Queen-Trauerfeier im Fernsehen:Die halbe Welt

Lesezeit: 2 min

Queen-Trauerfeier im Fernsehen: Nur ein kleiner Teil von - ja, wie vielen eigentlich? Menschen warten am 19. September stundenlang an der Route des Trauerzugs.

Nur ein kleiner Teil von - ja, wie vielen eigentlich? Menschen warten am 19. September stundenlang an der Route des Trauerzugs.

(Foto: IMAGO/Joao Daniel Pereira/IMAGO/aal.photo)

Wie eine argentinische Bloggerin auf die viel zitierte Zahl von 4,1 Milliarden Zuschauern beim Begräbnis von Königin Elizabeth II. kam.

Von Aurelie von Blazekovic

Kritiker und Publikum sind sich nicht immer einig, das bestätigte die Trauerfeier der Queen am Montag wieder einmal. Muss das sein, fragten die einen, dass ARD und ZDF stundenlang, live und doppelt aus London berichten? In ewigen Bildern den Weg des königlichen Sargs nach Windsor in Luftaufnahmen zeigten, unterlegt mit mäßig erhellenden Kommentaren von Adelsexperten? Es musste sein, urteilte das Publikum. Das Interesse an der Fernsehübertragung war auf allen Sendern riesig, schon zwischen 9 und 16 Uhr sahen etwa im Ersten durchschnittlich fast drei Millionen Menschen zu, am Abend mehr.

Nun war der Abschied der ewigen Queen ein historisches und natürlich globales Ereignis. Wie viel Menschen verfolgten es wohl auf der ganzen Welt am Bildschirm? Eine Zahl hierzu gab es interessanterweise bereits vor der Trauerfeier: 4,1 Milliarden, "Schätzungen zufolge". Die halbe Erdbevölkerung.

Offenbar ist eine einzige Frau Urheberin der 4,1 Milliarden - wie kam sie auf die Zahl?

Auf diese Zahl beriefen sich nicht nur britische Boulevardblätter wie Daily Mail und Metro, sondern international unzählige Medien, in Deutschland unter anderem die Korrespondentin der "Tagesschau", ein Beitrag des Deutschlandfunks und die Nachrichtenagentur epd. Der Medienkritiker Stefan Niggemeier dröselte bei Übermedien auf, wieso eine seriöse Schätzung globaler Zuschauerzahlen dieser Größenordnung schwer bis unmöglich zu bewerkstelligen sei, schon gar nicht mit Nachkommastelle. Und wie es zu der weltweiten Verbreitung der Zahl kam. In Deutschland wurde ihr etwa durch einen Hamburger Experten Glaubwürdigkeit verliehen, der die ominösen 4,1 Milliarden zitierte und sich dabei auf andere "Experten" berief. Wer also ist der Ur-Experte, der Urheber der 4,1 Milliarden?

Offenbar, schreibt Übermedien, eine einzige Frau: Sie heißt Carolina Beltramo und schreibt für ein Blog namens WatchTVAbroad.com. Beltramo, heißt es auf dieser Webseite, sei eine Fernsehkritikerin aus Argentinien, liebe Filme und Netflix-Bingewatchen. Sie war es, die bereits Tage vor dem Begräbnis die viel zitierte Einschätzung abgab, dass "nicht weniger als 4,1 Milliarden Menschen erwartet" werden, "die am Montag einschalten, um Zeuge dieses historischen Ereignisses zu werden, wenn die Hälfte der Menschen auf dem Planet Erde innehalten, um ihren Respekt zu bekennen". Nachgefragt also bei Carolina Beltramo von WatchTVAbroad.com: Wie kam sie auf die 4,1 Milliarden?

Eine Antwort kommt nach wenigen Stunden per Mail - nicht aus Argentinien, dafür von einem Sprecher einer PR-Agentur in London. Wo sonst sollte man auch Auskunft darüber geben können, wie viele Erdbevölkerungsanteile sich für den Abschied der englischen Königin interessierten? Doch dann die Ernüchterung: "Es ist unmöglich, mit Sicherheit zu wissen, wie viele Menschen ein bestimmtes Ereignis zu einer bestimmten Zeit sehen", heißt es in dem Schreiben. Die Schätzung von Carolina Beltramo sei entstanden auf Grundlage von "Zuschauerzahlen von ähnlichen Ereignissen in der Vergangenheit" sowie Anpassungen hinsichtlich des "Bevölkerungswachstums" und der Tatsache, dass mobile Technologie heute stark verbreitet sei.

Das war es schon mit der Erklärung. Pi mal Daumen mal Livestream, fertig waren die 4,1 Milliarden. Eine gesicherte globale Quote - man ahnte es - gibt es also nicht. Vielleicht reicht ja auch zu wissen, dass es wohl genügend Zuschauer waren, um selbst in diesen Tagen der Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen eine Doppelberichterstattung zu rechtfertigen.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusElena Lappin über den Abschied von der Queen
:Ein Bild von dir

1964 machte meine Mutter Rada Biller in London ein Foto der Queen: Über eine Frau in Bewegung und einen bewegenden Abschied.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB