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ARD-Film "Über Barbarossaplatz":Ein Film ohne Seelenschalldämmung

Über Barbarossaplatz

Die Stadt und die Nacht: Psychotherapeutin Greta Chameni (Bibiana Beglau, links) trifft man häufig in Kölner Kneipen an.

(Foto: WDR)

Kölner Nacht, keiner schläft hier durch, noch nie so viele Nackte über vierzig im deutschen Fernsehen gesehen. "Über Barbarossaplatz" könnte zur Reihe werden. Traut sich die ARD das?

Der Sound ist sofort da, vom ersten Moment an, wie ein Rauschen, aus dem alles kommt. Der Sound, das ist die Stadt, die Straßenbahn, das Kreischen von Metall auf Metall, Reifen auf nassem Asphalt, Wortgewirr auf dem Bürgersteig, Hupen, etwas wildere Jazzbläser.

Oben, also über dem Kölner Barbarossaplatz, geht die Psychotherapeutin Greta Chameni in der Praxis herum, raucht und telefoniert, gruppiert ein paar Dinge, Topfpflanzen zum Beispiel. Ihre Praxis: okay, aber weit entfernt vom üblichen Fernsehdoktor oder dem Milieu "Akademiker und Singles mit Niveau". Vor allem dringt die Stadt durch alle Ritzen, auch noch beim Besprechen der Seelennot; Schallschutz ist eine Komfortzone, die hier nicht existiert.

"Warum trauern Sie eigentlich nicht um Ihren Mann?", fragt eine Patientin die Ärztin; bald ist klar, dass diese behandlungsbedürftige Stefanie, die gern mit mehreren Männern ins Hotelzimmer geht, auch sehr heftig trauert um diesen Mann.

Bibiana Beglau findet den Film lebensfroh: "Beim Bügeln wippt man da irgendwie mit!"

Gretas Ehemann und Praxispartner Rainer hat sich umgebracht, und weil Rainer den Rhein so mochte, was im Film genau so blöd witzig sein darf, wie es klingt, kippt Greta seine Asche von der Autofähre in den Fluss. Bibiana Beglau spielt die Greta unerhört intensiv in diesem WDR-Film ohne Seelenschalldämmung, der im Sommer beim Filmfest München Premiere hatte und vielleicht der Nachfolger von Bloch in der ARD werden könnte. Regisseur Jan Bonny hat ihn nach einem Buch von Hannah Hollinger realisiert. Joachim Król ist Gretas ehemaliger Lehrer Benjamin, der vorgibt, eine Sterbegruppe zu leiten, und stattdessen zum Squash geht. Die Stadt aber bleibt immer sichtbar, auch nachts, wenn Freunde Greta zum Trotzallem-Feiern überreden, beim Chinesen in einem Licht, das dem Teint keinesfalls schmeichelt - die Kölner Nacht aber ist freundlich, keiner schläft hier durch, noch nie so viele Nackte über vierzig im deutschen Fernsehen gesehen. Und Greta behandelt Stefanie (Franziska Hartmann) weiter.

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Wie ungewöhnlich das ist, dachte man beim Filmfest, und wie toll. Zweiter Gedanke: Traut sich die ARD das?

Bibiana Beglau ist auch im Leben so, dass man denkt, die hat die wilden Locken nicht umsonst so auf dem Kopf, das ist reine Überschussenergie, die oben rauskommt. Verabredung am Bühneneingang des Münchner Residenztheaters, wo sie gerade mit Martin Kušej probt und spätestens seit der Extrem-Performance als Mephisto vom Publikum gefeiert wird. Sie fährt mit dem Rennrad vor, springt fröhlich ab, nimmt das Rad ohne die Bewegung zu unterbrechen auf die Schulter und läuft am Pförtner vorbei ins Gebäude. Jemand muss schnell her und nachschauen, ob ihr beim Wohnungstreichen Farbe auf die Haare getropft ist.

Was machen die da mit diesem Film?

Über Barbarossaplatz sei doch sehr lebensfroh, sagt Bibiana Beglau. "Ich finde, dass diese Erzählweise sehr gut ins Fernsehen passt." Aufgeregter, kompakter als fürs Kino, ordentliches Erzähltempo. Und die Musik: kein smoother amerikanischer Jazz, "sondern es ist deutscher Jazz, wir erinnern uns an Dichter wie Fauser, Brinkmann, aus Köln, Frankfurt, also der Sound von einer Stadt". Ja, findet Beglau "beim Bügeln wippt man da irgendwie mit!"

Um also zurückzukommen auf die Frage: Traut sich die ARD das? Die Antwort lautet: Ja. Das heißt: Nein.

Jedenfalls nicht am Mittwoch um 20.15 Uhr, wo Bloch lief. Um die Nackten, ist zu erfahren, sei es nicht gegangen dabei. Das wirft einige Fragen auf, die in die Eingeweide der ARD führen. Hauptfrage: Was machen die da mit diesem Film?

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Verantwortlich die Planung auf den Hauptsendeplätzen für Fernsehfilm ist eine Koordination in der ARD. Geleitet wird sie von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn, den der Zuschauer von Wahlabenden und Brennpunkten kennt. Schönenborn erklärt, dass Redakteure verschiedener Sender vorab die Filme sichten und ein Votum für die Platzierung abgeben. Diese Gruppe habe "die ungewöhnliche Machart von Über Barbarossaplatz goutiert, sah den Film aber einhellig nicht für ein breites Publikum um 20.15 Uhr, sondern ideal auf der zweiten Sendeschiene um 22.45 Uhr programmiert." Dem sei die Koordination Fernsehfilm "ohne kontroverse Debatte einstimmig" gefolgt.

Neue Folgen müssen entweder für 20.15 Uhr passen - oder es wird keine geben

Ja, es wird Leute geben, die Über Barbarossaplatz nicht mögen. Andrerseits gibt es auch Leute, die andere Filme am Mittwoch nicht mögen. Krasser als das Morden im bürgerlichen Gruselspiel Tatort ist Über Barbarossaplatz nicht. Aber gut, das ist erst mal die Lage.

Das ist, genauer gesagt, die Lage in einer Zeit, in der das deutsche Fernsehen mit rührender Verzweiflung nach eigenen Serienstoffen sucht, die so überraschend, originell und mutig sind wie das, was Amerikaner, Briten oder Dänen unermüdlich als Import liefern. Sowas soll her. Und wenn es mal da ist - was dann?

Nachfrage bei Gebhard Henke, dem WDR-Fernsehfim-Chef. Henke kann niemand unterstellen, dass er Über Barbarossaplatz nicht gewollt habe. Die Redaktion lag bei ihm höchstpersönlich, und man kann feststellen, dass Henke den Film so außergewöhnlich werden ließ, wie er ist. Und ihn dann auf die ARD-Welt losließ.

Henke sagt, den Sendeplatz 22.45 Uhr empfinde er "nicht als Drama". Es gebe ja auch im Kino das Spätprogramm oder Late-Night-Shows. Soweit ist das klar.

Wenn man Henke allerdings fragt, ob er sich als WDR-Fernsehfilm-Chef vorstellen könne, Über Barbarossaplatz dann eben am Dienstag als Reihe zu etablieren, wird es kompliziert. Denn da sagt Henke nein. "Außer für Debütfilme steht auf dem späten Dienstagssendeplatz kein Etat für Reihen zur Verfügung."

Übersetzt heißt das wohl: Entweder werden neue Folgen von Barbarossaplatz so ausfallen, dass die ARD-Koordinationsgruppe sie für 20.15 Uhr passend findet. Oder es wird keine neuen Folgen geben, zumindest keine, die der WDR finanziert.

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Was bedeutet das für den zweiten Teil, der gerade entwickelt wird? Schallisolierte Fenster? Die übliche TV-Klangwolke statt Jazz? Einen Gastauftritt von Jan Josef Liefers? Nackte nur noch unter vierzig?

Jan Bonny gilt als einer der Unberechenbarsten seines Fachs

Treffen mit Regisseur Jan Bonny in München vergangene Woche. Bonny dreht in Schwabing einen Polizeiruf mit Matthias Brandt. Die Szene handelt davon, dass es spätabends ist und Kommissar Hanns von Meuffels auf jemanden wartet, der nicht kommt. Mit Matthias Brandt hat Bonny auch den Kinofilm Gegenüber gedreht, er lief in Cannes und auf der Berlinale. Ein anderer Film von ihm, den er gemeinsam mit dem Künstler Alex Wissel produziert hat, heißt Single und lief bei einem Wiener Festival mit dem sehr schönen Titel "We Are a Parasite on the Institution of Cinema, an Institution of Parasites"; Single ging insgesamt mehr in Richtung Performance. Jan Bonny gilt als einer der Unberechenbarsten seines Fachs.

Es ist spätabends, als Bonny kommt. Ein großer Mensch, der gleichermaßen empfindsam und gemütlich wirkt. Die eigene Arbeit zu preisen, kriegt er nicht hin. Da stockt er, knödelt.

Also erst mal lieber von Köln reden, er lebt da, er mag das, die Verbindung von innen und außen, schon sehr rheinländisch sei das. Grundsätzlich mache man Filme aus Zuneigung, sagt er, aber streift es auch sofort wieder ab, lachend und kopfschüttelnd: "Riesensätze, O Gott."

Bonny ist wahrscheinlich in einer wenig beneidenswerten Situation. Es betrifft die zweite Episode von Über Barbarossaplatz. Das Buch entwickelt Christina Ebelt, mit der er bei Gegenüber zusammengearbeitet hat. Wenn Über Barbarossaplatz nun darauf getrimmt werden sollte, dass ARD-Redakteure die Ausstrahlung um 20.15 Uhr wagen, dann müsste Bonny das herstellen. Ausgerechnet er. Das könnte einen doch zur Verzweiflung treiben, oder?

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Jan Bonny sagt dazu erst mal: "In erster Linie finde ich es ganz okay, dass es den Film gibt, so wie er ist." Das bedeutet auf verhaltene Art dann wohl doch Freude.

Die Situation aber sei durch die Sendeplatzdebatte kompliziert, jetzt müsse man sehen, was ist, wenn sich "der Pulverdampf verzogen" hat. Bonny sagt, dass Kompromiss zum Filmemachen dazugehöre. Und dass ein 20.15-Uhr-Film am Ende vielleicht gar nicht so weit weg sei von den Figuren, die sie in der Pilotfolge erschaffen haben.

Joachim Król erzählt beim Bier von Fassbinder. Der Barmann kennt nur "Stirb langsam 3"

Man muss sich erst gewöhnen an diese Nicht-Erregung, zu der Bonny dann noch einen Satz liefert, der sich auf die Arbeit in der ARD wahrscheinlich ebenso beziehen lässt wie auf die Seelenlage von Greta Chameni, auf Köln und das Universum überhaupt. Bonny sagt: "Wenn es Widerstände gibt, aber es bleibt in Bewegung, dann ist das okay."

Und das kann man auch tatsächlich so sehen.

In Über Barbarossaplatz gibt es ein hübsche kleine Szene, in der Joachim Król einem Barmann von Fassbinders Serie Acht Stunden sind kein Tag erzählt.

Ich kenn nur Stirb langsam 3, sagt der Barmann.

Acht Stunden sind kein Tag wurde damals vom WDR finanziert.

Über Barbarossaplat z, ARD, Dienstag, 22.45 Uhr.

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