ARD-Film "Wunschkinder" Ein Film, über den man staunen muss

Die ARD zeigt ein herausragend recherchiertes Drama über ein deutsches Paar, das in Russland ein Kind adoptieren will - ganz ohne Klischees und moralische Überlegenheit.

TV-Kritik von Ralf Wiegand

Wenn man weiß, wie die Adoption eines russischen Kindes wirklich abläuft, dann kann man über diesen Film, über Wunschkinder, nur staunen. Wie oft verlieren sich Spielfilme, die sich ein bestimmtes Milieu vorknöpfen, in Klischees und Wortstanzen, in moralischer Überlegenheit oder volkshochverschulter Besserwisserei. Wie oft passiert es, dass in 90 Minuten jedes Für und Wider, jedes Einerseits und Andererseits in manischer Ausgewogenheit als plakative Parolen von beleidigend plump überzeichneten Charakteren hin und her geworfen werden.

Und wie selten wird den Zuschauern das Recht gegeben, einfach zuzusehen, was in einer Nische des Lebens passiert, die sie vielleicht nur vom Hörensagen kennen, um ihre Schlüsse selbst zu ziehen. Filme, die sich so rücksichtslos auf die Bruchstellen der gesellschaftlichen Norm stürzen, vergessen allzu oft, dass sie tief in die Gefühlswelt von Menschen eindringen, die genau diese Brüche selbst erlebt haben. Solche schlecht gemachten Filme sind auf eine gewisse Weise respektlos. Gedreht wurden sie zuhauf, über Sterbehilfe, Demenz, Drogensucht, Armut, Mobbing und weiß der Geier was. Natürlich auch über Kinderlosigkeit und Adoption.

Wunschkinder verliert in keiner Sekunde den Respekt vor den Menschen, die der Film beschreibt - und auch nicht vor jenen Zuschauern, die im echten Leben ähnliche Erfahrungen gemacht haben und nun zufällig an diesem Mittwoch vor dem Fernseher sitzen. Auch wenn der Film ausdrücklich keiner über Adoption sein will, sondern die Liebesgeschichte von Marie und Peter erzählt, einem kinderlosen Paar, das für seinen Traum von einer Familie weit geht: Er nimmt diese Adoption doch ungeheuer ernst.

Wunschkinder verzichtet auf die bekannten Vorurteile

Jedes Formular, das Marie und Peter ausfüllen, das zermürbende Warten auf Entscheidungen, die warmherzigen Menschen in russischen Kinderheimen, die freiwilligen Helfer dort, die wissen, dass eine Auslandsadoption für "ihre" Kinder die einzige Chance auf eine Familie ist, und die russische Bürokratie, die oft mit Härte gegen die Scham ankämpft, dass dieses große Land so viele seiner Schwächsten einfach nicht haben will - all das passiert genau so.

Kaum zu glauben, dass das Kinderheim, um das es geht, als Kulisse in einer polnischen Fabrik nachgebaut wurde. Wer je in einem russischen Heim war, der kennt die Farbe der Wände, den netten Rentner an der Pforte, die Kittel der Erzieherinnen, die mitfühlende Anteilnahme und die distanzierte Skepsis, diese Achterbahn der Gefühle auf allen Seiten. Der Film nähert sich dem Paar, das den vielen Versuchen der Reproduktionsmedizin noch diesen einen Ausweg aus der Kinderlosigkeit anfügt - und zwar ausdrücklich nicht verzweifelt -, ohne den üblichen Vorwurf des Egoismus, ohne Argwohn, ohne Arroganz.

Wunschkinder verzichtet auf die bekannten Vorurteile, dass die Kinderlosen aus dem Westen sich die Babys aus dem Osten kaufen und dabei jeden schmieren, der nicht bei drei auf den Bäumen ist - aus einem einfachen Grund: Weil es nicht so ist, wenn die Adoption, wie in diesem Fall, legal und von Gesetzen geregelt stattfindet. Sie bleibt für die Betroffenen dennoch eines der größten Abenteuer, die das Leben bieten kann. Wie Kinderkriegen eben.

Das Abenteuer von Marie und Peter ist besonders groß, sonst wäre es kein Filmstoff. Zugrunde liegt eine wahre Geschichte, aufgeschrieben von Marion Gaedicke in dem Roman Wunschkind (Hoffmann und Campe) und sehr sensibel verwandelt von Drehbuchautorin Dorothee Schön in eine fernsehtaugliche Vorlage. Dem Film merkt man die Verantwortung an, die Autorin Schön, Regisseurin Emily Atef, Produzent Michael Polle und die so berührend spielenden Hauptdarsteller Victoria Mayer (Marie) und Godehard Giese (Peter) angenommen haben. Die echten Kinder, deren erste Schritte in ihr heutiges Leben hier erzählt werden, sind inzwischen 15 und 16 Jahre alt. Sie sehen ihre Geschichte nun mit den Augen ihrer Eltern, ihnen wird erzählt, warum sie heute hier leben. Vor ihnen muss dieser Film standhalten. Ganz sicher: Er tut es.

Wunschkinder, ARD, Mittwoch, 20.15 Uhr.

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