals gemacht haben mit dem vielen Geld und den vielen tollen Künstlern. Die Pensionäre werden dann die Verantwortung übernehmen müssen für eine bleierne Zeit in Deutschland.