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Erdogan-Satire:Ein Jahr deutsch-türkischer Satirestreit - nur dafür?

NDR-Satireshow 'extra 3'

Extra 3: Satire (Abbildung ähnlich)

(Foto: dpa)

Kurzzeitig stand deutsche Satire unter dem Verdacht, tatsächlich relevant zu sein. Jetzt zeigt Extra 3 mit einem neuen Erdoğan-Video: Alles ist beim brachial-plumpen Alten.

Es gäbe eine Abkürzung durch diesen Text. Sie ist etwas kulturpessimistisch, aber sie spart jenen Zeit, die in den vergangenen fünf Jahren mehr als einen Beitrag zu deutscher Satire gelesen haben und damit wissen, was hier stehen wird. Die Abkürzung führt direkt in den vorletzten Absatz. Und sie geht so: Deutsche Satire ist auf brachial-plumpe Art irrelevant, unlustig und ästhetisch gestrig - darin aber wenigstens langweilig und teuer. War sie immer. Wird sie immer sein. Und gerade hat Extra 3 das mit einem neuen Song für Erdoğan, der konsequenterweise "Neuer Song für Erdogan" heißt, sehr eindrucksvoll bewiesen.

In der Langversion heißt das: Alles ist wie immer. Und es ist bezeichnend, dass das wirklich eine Nachricht ist.

Für kurze Zeit war schließlich etwas anders. Deutsche Satire stand im vergangenen Jahr ja tatsächlich für ein paar Monate unter Relevanz-Verdacht. Auch wegen des ersten Erdoğan-Videos von Extra 3, das immerhin noch einen Titel hatte: "Erdowie, Erdowo, Erdogan". Ein umgetexteter Nena-Song. Zeilen wie: "Bei Pressefreiheit kriegt er'n Hals/Drum braucht er viele Schals." Diese Dinge eben. Der türkische Präsident bestellte den deutschen Botschafter ein. Jan Böhmermann rezitierte in seiner Sendung ein "Schmähgedicht", um zu zeigen, wie man Erdoğan kritisieren darf - und wie nicht. Zeilen über Sex mit Tieren, Reime auf "Klöten" und "Schweinefurz". Diese Dinge immerhin.

Es geht um Grundrechte - eine beeindruckende Bilanz für deutsche Satire

Und deshalb folgte auch ein recht beeindruckender politischer Eklat: Nach Ausstrahlung der Sendung Ende März vergangenen Jahres stellte Erdoğan Strafanzeige wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts. Weil die Bundesregierung das ähnlich sah, konnte Böhmermann nach Paragraf 103, dem sogenannten "Schah-Paragrafen", verfolgt werden. Viele empfanden das als Kotau vor der Türkei. Die Staatsanwaltschaft Mainz hatte Anfang Oktober alle strafrechtlichen Ermittlungen eingestellt. Im parallel gestarteten zivilrechtlichen Verfahren verbot das Landgericht Hamburg Böhmermann allerdings, mehrere Passagen zu wiederholen. Die Klöten. Den Furz. Den Tiersex. Gerade läuft die Berufung dagegen. "Herr Böhmermann wird die durch das Urteil erfolgte Einschränkung seiner Grundrechte nicht akzeptieren", erklärte sein Anwalt. Grundrechte! Die ganz großen Dinge.

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Das ist also der Rahmen, in dem wir uns da gerade bewegen: Ein Jahr Streit um Unterdrückung und Grundrechte. Um politische Doppelmoral und humoristischen Widerstand. Eine beeindruckende Bilanz. Nicht nur für deutsche Satire. Aber für die besonders.

Und nun das neue Video von Extra 3. Ein umgetexteter Nena-Song. Zeilen wie: "Erdo braucht kein Rumgezicke/Von dieser Terror-Nazikrücke./Jeder Europäer ist/Terrorhelfer und Faschist." Außerdem eine Aneinanderreihung von Nachrichtenschlagzeilen, die jeder kennt, der im vergangenen Jahr nicht im Wald gelebt hat. Darunter Bilder von Merkel auf Krücken. Nazi- und Taliban-Fotomontagen. 20 Prozent Türkenwitz-Klischee-Sauce wie die Szene, in der der Präsident angeblich den Satz "EU-Beitritt Izmir latte" auf einen Zettel schreibt. Und diesmal leider auch noch zwei Videos von einer rotwangig strahlenden und einer energisch gestikulierenden Frau. Die eine sagt, dass sie Allah hätten, den Propheten, und jetzt Erdoğan. Die andere sagt: "Erdoğan ist ein Held! Er ist kein Diktator!" Sehr fraglich, ob man Privatpersonen mit derart verblendeten Ansichten öffentlich ausstellen muss.

Leider folgen ausgerechnet auf diese beiden Szenen die zwei einzig starken Momente in den 90 Sekunden, die der Song dauert: Eine Frau mit panikgeweiteten Augen, die von einem Mann im Schwitzkasten - unterstützt von einem Polizisten in Kampfmontur - durchs Bild gerissen wird. Und ein Demonstrant, der frontal von einem Wasserwerfer erwischt und von der Kraft des Strahls zu Boden geschleudert wird. Man sieht in diesen Momenten die rohe, archaische, misogyne Gewalt des Erdoğan-Regimes. Sieht die Verachtung für Frauen, für Andersdenkende, für Grundrechte, für Freiheit. Die Satire bricht sich hier mit dem Propaganda-Irrsinn, den die beiden Frauen von sich geben.

Deutsche Satire ist wieder auf brachial-plumpe Art irrelevant und unlustig

Die restlichen 85 Sekunden sind leider wieder ein mächtiges Beispiel für alles, was falsch läuft im deutschen Humorbetrieb. Für die wurstige Banalität. Für die Unfähigkeit, dem Gezeigten und Gesagten eine zweite, eine eigene, eine entlarvende Ebene hinzuzufügen. Stattdessen: Konsens-Plattitüden. Ästhetisch und handwerklich liebloses Beömmeln. Mem-Scherze.

Nach einem Jahr Satire-Streit hat sich der Kreis also wieder geschlossen. Alles beim Alten: Deutsche Satire ist auf brachial-plumpe Art irrelevant, unlustig und ästhetisch gestrig - darin aber wenigstens langweilig und teuer. War sie immer. Wird sie immer sein. Und gerade hat Extra 3 das mit einem neuen Song für Erdoğan, der konsequenterweise "Neuer Song für Erdoğan" heißt, sehr eindrucksvoll bewiesen.

Und das Schlimmste: Angesichts der Realität in der Türkei muss man ja auch noch dankbar dafür sein, dass hier ein solcher Schmarrn gezeigt werden darf.

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