"Borgen" auf Netflix:Von wegen sympathisch

Lesezeit: 2 min

"Borgen" auf Netflix: Besser denn je: Sidse Babett Knudsen als Birgitte Nyborg (r.).

Besser denn je: Sidse Babett Knudsen als Birgitte Nyborg (r.).

(Foto: Mike Kollöffel)

Die dänische Politserie "Borgen" kommt zurück - mit einer Protagonistin, die sich deutlich verändert hat. Zum Schlechteren. Wie gut!

Von Kathrin Müller-Lancé

Birgitte Nyborg ist zurück. Die Gesichtszüge härter, die Brille größer, die Bluse bis ganz oben zugeknöpft. Ist ja auch Zeit vergangen seit der vergangenen Staffel. Neun Jahre, genau genommen. Nun geht die dänische Politserie in eine neue Runde, und, das kann man ruhig schon mal vorwegnehmen: Sidse Babett Knudsen spielt die Hochleistungspolitikerin besser denn je.

Schon die vergangenen drei Staffeln, in denen die Spielchen und Seelen der Mächtigen durchleuchtet werden, waren hoch gelobt und vielfach ausgezeichnet worden. House of Cards war noch nicht geboren und Kevin Spacey noch nicht gecancelt. Als die ersten Staffeln von Borgen im dänischen Fernsehen liefen, hieß der amerikanische Präsident noch Barack Obama, und Donald Trump war ein unsympathischer Geschäftsmann. Viel ist passiert in der Zwischenzeit.

Nyborg ist inzwischen Außenministerin und muss einen Konflikt mit Grönland lösen

In der neuen und vierten Staffel, jetzt auf Netflix, zieht die Serie ordentlich an. Nyborg ist inzwischen nicht mehr Premierministerin, sondern Außenministerin von Dänemark. Die Kinder sind aus dem Haus, der Ex-Mann ist ergraut. "Ich freue mich, dass ich nicht mehr so viel arbeiten muss", sagt er. "Ich freue mich, dass ich viel arbeiten kann, ohne mich entschuldigen zu müssen", antwortet sie.

Viel zu tun gibt es auf jeden Fall. Im Zentrum der acht Folgen steht ein Konflikt mit Grönland. Ein Bohrunternehmen ist auf Öl in der Arktis gestoßen. Die Grönländer wollen den Fund für ihre Unabhängigkeit nutzen, Nyborg will das nicht, und am liebsten auch keine Pipeline. Des Klimas wegen. Zunächst zumindest.

Auch wenn das innenpolitische Klein-Klein im Regierungs- und Parlamentssitz Christiansborg, das die vergangenen Staffeln ausgemacht hat, in den Hintergrund gerät, ist Grönland als Nebenschauplatz keine schlechte Wahl. Die Arktis liefert spektakuläre Bilder, der Konflikt greift aktuelle Themen auf, Klima- und Identitätskrise inklusive. Auch die personellen Neuzugänge aus Grönland lohnen sich: Da wäre zum einen der grönländische Außenminister (Svend Hardenberg), der am liebsten zu Hause über einem Brettchen Wurst verhandelt und Nyborg mit seinen Forderungen das Leben schwermacht. Und Nyborgs Grönland-Botschafter (Mikkel Boe Følsgaard), der zwar alles von Polarforscher Knud Rasmussen gelesen hat, wegen Flugangst aber zum ersten Mal auf arktischem Boden klarkommen muss.

Es gibt aber auch Konstanten. Starjournalistin Katrine Fønsmark (auch toll: Birgitte Hjort Sørensen), zwischendurch mal Nyborgs Pressesprecherin, hadert mit ihrer neuen Rolle als Politikchefin beim öffentlich-rechtlichen Sender. Auf einmal ist sie die mittelalte weiße Frau, die Kolleginnen von Schwangerschaften abrät und auf Twitter Shitstorms für ihre Führungskultur bekommt.

Auch Nyborg hat mit dem Alter zu kämpfen. Das macht die Serie vielleicht ein bisschen überdeutlich. Mal zupft sie sich ein Haar vom Kinn, mal trocknet sie sich die Achseln mit Papierhandtüchern. Schon verstanden, die Außenministerin ist in der Menopause. "Ich bin 53, ich bin geschieden, ich bin allein", analysiert sie einmal. "Immerhin habe ich ein Abo bei einem Blumen-Lieferdienst."

In der Vergangenheit blieb Nyborg - trotz gekonnten Intrigierens - doch meist die Strahlefrau. Das ist jetzt anders. Spätestens, als sie nach zwei Flaschen Wein über den Büroboden robbt und ihren politischen Erzfeind zum Berater macht, ist auch in Birgitte Nyborg ein bisschen Frank Underwood zu spüren. "Ich habe sie noch nie so aggressiv erlebt", sagt Fønsmark über sie. Nyborg will ihr Amt um keinen Preis verlieren, lieber stellt sie ihren Sohn im Fernsehen bloß.

"Du bist nicht mehr du selbst, Birgitte", wirft ihr ziemlich am Ende der Parteivize vor. "Doch, aber ich passe mich den Umständen an", antwortet sie. Die Hauptprotagonistin verlässt die Rolle der Supersympathin. Das tut Borgen ziemlich gut.

Borgen - Macht und Ruhm, ab 2. Juni auf Netflix.

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