bedeckt München 20°

Medienkolumne "Abspann" zu Arafat Abou-Chaker:"Ihr verblendet die Leute"

Bild-Motiv: der Angeklagte Arafat Abou-Chaker Berlin den 13.01.2021 09.30 Strafkammer 38, Saal 500 Delikt: versuchte sch

Arafat Abou-Chaker, früher Freund und Manager des Rappers Bushido.

(Foto: Olaf Wagner/imago images)

Arafat Abou-Chaker überzieht auf Clubhouse seine Intimfeinde mit Vorwürfen. Einige seiner Anhänger vergleichen sich mit den Juden im Zweiten Weltkrieg. Und das Internet dreht frei.

Von Marie Schmidt

Auf Clubhouse, dieser App, die einem sonst nur die überflüssigsten Podiumsdiskussionen der Welt live aufs Handy sendet, war am Mittwochabend ein Mann zu hören, der mit sonorer Stimme Religionsunterricht gab: "Allah sagt, du musst beten." Es war der Berliner Arafat Abou-Chaker, einer von sechs Brüdern aus einer palästinensischen Großfamilie, von denen einige ganz zivile Leute sind, andere mit kriminellen Machenschaften in Verbindung gebracht werden.

Die berufsmäßig harmlosen Quasselstrippen, Journalisten und PR-Leute, die Clubhouse überwiegend bevölkern, fühlten sich von so einem starken Jungen angezogen. Weshalb Abou-Chaker von seiner Gemeinde vor dem minütlich wachsenden Publikum gewarnt werden musste und väterlich ein "Salam an die Reporter" aussprach. Drei davon holte er auf die virtuelle Bühne, man kannte sich aus der physischen Welt, es handelte sich offenkundig um Veteranen der Berichterstattung über die sogenannte Clan-Kriminalität.

"Ihr verblendet die Leute"

Ein harter verbaler Kampf folgte, in dem Abou-Chaker den Begriff "Clan" von sich wies, und den Journalismus en gros der Lüge zieh ("Ihr verblendet die Leute"). Die Reporter probierten indessen, ihm Aussagen zu seinem anhängigen Prozess aus der Nase zu ziehen, in dem der Rapper Bushido seinen ehemaligen Freund und Manager Arafat beschuldigt, ihn bedroht und angegriffen zu haben. Besonders der Bild-Reporter Peter Rossberg und Abou-Chaker sprachen, was das Aggressivitätslevel betrifft, auf Augenhöhe. Als sie auf dem Höhepunkt "mehr Selbstkritik" voneinander forderten, trat einer jener wundersamen Momente neuer Medien ein, in denen alles durcheinandergeht - Therapeutensprech, Egomanie, Kulturkriege - und die Zeit stillsteht. Mehr als 5000 Menschen hörten zu.

Sofort wurde das Ereignis auch auf Twitter und in anderen Clubhouse-Foren diskutiert, die Tweets wiederum Abou-Chaker vorgelesen, der sie kommentierte. In einer endlosen Feedbackschleife, die sich Stunden hinzog, verglich sich das Abou-Chaker-Umfeld unter anderem mit den Juden im Zweiten Weltkrieg, was der Angelegenheit das Komische nahm und weitere Schleifen nach sich zog. Nach Mitternacht war noch nicht absehbar, dass Arafat Abou-Chaker jemals wieder aufhören würde zu sprechen.

© SZ/tyc
Zur SZ-Startseite

SZ PlusClubhouse
:Bodo Ramelow hätte es besser wissen können

Thüringens Ministerpräsident plaudert im sozialen Netzwerk Clubhouse über Candy Crush und "Merkelchen" - und beklagt sich hinterher, dass es alle Welt erfährt. Ist die App der richtige Ort für vertrauliche Gespräche?

Von Andrian Kreye

Lesen Sie mehr zum Thema