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Wuhan-Doku im SWR:"Im Grundsatz in Ordnung"

Die Story im Ersten

Szene aus der umstrittenen Dokumentation über Wuhan, die in der ARD-Reihe "Story im Ersten" läuft.

(Foto: SWR/CICC)

Die Absetzung der umstrittenen Wuhan-Doku mit chinesischem Propagandamaterial begründet der SWR auf eine Weise, die viele Fragen aufwirft. Schlüssige Antworten bleibt der Sender schuldig.

Von Hans Hoff

Beim Südwestrundfunk (SWR) tut man sich offensichtlich schwer mit der Aufarbeitung der Vorgänge um die am vergangenen Montag kurzfristig abgesetzte Dokumentation "Wuhan - Chronik eines Ausbruchs". Die war im Vorfeld der geplanten Ausstrahlung in die Kritik geraten, weil der Film in wesentlichen Teilen mit Material arbeitete, das vom China Intercontinental Communication Center (CICC) stammte. Die Süddeutsche Zeitung hatte über den Fall berichtet. Das CICC ist eine Unterabteilung des chinesischen Propagandaapparats.

Die Herkunft des Materials wurde in der der Presse vorab zugänglichen Fassung des Films problematisiert, es hieß dort, das Material des CICC liefere kein vollständiges Bild und sei unter "nicht nachvollziehbaren Umständen" entstanden. Gleichwohl wurde dieser Mangel nicht durch eigene Aufnahmen ausgeglichen. Das CICC hatte zudem bei der Kooperation eine "Beratungsfunktion" inne. Es konnte Versionen des Manuskripts einsehen und soll dabei auch auf Änderungen gedrungen haben, wie mehrere Quellen der SZ berichten. Weder der SWR noch die mit der Herstellung beauftragte Firma Gebrüder Beetz Filmproduktion sahen darin offenbar ein größeres Problem.

Wie konnte es dazu kommen?

Fragt man beim SWR nach, wie sich das Ganze denn zugetragen hat, bekommt man freundliche, in der Sache aber eher ausweichende Antworten - die der Sender im wesentlichen schon seit Wochenbeginn verbreitet. Diese Antworten aber werfen letztlich mehr Fragen auf, als sie beantworten.

Unklar bleibt nach wie vor, warum der Sender am Montag, dem Tag der geplanten Ausstrahlung, von seiner zunächst vertretenen Position, dass alles in Ordnung sei, abrückte. Zuvor hatte der SWR sich verteidigt, es habe alles seine Ordnung mit dem Einsatz des CICC-Materials, das einem "äußerst gründlichen Absichern aller Informationen" unterzogen worden sei. Der Produzent habe zudem erklärt, dass das Beratungsrecht des CICC "die Möglichkeit von Anmerkungen zu Textfassungen vorsah, jedoch nicht die Möglichkeit, Änderungen einzufordern", präzisiert der SWR auf Nachfrage.

Die Entscheidung zur Absetzung wurde dann vom SWR auch nicht mit der Problematik des CICC-Materials begründet, sondern damit: Es sei am Wochenende deutlich geworden, dass sich eine neue Situation ergeben habe und die Produktionsfirma sich nicht länger in der Lage sah, "die Rechteeinräumung am Material abzusichern". Man sei im regelmäßigen Austausch mit Beetz-Film gewesen und habe den Film, "wie auch bei anderen Produktionen üblich", bis zum Schluss bearbeitet. Das Thema Lizenzrechte habe sich "erst am Wochenende in einer gesonderten Korrespondenz unter den Juristen" ergeben.

Und in einer Erklärung der Gebrüder Beetz Filmproduktion heißt es: "Angesichts der Presseberichterstattung in Deutschland, die der Veröffentlichung unseres Films zuvorgekommen ist und die auch das CICC in China erreicht hat, hat sich eine aktuell neue Situation ergeben."

Welche Rolle spielte das CICC

Wie sind diese Statements denn nun zu verstehen? Hat das CICC auf die Vorabkritik reagiert und deshalb in letzter Minute seine Zustimmung zurückgezogen? Oder waren die Rechte gar nicht vollständig gesichert? Eine schlüssige Antwort darauf gibt es weder vom Sender noch von der Produktionsfirma. Sie wäre aber wichtig, schon weil die Formulierung die Deutung zulässt, das CICC könne womöglich durch einen Rückzug der Senderechte mittelbar Einfluss auf das Programm eines deutschen Senders genommen haben.

Der SWR verweist dazu auf die Produktionsfirma, die aber am Schluss ihrer knappen Erklärung deutlich macht, dass mit weiteren Antworten nicht zu rechnen ist. "Wir bitten um Verständnis dafür, dass wir aus rechtlichen Gründen weitere Nachfragen nicht beantworten können", heißt es.

Beetz-Film legt weiterhin Wert darauf, gegenüber dem CICC stets darauf bestanden zu haben, "dass das redaktionelle Letztentscheidungsrecht (,editorial right') beim ausstrahlenden Sender SWR liegen muss." Dies habe die Firma "zu keiner Zeit aufgegeben und dies war auch immer Bedingung, uns überhaupt auf eine solche Zusammenarbeit einzulassen", heißt es in der Erklärung

Chinesisches Propagandamaterial

Gescheitert wäre die Ausstrahlung einer öffentlich-rechtlich finanzierten Produktion demnach nicht an der Einsicht der Beteiligten, dass es problematisch sein könnte, den Ausbruch der Corona-Epidemie mit einem Film zu dokumentieren, zu dem man keine eigenen Bilder drehen konnte und der Meinung war, Chinas Propagandamaterial objektivieren zu können.

Gescheitert wäre die Ausstrahlung demnach auch nicht an den Bedenken von deutschen China-Korrespondenten, die durchaus Auswirkungen auf ihre Arbeitsbedingungen befürchteten, wenn ein Sender wie die ARD zum Abnehmer staatlich gelenkter Bilder aus China wird.

Gescheitert wäre die Ausstrahlung also lediglich an der Frage der Rechteeinräumung? Dies bestätigt der SWR. "Wir haben die Hinweise der aktuell arbeitenden China-Korrespondenten sehr ernst genommen", heißt es, aber: "Letztendlich hat jedoch die alles überlagernde lizenzrechtliche Thematik zur Entscheidung geführt, den Film nicht zu senden." Dies klingt nicht so, als habe man im Südwest-Sender das Problem schon voll erkannt.

Wo ist die Transparenz?

Auch auf die Frage, was die Produktion denn konkret gekostet habe, sagt der SWR nichts. "Kostenkalkulationen zwischen dem SWR und Produzenten können wir aus wettbewerbs- und datenschutzrechtlichen Gründen nicht veröffentlichen", heißt es. Mit der Frage, wer denn nun die Kosten für den nicht gesendeten Film trägt, stößt man beim SWR auf Unwissenheit. "Mit dieser Frage hat sich der SWR bislang noch nicht befasst, sie wird in den kommenden Wochen zu klären sein", heißt es. Beim SWR seien zu der Wuhan-Doku bisher "lediglich sehr überschaubare Bearbeitungskosten" angefallen.

Man fragt sich da schon kurz, ob man es beim SWR noch mit einem Sender der ARD zu tun hat, die sich in der Vergangenheit doch immer wieder mal ganz viel Transparenz auf die Fahnen geschrieben hat.

"Die kritischen Fragen, die in den Medienberichten der vergangenen Tage aufgeworfen wurde, nehmen wir sehr ernst", schreibt der SWR immerhin noch. Zwar sei man nach wie vor der Auffassung, dass die Verwendung von Fremdmaterial "im Grundsatz in Ordnung" sei. Das Thema Umgang mit Fremdmaterial werde aber selbstkritisch diskutiert und man werde auch für den internen Gebrauch die Rahmenbedingungen für den Umgang mit Fremdmaterial schriftlich fixieren.

Dafür immerhin gibt es Rückendeckung aus dem Anstaltenverbund. "Wir unterstützen die Aussage des SWR, künftig bei der Verwendung von Fremdmaterial die Rahmenbedingungen noch genauer zu hinterfragen", sagt eine ARD-Sprecherin.

© SZ/tyc
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